Doch feine Hemmung hielt: nie einen Schlaf zerbrechen — nie einen Traum ermorden und Jene vielleicht, die drüben in ihm sind.

Er berührt einen Hebel an der Brüstung aus rosigem Granit, die das Halbrund der offenen Schlafterrasse umläuft. Lautlos dreht sich eine Metallkuppel — wie der Sektor einer Sternwarte — schließt den Raum, auf daß die Sonne, der gelbe Tageslöwe, nicht ihren Schlaf bespringe, ruhiges Ausschwingen des Unbewußten in der Elfenschale störe.

Dann steigt er hinab zu den Bäderhallen. Nur an der Schwelle hat sich der Knabe noch einmal sanft zurückgewandt über seine Schulter, die hart ist und geschwungen wie eines Falken Fittich.

Torflügel aus lichtem Erz glitten in mächtigen Angeln zurück, und zum Ausgehen bereit, schritt Horus die Terrasse des südlichen Parks hinab. Es war noch früh. Mit schleppenden Schleiern kam zarter Tag herauf, doch in den Palmen hingen noch streitlustige Sterne: Falmahaud, Sirra, Antares: der Gegenmars.

Es war die Frühe vor den Morgennebeln und alles blasser Kristall. Da kamen durch die reine Weite her drei Wesen herangeflogen: Wettläufer. Strahlengrade Glieder, sprunggestreckt, schienen den Raum nach rückwärts zu treiben; Wehen war um sie, Gefunkel von Spiel und Frühe. Hellfarbig die Sarongs, bloß ihr Haar, das um der Mittleren Haupt als silbriger Schleierhelm stand.

„Agai — Sigiria“. — Doch sie flogen winkend weiter. Nur die Läuferin mit dem silbrigen Helm bog ab, Horus entgegen, der sie an der Treppe auffing. Es war seine Mutter. Er verbeugte sich. Küßte ihre Hände; erst deren Rücken, dann die Innengeburt jedes Fingers. Linde liefen seine Lippen die azurnen Aderfäden hinauf zum Ellenbogen. Dann ließ er ehrerbietig los — trat zurück — Licht im Blick, verneigte sich ein zweites Mal. Ganz tief.

Stets war es ein kleines Fest, Lady Elcho am Morgen zu treffen, oft blieb sie bis Mittag unsichtbar: nach späten Stunden in Laboratorium und Bibliothek, klaren Nächten auf der Sternwarte oder vor der großen Orgel allein. Erschien sie aber, gehörten alle Stunden ihm, bis der Mittagdämon mit bleierner Rüstung jedes Lebendige in den Schatten niederdrückt. Dann schweiften beide über die Tropeninsel, nach Laune den Träger der Bewegung wählend: vom Rolls-Royce bis zu Rama-Krishna, dem alten Reitelefanten. War es sehr früh, die Straßen blank, schien es dem Knaben Lust am Volant — als Herr des Raumes — Kokosplantagen an sich vorbei zu peitschen, Blöcke blauer Lichtungen: alles, was Zäune hat, Grenze ist, und, sein Schicksal zwischen den Fingerspitzen, vorzustürzen ins herzzersprengende Nichts. — Oder sie ritten auf Pferden durch alle Farben; übergrellt vom phantastischen Grün der Reisfelder: dem zitternden Smaragd — durch Kakaopflanzungen, Dörfer. Und hier war es gerade, daß Begrenztes wieder, Enges, Einzelnes unermeßlich werden konnte: der Brunnenrand, ein lichtes Tier, Paradiesesaugen brauner Kinder.

Stand aber die Sonne hoch, trug Rama-Krishna sie auf schlingernden Pneumatiksäulen in den Dämmer der Wildernis: Ceylons Reservat. Hoher Urwald, Freistatt aller Tiere; an Ausmaß einem deutschen Bundesstaate gleich und dem Fußgänger undurchdringlich wie haushoher Filz.

Flach auf des Elefanten Rücken liegend, um von den Luftwurzeln nicht herabgefegt zu werden, getürmten Pflanzenozean über sich, erzählten sie einander ihre Träume, und das leiseste Tier, mächtigster Beschützer zugleich, drang immer tiefer in das dumpfdunkle Abenteuer — den lautlosen Tumult — berstend vor Leben und duftend nach Brunst und Tod.

War es gar Frühling nach den Monsunen, dann brach wohl Rama-Krishna nach solchem Ritt aus dem Dschungl hervor, anzuschauen wie einer jener Elefantenfürsten des Hitopadéça: „dahinstürmend gleich einer Wetterwolke, schwefelgelb vom Staub der Banjanblüten, mit honigfarbnen Stoßzähnen, und um den Duft des Brunstsaftes, der ihm aus den Schläfenhöhlen quoll, kreiste ein Schwarm wilder Bienen.“