Da kam seine verschlagene Stimme und log:

„Ich will nicht lügen. Erst Ehe, dann Scheidung aus ‚unüberwindlicher Abneigung‘ — aber ich scheine doch — ganz im Gegenteil — eine unüberwindliche Neigung für Frau Sibyl zu haben.“

Und streichelte lange ihren Namen und ließ ihn nur ungern.

Um eines Wortspiels willen sollte sie also für ihr Leben deklassiert bleiben. Als ob er nicht um ihre verzweifelte Situation wüßte. Welcher Hohn! Und weiter:

Ihm läge es ob, die Dame vor einer Mesalliance zu bewahren, und das sei die Eheschließung mit ihm: einem Juden, offenbar in ihren Augen, da sie dieselbe doch absichtlich verhindert habe, als er ihr den Ehekontrakt zur Unterschrift gereicht.

Sie saß ganz still, gesenkten Hauptes, trank seinen Umriß ohne hinzusehen und jede Pore schrie:

„Weiß er denn nicht: man ist eine Frau, man geht fort, weil einem das Fortgehen die Seele bricht und man bleiben will, und man ist eine Säule Stolz, weil man zerbrochen sein will, man zürnt, weil man lieb sein will, man leidet Jammer, Haß, Qual, weil man noch mehr geküßt sein will; noch besser gehalten, in noch härteren, lieberen Armen. Fester. Und spüren, tief in die Nüstern einziehen das, wo man hingehört. Er aber läßt es geschehen, daß meine gerechte Empörung mich wegträgt von ihm, und braucht nur einen Schritt zu machen und alle Stacheln schließen sich, und mein Herz ist eine wilde Rose der Lust und will nichts sein, als Haut unter seiner Hand. Er aber tut, als wäre Haß Haß und glaubt mir — der Heuchler. Doch lieber sterben, als es ihm sagen und die heiligen Spielregeln der Liebe brechen. Das ist das unbestechliche Erz an mir, denn ich bin eine Frau.“

Jetzt hörte sie seine kühle Infamie ganz zu Dr. Lederer sich wenden, vertraulich, als wären die Herren unter sich:

„Ich bin, wie Sie sich denken können, schon öfter in ähnlicher Situation gewesen, nun, da pflege ich mich jedesmal von den Damen einfach auf Alimente verklagen zu lassen und der Fall ist für mich erledigt.“

Da sie aufspringen wollte zur Tür, kamen schon seine dämpfenden Arme, wie eines Dirigenten, sein flehendes Lächeln über sie, als sei diese ganze Kanzlei doch lediglich eine Liebhaberbühne, auf der die Heldin so obenhin, von Pausen und höfischen Scherzen unterbrochen, gerade eine Griseldisrolle probte. Die Geste erinnerte auch, daß sie dabei durch edle Haltung des Zuschauers Schönheitsgefühl zu befriedigen habe. Ja, er verlangte unbedingt Anmut während der Vivisektion, alles, was eben ein Kaninchen doch nicht zu bieten imstande war. „Charmion, Charmion,“ sagte sie sich, wie man ein Pferd abklopft.