Die „Verhandlungen“ zogen sich durch Wochen ohne Resultat hin. Seine Advokaten brauten einen zählebigen Brei von Mißverständnissen, in den sie immer wieder zurückgestoßen wurde vom klaren Ufer der Tatsachen. Und hätte man ernstlich verhandelt, jede menschliche Beziehung wäre ja dann zu Ende gewesen, so mußte es schon deshalb vages Gerede bleiben: Schmollerei zwischen Verliebten, die ihre Stelldicheine aus fragwürdiger Laune in Advokaturskanzleien verlegt hatten. Für Sibyl ein kostspieliger Treffpunkt, diese stundenlangen Sitzungen, bei denen sie selbst nur ab und zu erschien, nicht für Ralph Herson, denn es ergab sich, daß er den beiden Anwälten ein jährliches Pauschale zur Ordnung all seiner Angelegenheiten seit langem ausgesetzt. Norman Bleiweiß war für Bilanz und Steuersachen, der süßflüssige Dr. Kosches fürs Private.
Und nie ließ er sie zur Überlegenheit der Verzweiflung kommen, trieb sie immer wieder in schwächende Hoffnung, und auch so sehr war dies in ihr, dies zu höchst Menschliche: dies Über-Allem-Stehen, daß sie auf Augenblicke sogar hinüberlächeln konnte, zu seinem genießenden Skalpell.
Endlich eines Tages sah Sibyl die Erlösung knapp vor sich und schlich ihr nach. Da war ein entfernter Vetter Ralph Hersons, Winkeladvokat und völlig deklassiert. Hatte eine ähnliche Art um Augen und Lippen, wenn ihm was gefiel, nur wie mit ranzigem Schmalz übergossen. Der sollte die Marter der Verzauberung brechen helfen. Sibyl, in einem alten Regenmantel versteckt, kroch um Straßenecken hinterdrein zur schmierigen Spelunke, wo er verkehrte. Sah stundenlang in leidender Schadenfreude zu, wie das entgötterte Abbild des andern, gütig und gerissen die Kellnerin unter einspeichelnden Worten in den Arm zu kneifen versuchte, bis eines Tages eine furchtbare Entdeckung kam: der schmutzige Winkeladvokat verschönte sich, blühte in den andern hinauf, statt daß jener zu ihm zerfiele. Sie schauderte: „Mein Gott, ich bin verloren.“
Zwischendurch fuhr man spazieren, als wäre nichts geschehen. Ralph kam, holte sie ab, sonniger, inbrünstiger als je, wie beglückt, wieder sprechen zu können mit ihr. So blieb alles in der Schwebe. Sie ließ es geschehen, barg lieber das Haupt im Schoß der Ungewißheit, denn wenn eine übergroße Liebe unter infernalischen Schmerzen ausgetrieben werden soll aus den Sinnen, wo allein die große Liebe wohnt, entstehen Wehenpausen: linde Inseln aus Frieden zwischen der zerreißenden Not.
Sie lebte fast ein wenig auf, wagte sich wieder hinaus und sah in diesen milden Pausen zuweilen, wie große fremde Vögel, zwei wundervolle Menschen ihre Straße ziehen: Herr und Dame von nie gesehener Art. Zufällig immer vor ihr — die Gesichter sah sie nicht, wußte sie schon aus Halshaltung, Kopf- und Ohransatz, verlangte nicht mehr, ganz erfüllt von dem Guß des Ganges allein. Nachlaufen dürfen, zwischen sie hinein, sie überflügelnd, einen Arm um jeden legen, mitziehen, in diesen Guß des Ganges geschlossen. Wie sich das fühlen müßte: als Durklang gefügt sein, in die reine Quint der beiden?
Dann schrak sie auf. Wieder ein ganz alleines Ich unter lauter fragwürdigem Draußen, wie einst als Kind.
Plötzlich brach er die Verhandlungen ab. Ein Telegramm riefe ihn nach Hause. Übergab alles seinen Vertretern. Dr. Kosches und Dr. Bleiweiß baten dringend um eine private Unterredung. Sie waren menschlichen Wohlwollens voll und bedauerten aufrichtig den — Pardon — falschen Stolz der gnädigen Frau. Alles wäre längst zu allgemeiner Zufriedenheit geordnet, hätte sie der Gegenpartei das Kind bedingungslos überlassen. Wenn sie Professor Herson doch nachreiste, mit diesem gewiß sehr erfreulichen Wesen überraschte! Er warte ja nur auf die goldene Brücke zur völligen Versöhnung.
Also gut, war nur das Schachern zu Ende, lieber den letzten Trumpf aus der Hand geben: das Kind.
Die kleine Pension am ligurischen Strand lag finster, als sie tief nachts mit Baby und Amme aus Berlin ankam. Sie hatte „Brangäne“ brieflich in ihr Kommen eingeweiht, wollte hier im Verborgenen die Überraschung vorbereiten. Nein, Zimmer seien nicht reserviert. Erst nach zwei Tagen erschien Tatjana, triefend vor Entschuldigungen, bat um Geduld: Der Hausherr sei krank zu Bett, sie würde täglich kommen, Bericht erstatten. Kam nicht. Am dritten Abend brach die Gefolterte aus, hingetrieben auf den breiten Schwingen eines schwarzen Windes nach dem alten Landhaus, wo sie ihm verfallen war. Schlich im Mondlicht über den blühenden Grund voll Öl und Wein, von ihrem Vermögen erworben, wie eine Diebin von Baum zu Baum. Waren die Hunde los? Drückte auf die geheime Feder der linken Seitentür. Stand zitternd im Park. Ein einziges gelbes Fensterauge hing voll in der fahlen Mauer. Die Hunde, wenn die Hunde sie als Einschleicherin entlarvten!