Sie hatte gelacht: „Recht aneifernd für mich.“
„Seine schöne Offenheit,“ fuhr Tatjana demütig dazwischen, „wie wunderbar objektiv er immer ist.“
Die Frau hatte ein hündisches Geschick, alle peinlichen Tatsachen um ihn zu verwedeln. So ertrug er — voll Sehnsucht nach Ebenbürtigkeit — doch kein freies Wort mehr, nur kritiklose Unterwerfung, unbewußt gewohnt, seine Umgebung ausschließlich von dem Gesichtspunkt zu wählen, sich ungestört überschätzen zu können.
An die „Krönung seines Lebens“ schien er wirklich noch immer nicht zu glauben, hätte er sonst von ihr, in diesem Zustand, Geld verlangt?
Natürlich nicht „verlangt“, eben nur angefragt, ob man nicht für ihren Baderaum jetzt einen Marmorblock kaufen solle — in Carrara sei ihm ein besonders schöner preiswert angeboten — käme sie aus den Bergen zurück, führe man zur Besichtigung hin. Auf alle Fälle möchte er die Summe als Scheck schon jetzt haben.
Sibyl wußte nicht so ganz genau, was ein Scheck sei, schämte sich, tief schüchtern, zu fragen, fürchtete Spott. Begriff nur, daß es sofort bares Geld bedeute, sagte nun zwar ja, später aber fiel ihr ein, er brauche die Summe ja nicht gleich, so könne sie neuerliche Belehnungszinsen bei ihrer Bank indessen sparen. Hatte Angst davor, seit dem letzten Mal. Diese ewigen Belehnungen zehrten zuviel auf, und Ralph hatte ja in seinem Schuldschein die Zinsen vergessen, so trug sie alle Lasten für ihn allein.
Ein bitteres Schreiben flog ihr in die Berge nach. „Geld“, als Wort, kam natürlich nicht vor. Er umschrieb es:
„Dein Benehmen gegen mich verschlechtert sich rapid. Du hältst Abmachungen nicht und bringst mich dadurch in peinliche Abhängigkeit. Hättest Du Deine Zusicherung aus irgendeinem Grund nicht halten können, es spielte gar keine Rolle, was wäre Finanzielles zwischen uns, nur in der Nicht-Mitteilung erblicke ich eine äußerst verletzende Geringschätzung meiner Person, um so weniger erträglich an jemandem, den man so sehr um guten Benehmens willen liebt, die ganze Natur hat sich da gleichsam so ‚gut benommen‘. Und all das — mir, der ich Dir eine Liebe entgegenbringe, wie sie nur noch im Märchen vorkommt.“
Ihn an die vergessenen Zinsen gemahnen: den wahren Grund des Aufschubs — niemals. So schickte sie zwar sofort die ganze Summe, doch kommentarlos, nahm lieber den Schein der Rücksichtslosigkeit auf sich, sein Gentlemantum zu schonen.
Wäre nur die erdenschwere Pein der nächsten Monate schon vorbei. Wie würde der Ästhet Entstellung ertragen? Was anderen fast verborgen, war für sein an Vollendung verwöhntes Auge bereits degoutant. Nie durfte der Vater Herschsohn nach Genua kommen, alte Leute duldete er nicht um sich, sein Kind mit Tatjana wuchs in Instituten auf, weil es unschön ausgefallen war. Das leichteste Unwohlsein schon galt als Schande. Welcher Jammer, als sie einmal die Spitze eines Fingernagels brach. Andern Tags kam er halb scherzend mit einem Formular von Lloyds angelaufen: „Wie Paderewski jeden Finger, so laß ich jetzt jeden deiner Fingernägel versichern.“