Sehr allmählich schmolz alles ins Gewohnte wieder. Der Rhajpute hatte sich ihm nun zugekehrt, unfaßbaren, ortlosen Blicks. Nur das Aschenauge sah einen Augenblick auf ihn.

Er fühlte: wie eine Flaumfeder herangesogen, hatte er einen Atemzug lang, solang ein einziger Ein- und Aushauch währt, an einem Wesen andern Ranges teilgehabt. Wußte zugleich: das blieb. Unverlierbar irgendwie. Ließ ihn stark — wehrlos und geborgen zurück.

Die Fähre legte an. Trug die Wartenden ans andre Ufer. Der Rhajpute aber ging zurück ins „Tal der nephritgrünen Wolke“, ohne sich umzusehen.

Auf grasiger, leicht abfallender Höhe, unter dem breiten Tempelblütenbaum — vor Weite und Meer — sprang ein Sonnenrausch sie an. Betäubung, Bezauberung des Lichts. Lachend fielen sie einander in die Arme. Begannen zu ringen; geballt, verschlungen, aufschnellend und gespannt. Ein Umeinandergleiten wie von Echsen, Aufgebäumtes und Kauerndes auch, Raubzeug im Ansprung: gepflegte Kunst japanischer Samurais. Es endete wie immer: bis hart an den Sieg ließ der so viel Stärkere die Gegnerin kommen, glitt, fast am Boden schon, mit stets erneuten Varianten unter ihr durch, hob die Leichte auf, gab ihr einen Kuß — warf sie dann auf beide Schultern weit ins Gras.

Vor wenig Jahren noch, auf einer Reise in Japan, als sie auf dicken Kokosmatten bei dem gelben Lehrer Griff und Gegengriff geübt, wußte er es anders. Dann eine Periode des Gleichgewichts — und jetzt! Ruchlos war der Siegestanz. Eine Schnur greiser Papageien, aus ihren Betrachtungen aufgestöbert und außerdem in der Mauser, traten vor Ekel von Bein zu Bein. Mißbilligten alles über Hornbrillen herab, schimpften mit dicken Zungen in einer uralten heiligen Gaunersprache. Flatterten schließlich fluchend davon.

Horus warf sich neben seine Mutter in den Schatten des Riesenbaumes. Sanfte Rührung dessen, der vom Beschützten zum Beschützer wird, allein durch die Magie der Zeit, griff an sein Herz.

Unheimlicher, verborgener ist nichts, als dies gespenstige Kontinuum, wenn es den Schwerpunkt unmerklich vom Schöpfer hinüberspült in das Geschaffene. Von der Gebärerin in das Geborene. Zu geisterhaftem, unzerreißbarem System sie schließend, in dem das eine schwillt, steigt, strahlend wird, indes das andre langsam scheidend sich verdunkelt und schließlich, ganz erloschen, nur mehr von reflektiertem Leben nachglänzt. War der Tag auch nur zu denken, da er in anderm noch, als bloßem Muskelspiel: als Persönlichkeit, der Mächtigere bliebe?

Sie hatten von je eine Art stiller Übereinkunft geschlossen, den großen Unterschied, den Leben und ungemeines Schicksal der Älteren schuf, diesen ganzen Fond unendlich überlegenen Wissens und Verstehens, in der Regel beiseite zu setzen. Den Knaben gleichsam „mit Vorgabe“ spielen zu lassen. Er wußte es wohl, war sich’s aber nicht immer bewußt. Doch kurze Trennung — noch so kleiner Anlaß — Umkehr des Gewohnten, und wieder wirkte der ergreifende Zauber dieser wissenden Güte auf ihn wie ein Schauer von Glück.

Als er vorhin die Überwundne von der Erde abgelöst, die Schleierschlanke über sich gehalten, das war ein Grenzenloses gewesen, einen Herzschlag lang. Jubelnd — tröstend:

„Du bist ja in mir. Und aus meinem Blut will ich dich weitergeben, und im Fernsten, wo die Lebenskette in Unfaßbares mündet, soll noch dein liebes Wesen sein.“