Sehr bemerkenswert ist die stetige Konkurrenz der verschiedenen Spitzengattungen untereinander; sie entlehnen die künstlerischen Wirkungen und ahmen sich nach, bald war point de France, bald wieder die flachen Klöppelspitzen der point d'Angleterre, oder die Malines Königinnen der Mode. Im Wettbewerb trachteten sie sich an Schönheit, Ähnlichkeit und dann Verschiedenheit und Neues bieten zu übertrumpfen. Um 1700 findet man an den »modes« der Alençon häufig einen point angewendet, den réseau rosacé, der, in Nadelstich transponiert, den ursprünglichen point de neige der Malines wiedergibt. Diesen point de neiges oder oeil de perdrix findet man durch das ganze XVIII. Jahrhundert an Brüsseler Spitzen (point d'Angleterre), Valenciennes, Malines, point Alençon und Argentan immer wieder in verschiedenen Ausführungen und Variationen, und es war der kostbarste Grund.
Einen großen Niedergang in der französischen Spitzenindustrie schuf der Widerruf des Edikts von Nantes im Jahre 1685. – Unzählige protestantische Familien verließen ihre Heimat und trugen ihre Fähigkeiten in fremde Länder – und gründeten durch ihre Kenntnisse und Geschicklichkeit neue Gewerbe – überhaupt haben die Religionsverfolgungen im Laufe der Jahrzehnte gerade zur Ausbreitung der Spitzenindustrie sehr viel beigetragen. Wenn Deutschland, Schweden, Dänemark, die Schweiz und das Erzgebirge überhaupt eine Spitzenindustrie haben, so verdanken sie es zum größten Teile den französischen und flämischen Emigranten. – Direkte Vorteile aber gewann Venedig daraus, es erzeugte Spitzen im französischen Geschmacke und beschickte damit wieder die französischen und europäischen Märkte. Den zweiten, verderblichen Einfluß hatte die französische Revolution. –
Während der Revolutionsjahre gingen die meisten Spitzen-Industrien in Frankreich zu Grunde, manche, man sagt mehr wie zwölf, für immer; Sedan, Aurillac, Valenciennes kamen nie mehr in Betrieb. Napoleon förderte, wo er konnte, die durch die Revolution lahmgelegten Gewerbe, auch den points d'Alençon wandte er seine Sympathien zu. Die points d'Alençon im Empire zeigen kleine Blümchen stilisiert im réseau verstreut; und dieses ist mit sogenannten petits pois, larmes oder grains de café, coeurs – oder wie diese kleinen Pünktchen sonst noch im empfindsamen Geschmack der Zeit heißen, verziert, maille bouclée wurde von nun an nicht mehr gemacht. Später wurden die Alençon 1830–60 die Blumen auf Maschintülle appliciert und Br. Mercier nahm einen Musterschutz auf seine Erfindung, die sechseckigen Maschintüll-Maschen mit Knopflochstich in eine maille bouclée zu verwandeln.
Dieses Verfahren hatte aber keine große Lebensfähigkeit in sich. Man sagt, es sei noch mühsamer, wie die eigentliche bride bouclée.
Das Cordonet oder die brode der Alençons war zu allen Zeiten schöner und dichter umschlungen, wie das der Venetianer- und Brüsslerspitzen, auch war das Relief weniger erhaben, obwohl man ihm durch Einlage von Roßhaarfäden manchmal mehr Konsistenz gab. Man unterschied früher points d'Alençon und point d'Argentan; letzterer galt als noch kostbarer wie ersterer. Der Unterschied war meistens in einer sorgfältigeren Ausführung in der Zeichnung, auch machte Argentan häufig die mühsame maille bouclée.
Sedan, Aurillac, Reims, Argentella hatten alle den sogenannten fond oeil de perdrix und dies waren lauter ähnliche Spitzen, die man heute schwer differenzieren kann. Argentella sind, wie der Name schon ahnen läßt, eine Abart, besser gesagt Spielart, der Argentan, möglicherweise sind sie wirklich von Genua stammend; die End-Partikel ihres Namens klingt jedenfalls italienisch; sie hatten den fond réseau rosacé besonders viel in Verwendung, das Cordonet ist zwar nicht niedergenäht, aber nicht ganz übersponnen, was auch auf italienische, nicht französische Fabrikation deuten würde, point de Sedan und point plat de Venise hatten einige Ähnlichkeit, Rokokkospitzen mit breiter, und so dichter Zeichnung, daß sie fast jedweden Grund entbehren konnten. Sie haben hie und da kleine Reliefs wie aufgesetzte Lichter im Genre der Brabante.
Colbert hatte gesiegt. Das Geld blieb im Lande und seine bureaukratische Schöpfung hatte die in ihrer Art einzig dastehenden point d'Alençon ins Leben gerufen. Das Wohlwollen der Regierung blieb ihnen stets treu; im Jahre 1811 wurde die Neuerung gemacht, den Arbeiterinnen Zeichenunterricht geben zu lassen, bisher hatte man das nirgends versucht.
Alençon hat eine jetzt noch lebende Tradition der Spitzenindustrie. Erbgesessene Familien bilden Dynastien, die alle Erinnerungen pflegen, teilweise auch publizistisch hervortreten; es sind dies Namen wie: Duval, Despierre, Baron Mercier.