Und die Diademgestirnte zeigte es: von Schulter zu Fingerspitze müsse es laufen, sei eigentlich nichts anderes als Freude, so fein fühlen zu können, daß die Enden des Besens immer nur Blätter träfen — nie Sand. Kein Körnchen dürfe auffliegen. Wie der ganze Körper mitschwingen müsse und etwas an sich haben von der Kunst des Rutengängers; auch sei es rätlich, seine Besen selbst zu binden. Fertiggekaufte taugten nichts. Gargi ward einer versprochen aus Pisangrippen mit federndem Bambusstiel. Dann sei es viel leichter. Denn es ergab sich, daß es nichts weniger als leicht war. Freilich, einfach Schmutz fliegen machen, rechts und links, das konnte jeder. Das war Sklavenfrohn. Dann sah man aber auch anders aus dabei.

Sie ruhten am Brunnen. Nun wandte die Diademgestirnte dunkle Augenblüten in klaren Schalen Horus zu. Sah ihn zum ersten Mal an. Ganz groß, ganz tief. Gönnenden Wissens voll. Er überküßte sie: mit aufreizenden und wieder beruhigenden Küssen. Plötzlich ganz neuen, niegewußten, während Gargi, die holden Füße der Fremden im Schoß, mit ihnen spielte, als wäre jede Zehe ein kleines Feenweibchen, auf Seidenkissen zur Liebkosung bereit. Nun legte er die Diademgestirnte auf seine Arme. Den linken ganz umspült von ihren Sprunggelenken und Gargis Glieder wie Schleier über seinen Rücken fließend, riß es ihn nach vor; den Kopf in der Fremden Schoß gewühlt, daß sein leichtes Haar wie eine Anemone auseinanderfiel, warfen seine Zähne Anker in der ewigen Bucht. Wo aber dies sein Haar warm im Nacken auseinanderfiel, entstand zwischen zwei gebräunten Sehnen aus betörender Männlichkeit eine winzig harte Mulde. Flaum silberte in ihr. Dort trafen sich in einem kleinen Gruß die zärtlich entrückten Hände beider Frauen.

Als ein ungemeines Glück empfanden sie die mächtige Potenz dieser immediaten Annäherung. Noch scheu, ganz steil heraufgerissen werden in Intimität mit Überspringung aller Zwischenstufen, nur der des Taktes nicht. Denn irgendwie blieb jene ehrfürchtige, diskrete Distanz, mit der man Fremdheit ehrt — auf die sie Anspruch hat — die blieb bestehen. Auf unbegreifliche, nur dem Takt begreifliche Weise standen noch Formen und Schalen makellos. Nur war aus jeder dieser gesitteten Menschenschalen deren tiefster Kern unwiderstehlich hinübergewallt in die geheimnisvolle Dimension der Wonne. Auch dort gesetzlos nicht — nur anders eben.

Dann nahmen sie die Diademgestirnte in ihre Mitte — Schwertlilien ihrer Schenkel spielten dahin — führten sie dem Hause zu: den Bäderhallen des Erdgeschosses, den Ruheräumen. Nur in die samtnen Wände führten sie auch diese nicht. Keinen von all den heißen Knaben- und Frauenkörpern, die durch ihre Arme gingen und die sie erkannten: im einzigen Sinn, da Erkenntnis zwischen Sterblichen für einen Augenblick möglich ist oder — scheint.

Kamen oft in dieser Zeit zu Ganapati Sastriar: dem Märchenerzähler. Immer wieder gut, wie im Schatten der Weltesche, ruhte sich’s in seiner machtvoll-breiten Unzüchtigkeit.

Hockend am Fuß seiner Träume, erzählte er. Verkaufte Früchte dazwischen. Aß, was er nicht verkaufte, selber. Lebte doppelt: vom Erlös und Nicht-Erlös zugleich. War so dick, weil er immer im Schatten saß. Kein Sonnenstrahl durfte ihm das Fruchtfleisch der Bananen wieder aus den Poren ziehen. Schien aus einem süßen, prallen Stoff gemacht. Manchmal blieb ein kleines, nacktes Kind stehen, steckte den Finger an ihn, meinend, er schwitze Zuckerharz gleich einer Palme; klimperte dann enttäuscht mit seinem Aramudhi, dem Lendenamulett, zwischen den Beinen davon. War Ganapatis Mehlsack: die Brotfrucht, weg — der Mango auch —, nicht die dünnste Ananas für ihn übrig geblieben, pries sein Mund jene asketischen Bräuche, vor deren Macht alle Götter zittern, dann sprühten aus seinem Schlund ungeheuerliche Kasteiungen der Sadhus, wie Kraft aus einem Krater, bis die drei Reiche erbebten vor seinem Mangel an Obst ... Oder seine Lippen funkelten von Dhruva, dem Polarstern:

„Der König Uttanapada hatte zwei Frauen, von jeder einen Sohn. Einst saß der König auf dem Throne, auf seinem einen Knie das Kind der Lieblingskönigin Suruchi. Das sah Dhruva, sein zweites Kind, und voll Sehnsucht nach gleicher Zärtlichkeit, versuchte es des Königs andres Knie zu erklettern. Doch die Lieblingsfrau wies es mit höhnischen Worten zurück. Scham schlug in sein kleines Herz gleich dem einsilbigen Blitz, stumm ging es hinaus, hielt die Tröstungen seiner Mutter von sich ab und sprach in seiner großen Empörung:

‚Ich will aus mir selbst so hohen Rang erreichen, daß des Königs Thron und sein Knie und auf seinem Knie mein Bruder Uttama tief unter mir liegen sollen, und das für immer, nur erreichbar ihrem Gebet; ob ich gleich nicht von Suruchi, der Lieblingsfrau, geboren bin, sondern von dir, und du, meine Mutter, sollst meine Herrlichkeit schauen.‘

Dann ging dieses Kind von fünf Jahren aus der Stadt bis in den Dschungl. Dort saßen sieben Munis auf schwarzen Antilopenfellen; von ihnen erbat es Rat.

‚Prinz, die Kraft deines Willens ist über uns,‘ sprachen sie und neigten sich ihm. ‚Wir müssen dir den Weg zum Ziele zeigen: er ist in dir. Tue alle äußeren Eindrücke, tue Sonne, Mond und Sterne von dir ab, tue den jungen Frühling aus deinem Herzen, die äsenden Antilopen aus deinen Augen, die süßen Gräser von deinen Lippen, die singenden Erze von deinen Ohren. Lösche alles aus und für immer. Die furchtbare Leere aber lege um dich wie einen Gürtel, bis du entworden. Dann versenke dich in das Eine Tag und Nacht: das „Seiende“, in dem die Welt ist. Presse dein Bewußtsein des „Seienden“ hinab, bis wo am Grund der Wirbelsäule, dreieckig zusammengerollt, Kundalini wartet: die schlummernde Gottkraft in allen Wesen. Auf sie laß die nach innen gedrehten Sinne wie ein Brennglas glühen, versenkt jetzt alle in das Eine, das „Seiende“, bis Kundalini sich aufzurollen beginnt und durch die Wirbelsäule steigt und steigt ... Hat sie endlich den tausendblättrigen Lotos im Haupt berührt, so zwingst du das Seiende, du selbst zu sein, aus ihm heraus aufs neue zu werden, was immer du willst. A. U. M.‘