„Was ist Karma?“

„Von jedem Geschöpf sei wohl anzunehmen, meint hier der Vedanta, daß es in einem früheren Dasein viele Werke angehäuft habe, die zu erwünschten und unerwünschten Früchten gereift. Der ganzen Welt Geschehen in jedem Augenblick sind eben diese Früchte. Das ist Karma. Da nun der Jogi in die machtvoll erweiterte Schale seines Ich die Herben und die Süßen vieler Leben zugleich preßt, stumpft er mit der Süße der einen bittres Gift der andern, das sonst vielleicht unvermischt auf ein blindes, kleines Einzelleben gefallen wäre und es ganz zerfressen hätte, wie ein Tropfen Säure eine Ameise. ‚Joga‘ scheint mir in manchem ein mystisches Dju-Djuzu: Jongleur-Trick, sich den karmischen Druck zu erleichtern. Vom wahren Wissen aber steht: ‚es verbrennt die Werke und den Samen der Werke‘.“

„Welches sind die Vorbedingungen für das Studium des Vedanta?“

Etwas befremdet sah er sie an: „Natürlich die gleichen wie beim ‚Tao‘ eures Lao-Tsu, oder dem achtfachen Pfad des Gotama Buddha: Verzicht auf Genuß des Lohnes hier und im Jenseits.“

Sie schwiegen. Dann bekam er sein glitzerndes, ganz junges Spitzbubengesicht. Neigte sich zur winzigen Quittenblüte im Lack:

„Die geflügelte Perle möchte nichts übereilen. Erst wer sich völlig ausgeliebt — ausgehaßt, ausgeglaubt — ausgezweifelt, kann den Weg des Vedanta beschreiten.“ — Dann mit einem fast väterlichen Wohlmeinen: „den Morgen seiner Inkarnationen genießen, dann als Grihasdha das Amt der Generation auf sich nehmen, erst das letzte Drittel des Lebens dem eignen ‚Brahman‘ weihen: mit Mantel und Schale in den Wald gehen, ein golden Geschlechtsloser, vollkommen Erwachter, Leidverlöschter. So befiehlt der Vedanta.“

„Befiehlt?“ — Aus dem Lotossitz, in dem sie wie ein zarter Buddha gekauert, erhob sich Gargi, die Hände im Schoß. Erhob sich aus sich selbst, wie ein wachsender Halm. Stand vor ihm. Sie hatte manchmal eine Art, vor Menschen zu stehen, das Haupt zu neigen oder ein klein wenig zu schütteln, wenn sie nicht ganz einverstanden war, mit geschlossenen Lidern, die lächelten. Um das zu sehen, widersprach er ihr bisweilen.

„Der Vedanta befiehlt nie, er belehrt nur.“ Sie zögerte. „Seine Worte sind wohl viel zu groß für meinen Mund, doch möchte ich ihren Sinn nicht meinem kleinen Zufallsausdruck überliefert sehen. Ich glaube, es heißt dort: ‚Der Vedanta befiehlt nicht, er belehrt nur: ähnlich wie bei Belehrung über eine Sache dadurch, daß man sie dem Auge nahebringt. Darum werden alle Imperative, auf die Erkenntnis des Brahman angewendet, ebenso stumpf wie ein Messer, mit dem man Steine schneiden will. Denn das ist unser Schmuck und Stolz, daß nach Erkenntnis des Brahman alles Tun-Sollen aufhört, sowie alles Getan-Haben‘.

Wer in sein wahres Selbst einziehen will: das Seiende, Unzerstörbare, muß seine guten und bösen Taten draußen lassen.“

„Seine guten und bösen Taten draußen lassen, wie schön. Meine ältere Schwester soll weiter sprechen,“ bat Jü-Chuan.