An diesem Morgen aber begab es sich anders. Der Sinn stand ihnen nach Weite und Maß zugleich, nach beweglichem, mancherlei Möglichkeiten umspannendem Tun. So flirrten sie auf Rädern in die schönste Tropenstunde hinein, jene, die beide polare Klarheiten scheidet. Aus weißer Seide war die Welt. Mit hängenden Flatterschlägen strebten Schwärme fliegender Hunde — schwer wie Hammel — den Dickichten zu, um in höchsten Wipfeln zu zackichten Säcken gefaltet, an einer Kralle aufgehängt, schlafend im Winde zu wehen.

Wallen und Brauen war es einer noch wolkig-flüssigen Welt. Wie wenn aus Gischt und Licht das Lebendige sich eben zeugte. Noch unbegrenzt. Unverloren. Früh, sanft und ungeheuer. Aus verdunsteten Opalen gebären sich haarige Schäfte. Aus dem Nirgends kommen Luftwurzeln gehangen, saftgetränkt: Gelegenheitsorgane des Nichts. Durch niedre Regenbogen fahren beschweifte Vögel, leuchten auf — vergehen. Nebelgroß treibt ein Büffelhaupt aus schwarzen Nüstern seine Sonderwolken in den goldnen Dunst.

Und durch alles hindurch, über alles hinweg: Wissen um die Sonne. Daß sie wirkt, teilt, ordnet, die Luft dünn und schließlich fein werden muß wie Geist, und daß der letzte Rest des Chaos nur mehr als Tau-Franse in den Wimpern hängen wird.

Sie gleiten hügelab durch steigerndes Licht in weichgewelltes Land. Ein Streifen Löwenozean zergeht am Horizont. Vom unbändigen Grün bis an den Straßenrand gespült, klammern sich dort braune Dörfer an dem leblosen Strich fest; verteidigen sich mit Äxten und Spaten gegen den immer wieder anschwellenden Wald. Zahme Arbeitselefanten stehen als runzlige Ballons überall herum, lassen uralte Stämme unter gespannten Rüsseln knacken, schichten sie dann säuberlich lotrecht und wagrecht, ganz allein, mit weisem Wiegen des Hauptes und vielem Flappen der Ohren. Dann tritt man hinter sich, prüft das Werk und reibt unterdes mit lieben kleinen Verlegenheitsbewegungen ein Hinterbein am andern, wo zwischendurch das pauvre Schweineschwänzchen töricht hängt. Man ist auch sonst genau: Schlag zwölf die Mittagspause — und jeder der großen Professionisten läßt aus schon erhobnem Rüssel sein Stück Holz wieder fallen, alles liegen und stehen läßt er, geht einfach weg zum Lunch aus Reis und Zuckerrohr.

Die Straße herauf wandeln neben großäugigen Tieren Männer aus dem Blut der Sonne, schmale Frauenakte dazwischen — in einen einzigen farbigleuchtenden Schleier geschlagen. Kommen näher — sind Greisinnen; das Antlitz verfurcht, eingewelkt die winzigen, weitgespannten Kinderbrüstchen, so zart aber blieben die Lineamente — oder sind es Glied gewordene Gebärden? —, daß im wechselnden Sonnenstand der Lebensalter auch letzter, schräger Strahl reinen Kontur zeichnet, das Wunder geschieht und eine Greisin lieblich ist. Über nackten Männerschultern schwanken an Stangen Messingeimer oder Bananenbüschel, grellgelb und schwer. Wagschalen an diesem höchst edlen Menschenmaß. Es scheint das Maß zu sein „dieser ganzen in Namen und Gestalten auseinandergetretenen Welt, die der Brahman als Zauberer aus sich heraussetzt, wie der Träumer den Traum“.

An einer Stelle der Straße biegt der Wandelzug von Mensch und Tier in eine Kurve aus: Büffelgespanne, Reitelefanten, Rikshaw-kulis, Bananenträger, alles dämpft den Tritt. Es bildet sich eine stehende Welle von Rücksicht. Mitten im Weg liegt ein schlafender Hund.

Auf der feuchten Erde schweben viele Geisterspuren bloßer Füße; Zehenfächer mit leichter Ferse, vom unsichtbaren Bogen überspannt. Da und dort ein Blumenring, den Frauenfesseln abgestreift.

Unbeirrbar flirren die Räder hindurch.

Weiße Zebus: Gazellenrinder. Sie springen ab und hin, die helle Tierstirn in die Arme zu nehmen, den haarigen Stern mit seinen zottigen Radien zu streicheln — wie ein lauer Champignon fühlt sich der sanfte Schnüffel an — sie versinken in herrliche Geschöpfaugen. Dann führen Seitenpfade wieder leicht bergauf; grasbewachsene Dämme geleiten zwischen Wasserspiegeln der Reisfelder in das Überhangene der Haine.

Quer über Damm liegt ein alter schwarzer Wasserbüffel. Mit ihm verhandeln ist nicht leicht. Von Argumenten hält er wenig in seinem ungeheuren Schädel voll Wut. Doch volle zwanzig Sekunden braucht es, bevor er selber weiß, wie bös er ist. Die beiden ducken sich zu schnellster Fahrt. Knapp hintereinander sausen sie über den basaltnen Rücken weg.