Und fröhlich ihre Sitten.“
Gern als Gäste in Häusern, die Lis Empfehlungsbriefe auf langen Seidenblättern ihnen öffneten, lernten sie die Verschlingungen des treuherzigen Drachens: Höflichkeit. Er sperrt sein Maul auf, und die Zeit fällt hinein — gar nicht abzusehen, bis wohin.
So übten sie die Zeremonie des Reichens und Empfangens — Kult des Grußes, des Dankes und des Abschieds. Versuchten sich auch bald in den Lauten der großgewordnen Herzenssprache: glattgeschliffene Jade- und Onyxkugeln rollen lose ihre Silben, jede eine runde Anschauung: größten Inhalts, bei geringster Oberfläche; ebenso reibungslos gegen einander verschiebbar und sich verschiebend, wie die wimmelnden blauen Menschen selbst, von deren Lippen sie fallen. Daß diese Menschen glattrasiert an Körper und Köpfen sind, bis in Nase und Ohren hinein, scheint irgendwie auch seelisch keinerlei Widerborstigkeit aufkommen zu lassen. Gibt ihnen etwas Keglig-Spiegelndes, läßt eben noch freies Durcheinandergleiten zu. Stellte dagegen einer dem andern ein Bein, würde irgendwo etwas verfahren, verspreizt, verquert — China müßte sofort zu einem kompakten Leuteblock verfilzen. So aber gleitet das fast haßlos umeinander, in starken Bahnen einer Zivilisation der Übervölkerung:
„Sie scheint nur zwei Imperative zu kennen“ — meinte eines Tages Diana Elcho — „diskret sein und ausweichen. Dieses verbürgt ein friedlich wechselndes Geschehen überhaupt. Wichtiger aber scheint mir jenes: Diskretion allein garantiert da dem Einzelnen die unerläßliche Einsamkeit, muß wenigstens versuchen, ihm Ersatz zu sein für kostbare Raumtiefe, gefressen von der Art.“
Noch nie hatte Horus so ein Gewimmel gesehen. Menschen, wie sie im fließenden Wasser warmer Quellen schliefen, einen Stein als Kissen unter dem Kopf, einen zweiten auf dem Bauch, um nicht bewußtlos ins Tiefe gespült zu werden; Menschen, die nicht wagten, mit ihren schlafenden Leibern Erde brachzulegen, auf der Reis wachsen konnte.
Hatte beobachtet, wie im Morgengrauen unbegreiflich arme Menschen aus Kanälen herausgekrochen waren, rotblinzelnd ins Licht, eine halbzerkaute Ratte zwischen den Zähnen. Die gleichen rattenblutigen Lippen aber klangen bald von einem reinen, kindlich frohen, überaus gepflegten Gruß, weil auch sie von dem duftenden Geist des Li-tai-po und Thu-fu geschmeckt hatten und skandierend seine edlen Maße über regengelbe Ströme hinsangen, wo halbnackte, vor Kälte zitternde Kulis, den kupfernen Fahrlohn ins Ohr geklemmt, Antwort gaben in Perlmutterworten sehnsüchtiger Kaiserinnen, wenn sie Fächerdüfte dem Sohn des Himmels in den Thronsaal senden. —
Und immer noch schossen Melonenköpfchen in allen Größen — blanke Mausaugen drin — in die kargen Spatien zwischen den sanften Großen — ihre Mühsal zu mehren — die Welt zuzuleben, alle Natur in sprossende Chinesen umzusetzen. Horus hätte abwinken mögen: „Schon gut — genug. Dem Ahnenkult ein einziger Sohn.“ Warum übte diese sinnenreiche Rasse, im Sexuellen vielerfahren, nicht, was primitiven Stämmen Afrikas weder Geheimnis noch Problem? Warum speiste nicht auch hier das lebendige Wasser im uralten Zier- und Wundergarten des Geschlechts samenlose Feuerlilien, die seinen Strahl zu glühendem Duft verbrennen?
Doch eines Abends unterlag auch er dem Charme der Paganinis: der Kinder.
Tief im Innern des „südlichen Blütenlandes“ war ein Fest: Teebuden, Bücherstände, Shuo-Shu-Tis: Geschichtenerzähler. Massen stauten sich, Sandalenklappern verstummte, Feuerwerk begann. Horus überragte fast um Kopfeshöhe die kürzeren Südchinesen. Da stahlen sich geräuschlos von Frauenhüften, Männerhänden, eins nach dem andern kleine Wesen, schlossen um den Fremden lautlos einen Kreis. Berührten ihn nicht. Belästigten ihn in keiner Weise. Die Mündchen, klein wie Knopflöcher, blieben geschlossen. Doch eine freundlich unentrinnbare Suggestion ging von dem Babykranz aus: etwas, weit zwingender, weil taktvoller als Worte. Etwas, das unmittelbar zeigte, wie dunkel und ganz zugemauert von Hosen es da unten bei einem selbst war, während um den Kopf des älteren Bruders oben Feuerräder schnurrten, Leuchtkugeln ihm nur so aus beiden Ohren spritzten: violett aus dem linken — golden aus dem rechten; Preis dem großen älteren Bruder.
Der ältere Bruder hielt sich wacker, nach eigner Wertung erstaunlich gut sogar. Dann mit eins zog es ihn — Gegner oder nicht Gegner der Übervölkerung — zu seinem heiteren Erstaunen tief herab, wie man zu einem zärtlichen Kätzchen sich niederbeugen muß, und er hob den kürzesten dieser komischen Kegel sich auf den Kopf, einen zweiten auf die rechte Schulter, einen dritten auf den rechten Arm. Freiwillig trat der erste — nach einigen Minuten Höhenrausch — den Abstieg vom Gipfelkopf, diesmal über linke Schulter und Hüfte an, damit andre von rechts nachrücken könnten. Und es begann ein Continuum von Paganinis pyramidenförmig über den großen Bruder hinzuziehen. Eirunde, immer wechselnde Köpfchen säumten ihm den Kontur. Eine Bergprozession gelblicher Lampions, jeder mit zwei schwarzen Lichtern drin und einem Knopfloch. Das krönende Paganini oben aber hielt stets die seidenglatten Beinchen so, daß dem gastfreundlichen Kopf ja nichts von dem großen Funkel im Himmel verdeckt würde; sah auch manchmal selbst nach dem Rechten, umspannte das fremde Lotosgesicht mit seinen kleinen Händen, um es besonders grünen unter den stürzenden Leuchtkugeln zart entlang zu führen.