Zwei sehr ernste Autoren, wie Duval und Despierres widersprechen dieser Annahme und druckten in ihren Werken alte Dokumente als glaubwürdige Beweise ab; abgesehen von diesen Schriften spricht auch noch ein sehr einfacher Gedankengang gegen diese Behauptung. Im Jahre 1665 war die Feudalherrschaft noch in Blüte. Der Adel war noch nicht verarmt, wie später nach der Revolution. Damals, in Reichtum und Ansehen ungebeugt, bewohnten und benutzten die Adeligen ihre Schlösser noch selbst; hatten sie mehrere, so kamen dieselben wohl manches Mal noch zu Lebzeiten des Besitzers in Benutzung einer jüngeren Linie oder einer bevorzugten Maitresse. Ein bußfertiger Bruder oder eine alte Sünderin übertrug oder verschrieb ihre Herrschaft zur Rettung ihrer Seele der Kirche oder einem Kloster, seltener schon wurden Schlösser oder Burgen in Spitäler verwandelt. Doch der Gedanke, ein Schloß in eine Fabrik oder gar in eine Kaserne umzuwandeln, widerspricht ganz und gar dem aristokratischen Geiste jener selbstherrlichen Zeit. Dies blieb der Neuzeit vorbehalten, und leider oft zum Schaden der Ästhetik.

Die Gründung der Gesellschaft der points de France verteilte sich auf verschiedene Bezirke, wie Reims, Sedan, Aurillac und Argentan; und was nun von Alençon, dem wichtigsten, erzählt wird, gilt mehr oder minder von den anderen auch. Es wurden Gebäude für diesen Zweck eingeräumt und ausgestattet und man ließ Venetianerinnen und Flämländerinnen kommen und Frauen aus Alençon wurden angeworben, die genügende Schulung hatten.

Mit diesem kleinen Stabe hoffte Colbert in kurzer Zeit 8000 Arbeiterinnen heranbilden zu können. Darin wurden aber seine Erwartungen getäuscht, denn, so lange die Fabrik als solche unter der zehnjährigen Staatspatronanz stand, brachte man es auf nicht mehr wie 700 Arbeiterinnen, die Bevölkerung, die sich in ihrem Erwerbe bedroht sah, bot Widerstand, es kam häufig zu Ausschreitungen. Es wurde mit den neuen Mustern, die auch Monopol waren, Mißbrauch getrieben, was zwar strenge gestraft wurde aber Hetzereien und Wühlereien zur Tagesordnung machte. Trotzdem hatte die Manufaktur einen großen Erfolg. Louis XIV. erklärte den point de France zur offiziellen Hof-Etiquette, er trug ihn selbst und alles beeilte sich, ihn nachzuahmen.

Diese Fabrik muß man sich als ein Mittelding zwischen einer Fachschule und einer Aktiengesellschaft denken. Nachdem die ersten zehn Jahre verflossen waren, verwandelte sie sich in mehrere Privatunternehmen. Sie hatte aber ungemein befruchtend auf die allgemeine Spitzenindustrie gewirkt, obwohl man sich in den ersten fünfundzwanzig Jahren darauf beschränkte, die Venetianerspitzen möglichst getreu zu kopieren. Es war jene Gattung mit den brides picotées und war vielleicht nur im Relief etwas flacher gehalten. Doch der französische Geschmack kam bald zur Geltung, die Ausführung wurde zierlicher als die italienische und die Zeichnung wurde nach dem tonangebenden Geschmacke modifiziert. Wie aus den Venetianerspitzen derselben Zeit kann man an den Alençon bemerken, daß die brides wabenartig angeordnet waren, welche einen regelmäßigen réseau ahnen ließen. Im Anfange des XVIII. Jahrhunderts wurde der Versuch gemacht, den Klöppel-Reseau mit der Nadel nachzubilden. Es war auch die Konkurrenz, die das herbeiführte, denn die belgischen Spitzen wurden damals am Hofe viel getragen und drohten die points zu verdrängen. Die flämischen Mädchen werden offenbar die Anleitung dazu gegeben haben. In die Jahre zwischen 1700 und 1717 fallen die wichtigen Neuerungen, die den points d'Alençon ihr heutiges Ansehen gaben und sie von den venetianischen Spitzen so wesentlich unterscheiden, so daß sie von nun an eine ganz selbständige Gattung wurden. Es sind dies: der eigentliche, feine réseau, der dem Ansehen nach ähnlich wie der der Brüsseler Klöppel-Spitzen (point d'Angleterre) war; der Anfang des réseaus der Klöppelspitzen war sechseckig und ist später ein mehr längliches Viereck geworden und wird häufig réseau d'Alençon genannt. Dann wurde gleichzeitig die sogenannte maille bouclée und die bride tordue oder maille tordue gemacht, beides regelmäßige sechseckige Maschen, die nur größer und stärker wie der réseau sind. Die bride bouclée à picots, die von den Venetianern entlehnt war, nahm um diese Zeit ab. Die bride bouclée wird häufig den Argentans als Spezialität zugeschrieben; jede ihrer sechs Seiten wurde acht bis fünfzehn Mal mit Knopflochstich überzogen, wodurch sich natürlich dieser Grund durch große Dauerhaftigkeit auszeichnete und nebstbei in originellen Kontrast mit dem[5] feinen eigentlichen réseau trat, der häufig als zweiter Streifen den Rand der Spitzen zierte. Durch die Benützung des réseaus wurden auch Zeichnung und Technik der Alençons bedeutend geändert. Von nun an wurden die points d'Alençons nicht mehr in Einem gearbeitet, sondern in kleinen Teilen von verschiedenen Arbeiterinnen, so wie die Brüsseler Spitzen. Jede Arbeiterin war in ihrer Spezialität eingearbeitet, und ein Stück Spitzen ging durch zwölf bis sechzehn verschiedene Hände, bis es fertig war. Diese getrennte Arbeit war in Venedig nicht in Gebrauch gewesen, und ist eine französische Neuerung, die man von den belgischen Klöpplerinnen gelernt hatte. Bei alten Spitzen begnügte man sich mit der Ausführung von fleurs, welche aus entoilage oder remplis gebildet waren; eine brode umgab sie und die brides füllten den Grund. Nun aber werden die Spitzen häufig in zweierlei Streifen gemacht, Medaillons als »rivière« angeordnet, schlängelten sich durch die Spitzen. Diese Medaillons wurden nun mit zahllosen verschiedenen Stichen ausgefüllt, die man modes nannte und die das rempli ersetzten, das jetzt zu große Ähnlichkeit mit dem feinen réseau hatte. Eine Eigentümlichkeit der Nomenklatur des point de France oder d'Alençon ist, daß er ganz andere Namen für die verschiedenen Teile hat, wie sonst gebräuchlich.

Motivs, fond, entoilage, fleur war die Bezeichnung für die Blume, champs für den Grund, ob aus brides oder réseau, brode heißt das Cordonet, das die Zeichnung umgibt, modes, fenêtres oder portes heißen die jours und so weiter.

Points d'Alençon sind noch insoferne interessant, weil man an ihnen wie an keiner anderen Spitzenart den jeweilig herrschenden Stil in der Zeichnung verfolgen kann.

Die ältesten vor 1660, volkstümlich »velins« nach dem Pergament, auf dem sie gearbeitet wurden, genannt, unterscheiden sich nicht von den allerorts gemachten points coupés, Reticellas oder primitiven Venetianern. 1660 bis 1700 verlegte man sich auf die getreue Kopie der kostbaren Venetianer Reliefspitzen und anderer, edler Gattungen.

Kleine Dessinänderungen wurden dann später wohl auch versucht, aber erst von 1700 erhalten die points d'Alençon ihr gewohntes Aussehen.

Von 1717 bis 1754 (Louis XV.) füllten die Blumen der Zeichnung bei schmäleren Volants noch die ganze Breite der Spitzen aus. Der Schwerpunkt der modes ist gegen den Rand gedrängt. Der Grund ist in einer der drei Gattungen brides, oder in réseau ausgeführt. Unter Louis XVI. kommt die sehr charakteristische Façons in Streifen und zweierlei champs auf, auch wird später le réseau mouche gemacht, der dann in der Folge wieder aufgenommen wurde.

Oben Gesagtes gilt von den kleineren Volants und den Berthen; betrachtet man jedoch ein größeres Stück wie die damals modernern tabliers und sehr breiten Volants, so kann man nicht genug über den Reichtum und die Üppigkeit der jours und modes staunen, eine solche wohlgeordnete Fülle von Details drängt sich. Und die ganze, große Zeit einer vollkommen höfischen Kunstrichtung, die, man möchte sagen aus der Initiative einzelner Personen entstand und mit diesen verging, zieht an Einem vorbei, Versailles und Petit Trianon unter den drei Louis mit diesen lebt und stirbt der point d'Alençon, Füllhörner, Blumen, Fruttiguirlanden, Rosen und Schmetterlinge, schnäbelnde Vögel, Blumenvasen, Baßgeigen, Mandolinen, Wappen und Menschen, ja oft Medaillonporträts von den Regenten, dies alles wurde häufig unsymmetrisch und doch fein stilisiert angeordnet.