Gern verglichen sie die „Religion des guten Bürgers“ oder das „Tao“ mit Gotama Buddhas achtfachem Pfad und dem Vedanta.

Hier gab Jü-Chuan meist neidlos zu, daß „Sanskrita“ mit Recht „die Vollendete“ heiße, denn wo andre Zungen immer nur wieder hilflos das Wort „Seele“ vor sich hin zu stammeln vermögen, steigt hier aus tieferer Versunkenheit die Fülle.

„Es ist an dem,“ meinte Horus, „daß die Inder sich als eine lebendige Siebenfaltigkeit zu empfinden gelernt haben, an der jede Stufe fast kontinuierlich in die andre überleitet, wenn auch nur Ahnungen zu ihren drei letzten führen, mehr als Richtlinien, in denen die innere Entwicklung zu gehen hat.

Außen und zuerst ist nur ein aus Nahrung bestehendes Selbst. In diesem steckt wie in einer Kapsel das „Odemartige“, in diesem das Emotionelle: Liebe und Haß erzeugende, dann das manas- oder erkenntnisartige Selbst. In diesem endlich als Innerstes die drei Stufen des wonneartigen Selbst, von dem es heißt: „Fürwahr, dies ist die Essenz. Denn wer die Essenz erlangt hat, den erfüllet Wonne. Wer möchte atmen und wer leben, wenn in dem Weltenraum nicht diese Wonne wäre. Denn wann einer in diesem Unsichtbaren, Unkörperlichen, Unaussprechlichen, Unergründlichen den Standort findet, dann ist er zum Frieden eingegangen. Wenn er hingegen in ihm — wie in den vier ersten noch eine Höhlung — ein andres annimmt, dann hat er den Unfrieden. Es ist der Unfriede, der sich weise dünkt.“

„Ist dieses ‚wonneartige Selbst‘ ein Teil der Weltseele?“

Er stand auf, nahm ein Buch. Oft gebraucht, schlug es an rechter Stelle auseinander.

„Nein, geflügelte Perle, es heißt, das Innerste jedes Menschen sei nicht eine Emanation, ein Teil des ‚Brahman‘: der Weltseele, sondern voll und ganz dieses selbst. Wer das erkannt hat, für den gibt es weder mehr eine Wanderung der Seele, noch eine Erlösung. Er ist schon erlöst, wenn Erlöstsein bedeutet: Befreiung von der Notwendigkeit des Wahns, immer und immer wieder zu sterben.“ Und er las weiter: „Das Fortbestehen der Welt und des eignen Leibes erscheint ihm nur noch als eine Illusion, deren Schein er nicht heben, die ihn aber auch nicht weiter täuschen kann ...“

Des Lesenden Stimme wurde tief und ganz ruhig: „... bis nach Dahinfallen des Leibes er nicht wie die andern auszieht, sondern bleibt, wo er ist, was er ist und ewig war: das gestaltlose Prinzip alles Gestalteten, das seiner Natur nach ewige, reine, freie Brahman.“

„Dann haben eure Saddhus und Büßer,“ meinte Jü-Chuan, „wiewohl sie Beherrscher innerer Kräfte zu sein vorgeben, das ‚wonneartige‘ Selbst noch nicht gefunden, denn die Sage geht, ‚sie strebten ihren Leib zu vertausendfachen, um in den einen Gestalten die Sinnendinge zu genießen und zugleich in den andern ungeheuern Kasteiungen obzuliegen‘?“

„Gewiß, der Jogi erstrebt das ‚tat twam asi‘: das bist du, die Befreiung vom Kerker des Ich, nicht in der Essenz, sondern noch in der äußern Illusion. Dieses Ringen der Meisterasketen mit den Göttern um Macht, daß Vismavitra droht, einen neuen Indra zu schaffen, es spielt sich alles noch im Schein ab. Sich vertausendfachend, will der Jogi das ganze Weltgespinst der Maja zugleich sein, leiden und genießen, alle Dus in seinem Ich vereinen. Versucht auch den schmerzlichen Druck jener Kette, die Karma heißt, dadurch zu verteilen.“