Vor allem muß hervorgehoben werden, daß unter dem Namen point de Bruxelles vielerlei Spitzen, sowohl Nadel- wie Klöppelspitzen verstanden werden können. Dieser Mißbrauch mit dem Namen entspringt zum Teil aus der Willkür der Händler und Schneiderinnen und aus dem Unverständnis des Publikums. Es werden points à l'aiguille oder point de gaze für Nadelspitzen, alte Brabanter, duchesse und Applikations von Nadel- und Klöppel-Spitzen und fünferlei (!) Arten point d'Angleterre so genannt. Man sieht also, daß auch in der Bezeichnung der point d'Angleterre verwirrend vorgegangen wird, und es ist schwer, bei den vielfachen, widersprechenden Ansichten der Autoren das richtige in diesem Wirrwarr herauszufinden. Möglicherweise hat man früher wirklich mehr wie eine Gattung Spitzen darunter verstanden. Und als die Verwechslungen begannen und sich der Begriff, der einzig mit dem Namen verknüpft war, immer mehr verwischt hatte, wurde das Unverständnis wohl oft von den Händlern ausgenutzt, um die Käufer zu täuschen, insbesondere da der point d'Angleterre sehr kostbar und hochgeschätzt war.


Die Brüsseler Nadelspitzen, point à l'aiguille, wenn alt, point de gaze, wenn neu genannt, sind verhältnismäßig spät aufgekommen.

Die großen Erfolge der Venetianerspitzen und der point d'Alençon waren die unmittelbare Ursache für die Brüsseler Frauen, eine neue Art Nadelspitzen zu schaffen. Da sie erst gegen die Mitte des XVIII. Jahrhunderts (1720) aufkamen, wurden sie nicht mehr mit brides gemacht, sondern gleich mit dem réseau das damals neu und sehr in Mode war. Point à l'aiguille verleugnet nie seine Abkunft von den Alençon, obwohl diese Alençon einen ausgeprägteren, fast könnte man sagen, einen offiziellen Hofstil hatten. Das Cordonet ist bei den point à l'aiguille wie bei den heutigen point de gaze nicht mit einem aus mehreren Fäden gebildeten stark hervortretenden bride mit dichtem, gleichmäßigen Knopflochstich niedergehalten, sondern nur stellenweise mit point clair niedergenäht, ferner ist auch die Masche des réseaus eine andere. Die Brüsselermasche wird nur aus einer gedrehten Fadenschlinge gemacht, während bei dem Alençon-réseau der Faden am Ende einer solchen einfachen Maschenreihe angelangt, durch die Maschen zurückgeführt wird, so daß alle Seiten des Alençon-réseaus aus doppelten Faden bestehen, was natürlich die Dauerhaftigkeit des Grundes sehr erhöht.

Eine der schönsten Zierden des point à l'aiguille ist ein großer Reichtum und Mannigfaltigkeit an jours, jedoch ist die Zeichnung nicht so schwungvoll stilisiert wie die der Venetianer und nicht so zierlich steif wie der Alençon. In der Zeichnung bleiben Brüsselerspitzen stets naturalistischer wie diese. Anfangs wurden die Blumen und der réseau in Einem gearbeitet. Louis XV. Regierungsantritt brachte auch neue Moden – points d'Angleterre und Malines waren die regierenden Spitzen, und da diese ersteren auch in breiten Stücken gemacht wurden, änderte man die Anfertigungsart der point à l'aiguille und machte die Blumen getrennt vom réseau, und in ihrem Rand wurde nachher der reizende Klöppelréseau, ähnlich dem der Malines angeschlagen. Dieses Verfahren eignete sich aber nur für kleinere Stücke. Bei Barben, Krawatten und schmalen Volants,[6] die wenig Raum für den Fond hatten, bei breiteren Spitzen verwendete man den am Klöppelpolster angefertigten Droschelstreifen[7] in der Breite von drei bis acht Zentimeter, und der wurde mit einem sehr kunstvollen Stich in das Muster hineingenäht und zusammengefügt. Dieser Stich war die Erfindung einer Brüsseler Arbeiterin und war nicht wahrnehmbar. Er blieb lange Zeit hindurch ein wohlgehütetes Metiergeheimnis.

Point à l'aiguille, die kaum ein Jahrhundert in dieser Form und unter dem Namen fabriziert wurden, sind sehr schön und kostbar, insbesondere in der Zusammenstellung der Nadelblumen mit dem sechseckigen, reizenden Droschelgrund wirken sie ungemein gediegen und apart. Alte point à l'aiguille Blumen und réseau, beides aus Nadelarbeit, sind sehr selten, die sechseckige Nadelmasche ist dem Droschelfond ähnlich, das Cordonet ist wie das der Venetianerspitzen, nie so schön und dicht überschlungen wie das ihres gemeinschaftlichen Vorbildes der Alençon, es besteht aus drei bis vier niedergenähten Fäden. Das Cordonet ist auch nicht mit picots in der Zeichnung selbst zwischen dem réseau geschmückt. Diese unzähligen feinen picots bleiben die Spezialität der Alençon.

Als aber im Anfange des XIX. Jahrhunderts der mechanische Tüll in Nottingham erfunden wurde und nun die Nadel- und Klöppel-Applikationen aufkamen, kehrte man zu der ursprünglichen Verfertigung der point à l'aiguille unter dem Namen point de gaze zurück, Blumen und réseau werden wieder in Einem gearbeitet. Das andere Verfahren mit Droscheltüll ist heute gänzlich verloren gegangen. Die Zeichnung ist modern und vielleicht wie die aller modern sein wollenden Brüsselerspitzen etwas zu naturalistisch und zu wenig stilisiert. Die réseaumasche bleibt immer zu leicht, im Gegensatz zu dem etwas roh wirkenden Cordonet. Selbstverständlich werden diese Spitzen heute ebensogut in höchster Vollendung als wie in Marktware ausgeführt, sie stehen, was Popularität anbelangt, in einer Linie mit den duchesses. Point de gaze wird auch häufig auf Tüllapplikations hergestellt. Man nennt sie dann Brüsseler Nadel-Applikation.

Point à l'aiguille werden nicht mehr in Brüssel und Umgebung erzeugt, sondern in den Gegenden von Alost, Gent, Grammont etc.

Belgien hat aber noch etwas Besseres in Nadelspitzen vorzuweisen als den point de gaze, denn es macht alle Gattungen Venetianer Nadelspitzen meisterhaft nach.