„Mag er es behalten! Auch nichts von seinem Geld oder seiner Person will ich, das er mir nicht aus freien Stücken bietet, aber ich verlange Eines als mein Recht: die meiner Kaste gebührende Form. Man kann jemanden auffordern, gemeinsam eine Reise dritter Klasse zu machen. Gut — dann weiß er es im voraus, kann mitfahren oder wegbleiben. Nicht aber geht es, jemanden in den Salonwagen zu laden, um ihn dann, ist der Zug in voller Fahrt, nachträglich in den Viehwagen zu stoßen. Ich verlange eine Scheinehe mit sofortiger Scheidung. Ist das Soziale erst in Ordnung, kann alles Menschliche wieder anheben oder zu Ende sein. Nach der Scheidung stehen wir aufs neue frei, ‚herrlich wie am ersten Tag‘ einander gegenüber.“

„Nebbich,“ sagte der Alte und begann eine Art Schlangentanz um seine Klientin zu vollführen.

Ich sag’ Ihnen: Heirat um jeden Preis, welche Bedingungen die Gegenseite immer stellen mag, sonst verlieren Sie Ihre kleine Tochter — völlig, wegen der Klausel vom ‚makellosen Wandel‘. Kommt die Geschichte mit dem unehelichen Kinde heraus, hat ihr früherer Gatte das Gesetz für sich — ich höre, er wartet nur darauf. Also Achtung.“

Sie verließ ihr Hotelzimmer kaum mehr, ging erst in der Dunkelheit, Luft zu schöpfen, so sehr war ihr die neue Schmach ins Mark gefahren. Nur jetzt niemandem begegnen, mit niemandem sprechen müssen. Eines Tages schrillte das Telephon: Dr. Lederer erwarte beide Parteien in der Kanzlei um vier.

Nein, nein, erst morgen, noch eine Gnadenfrist! Jetzt war es Mittag. Schon um vier! Sie stand wie eine Gerichtete. Weinen wallte auf. Mit einem Schwung des Körpers warf sie sich flach auf den Rücken, daß ja nicht Tränen in die Augen stiegen, das Weiße trübend. Lag dann still und wartete. Kannte die geheimnisvolle Transfiguration durch die erregenden Ströme der Erwartung, wußte, wie sich Haut, Aug’, Duft, Haar wandelten, sich bereiteten; die letzten Stunden vor jeder Begegnung etwas Blumenhaftes, Durchscheinendes bekamen, das für ihn sich erschuf und mit ihm ging.

Aber was anziehen? Jede Modelinie war scheußlich oder entzückend, je nach der freiwilligen Einstellung auf sie, und in zeitlosem Gewand erschien man nicht in Advokaturskanzleien. Dieses Wetter dazu: einmal Regen, einmal Sonne — immer Sturm. Endlich schien wirklich nichts mehr auszusetzen, und völlig erschöpft, noch schwach von der Operation, ließ sich die Überreizte in einen Stuhl sinken, aufs Bett wagte sie nicht, des Hutes wegen, und fürchtete sich so, und wollte nicht fort, in das Lauernde hinaus. Doch auch hier im Sessel, mitsamt dem Sessel, zerrte sie ja die Zeit ebenso stetig und unerbittlich dem Schicksalsaugenblick entgegen.

Wie gut, daß die Kanzlei im dritten Stock lag. Jetzt noch zwei Treppen Gnade. Eine. Jetzt noch Stufen. Anläuten. Woher kannte sie dieses grüne Eis im Rücken so genau? Von der Abbitte im Tanzinstitut Wokurka-Crombée. Schon einmal durchlitten, also. Irgendwie wurde es viel leichter dadurch. Aus Dr. Lederers Privatzimmer kamen Stimmen — die seine. Sie lehnte den Kopf an die Tür. Einen Augenblick war alles Harmonie, Klarheit, Süße. Leuchtend trat sie ein, ganz Sicherheit und Anmut. Die Herren sprangen auf, man wurde also doch noch als Dame behandelt. Sie hatte noch so gar keine Erfahrung im Deklassiertsein. In einem Augenblick hatte er ihre Erscheinung ganz überschaut; wohin er auf sie blickte, war’s, als würden köstliche Früchte gestreut. Die Luft um ihn zitterte wie über einer Flamme. Dann senkte er die Lider, die sich wölbten von gesammeltem Triumph.

Gleich zwei Advokaten hatte er sich mitgebracht. Außer dem süßflüssigen Dr. Kosches einen, der aussah, als sei er wieder aus Amerika zurückgekommen. Ein gerupfter Nackthalsgeier, Norman Bleiweiß mit Namen.

Es ergab sich, daß alles ein Mißverständnis gewesen und er, Ralph Herson, den Eindruck habe gewinnen müssen, genarrt und verlassen worden zu sein, nachdem er sich in exorbitante Ausgaben für das künftige Heim gestürzt. Als milder Psychiater sehe er zwar manche Entschuldigung, das Vertrauen aber — ja, das müsse erst wieder verdient werden. Die bedingungslose Abtretung seines Kindes sei er gern bereit als erstes Zeichen beginnender Einsicht gelten zu lassen.

Sie saß zurückgelehnt und schwieg. Jetzt schoß ihr feurige Scham durch die Haut: Dr. Lederer hatte das Wort Heirat fallen lassen. Oh, in ein Mauseloch kriechen, noch lieber in seine Arme kriechen und ihn anflehen: „Schau, ohne dich kann ich schwer leben, ohne Selbstachtung aber doch gar nicht — mach’ ein Ende; keine Verhandlungen mehr.“ Und es fiel ihr ein, daß sie noch nie im Leben, an einer Schulter gelöst, hatte ruhen dürfen — in ihm ließ sich nie ruhen, so wenig wie in Gabriel.