Er sah in diesem Sonnenaufgang an ihnen das tropisch schwerelose Mühen und Sterben als untrennbares Kontinuum gelebt. Sah in das wallende Gespinst aus Laubkronen, Vogelflug, Sonne, Küssen, Quellen, Atem den leuchtenden Todesfaden geschlungen: Ariadnefaden in die Freiheit; jederzeit wieder alles sein zu können: Blume, Tier, Licht. — — —
Wahn des Tuns fiel ab von ihm:
„Vielleicht ist Arbeit Sünde.“ — Der mit dem Aschenauge: sein verborgner Führer, wußte es gut: nichts berühren, was aus Arbeit stammt. Nur dort leben, wo die schöpferischen Wellen vieles Lebendigen durch uns gehen, das magische Fluidum aller freien Geschöpfe uns erfüllt und trägt wie zeugender Äther. Verwoben all diesen war er mit dem Blutnetz seiner ganzen wundervollen Jugend. Wußte es wie noch nie in diesen Tagen des Abschieds, da er reif und frei, auf festlich erhöhtem Deck, endlich hinübergleiten sollte zu den Wesen wie aus Schnee und Gold, in ihre weiße Welt.
Einen Augenblick sprang sein Herz an das Gitter des Entschlusses. Doch er hielt. Würde — mußte halten, auch bei anderm Abschied noch: Erasmus.
Die Elefanten drehten heim. Da warf er sich aus dem Palankin von Gargis Seite flach nach vor — nichts mehr vom Abschied sehen — preßte das Gesicht zwischen die Stirnbuckel Rama-Krishnas, verging dort im Geruch von Met und Sand. Wie Tafft rauschten die zerfransten Ohren auf. Im luftigen Wiegen des Elefantenganges kamen und fielen rhythmisch in ihn die Jahre vor seiner Mutter Tod. Waren ein unaufhörliches Fest gewesen, als fühle jede Stunde sich gedrungen, ihre ganze Wahrheit auszujubeln. Fließende Steigerung, klarer Rausch schien auszugehen von den silbrig erweiterten Augen — dem Schatten verhohlenen Drogengeruchs um die Nasenflügel der Nicht-Kranken, Nichts-Leidenden, nur immer Zarteren, als verwehe sie in Dekoktionen von Halmen und Gräsern, zwischen Ausbrüchen ihrer kindlich frohen, burschikosen, purzelbäumigen Lustigkeit. Es war etwas so Menschliches: dies Über-allem-Stehen, gab ihr den zeitlos-alterlosen Charme: — hatte ihn gegeben. Nun lag ihre Asche im Fundament des Riesenrefraktors eingeurnt.
Langsam stieg er zum Kuppelraum und seinem Flügel auf, den Erasmus selten mehr verließ, seit dort, über Diana Elchos zerfallenem Herzen, das große Auge in den Raum wuchs.
Wie lang so eine Wendeltreppe war: ein ganzes Leben lang. Er stieg sehr still, denn viel kam er zu bitten. Ihm war, als zertrete er Geist mit jedem Schritt.
Kam, den großen Freund niederzuzerren aus dem Reich, wo man, der niedren Sorgen frei, „vermittelst eines unzerstörbaren Erzgefäßes aus den fünf Brunnen schöpft.“ — Auch hemmte ihn Erinnerung an etwas in van Roys Gesicht vor seiner Mutter Tod. So, als wöge ihn dieser mit den Augenschalen, ob er „es“ wert. Irgendeinen verborgenen Preis wert, — vielleicht war es Einbildung gewesen? Die Herzlichkeit im Geistigen hatte niemals nachgelassen — Erasmus zog sich nur auf ein großes, jahrelanges Werk zurück. Duldete außer Gargi niemanden um sich. —
Horus trat ein. Etwas wie Glas und Schnee lag in dem stillen Kopf über der elastischen Gestalt. Sterngraue Augen sahen in seine goldnen. Sahen den Abschied. Er frug nicht, wie lang.
„Sei meinem Kind, was du mir warst. Solange ich fort bin.“