Genua und Mailand gestalteten die guipures aus und es entstanden alle Arten italienischer, französischer und niederländischer guipures in erster Linie und aus diesen entwickelten sich die anderen Arten Klöppelspitzen, die – besonders in Flandern – zur höchsten technischen Vollkommenheit gediehen.
Die ersten italienischen Klöppelspitzen haben häufig von beiden Gattungen den Charakter entlehnt, und in ihrer weiteren Entwicklung dieselben Effekte verwertet; doch sei erwähnt, daß kaum ein anderer Ausdruck in der kommerziellen Spitzensprache so häufig und so unbegrenzt angewendet wird wie das Wort guipure. Alle groben Spitzen, alle torchons und überhaupt alle Arten, die zufällig keinen sehr populären Namen haben und nicht sehr fein sind, und keine réseau haben, werden kurzweg guipure getauft.
Man kann aber nur zwei Familien unterscheiden, solche, die wie oben gesagt, ihren Ursprung von der Seiden- und Gold-guipure ableiten, die also eine getrennte Ausführung haben, das heißt das toilé (Guimp) und der Grund; die beiden werden getrennt am Klöppelpolster gemacht. Der Faden des toilés oder der guimp läuft nicht wie der Faden der Leinwand horizontal und vertikal zum Rande, sondern parallel zu den Rundungen und Schwingungen der Zeichnung und dieses, das toilé, hat nie einen dichten Rand, sondern endet stets mit einem gleichmäßigen à jour, in dessen Rand dann der Grund eingearbeitet wurde, wenn die einzelnen Teile verbunden wurden.
Die zweite Art wird wie die macramè[9] in Einem gearbeitet und das Charakteristische derselben ist, daß sie weder fond noch toilé im eigentlichen Sinne, also getrennte Wirkung haben; beide lösen oder konzentrieren sich ineinander. Sie werden stets mit der anfangs aufgeschlagenen Anzahl Klöppel fortgearbeitet und nichts dazugefügt oder weggenommen. Und so leicht manchmal die Technik dieser Spitzen aussieht, so verlangt sie von der Arbeiterin ob geübt oder ungeübt, stets eine große Aufmerksamkeit, da sie fortwährend rechnen muß und die Schönheit der Arbeit davon abhängt, daß sie die Fäden richtig verteilt und verzweigen läßt, trennt und vereint, wie die Zeichnung es verlangt, während der réseau jahrelange Übung erfordert, aber dann mühelos und gedankenlos verfertigt werden kann.
Jedes Land hat die Technik dieser zweierlei guipures in seiner Art weiter gestaltet und Neues geschaffen, und auch parallel mit den anderen Nationen Gleiches geleistet.
Um vorerst bei Italien zu bleiben, sind a) die eigentlichen guipures oft aus groben, ungebleichten Leinenfäden und mit erhabenen – wie aufgenähten – Schnürchen gearbeitet (wie schon oben die spanischen geschildert sind) von ihnen abgeleitet, b) die Bändelspitzen; diese sind ihnen eng verwandt. Das Ornament wird durch eine Art Band gebildet, das vorerst der Zeichnung angepaßt geklöppelt wurde. Die Zeichnungen sind etwas derbe Blumen und Ornamente oder ineinander verschlungene Bänder und die Zwischenräume sind mit Klöppel- oder Nadeljours gefüllt und mit brides vereint.
Diese Spitzen, besonders die mit verschlungenem Bandmuster, werden häufig zu den sogenannten Kirchenspitzen gerechnet. Die Bändelspitzen mit geklöppeltem Band sind oft leicht und zierlich verschlungen, im Italienischen heißen sie vermicelli. Sehr häufig findet man an italienischen Arbeiten dieser Art im toilé in kurzen Abständen kleine Löcher in der Größe eines Stecknadelkopfes.
Die Litzenspitzen sind eine Abart von diesen Bändelspitzen; das geklöppelte Bandornament wird durch eine gewebte Litze ersetzt und dadurch muß diese in der Verarbeitung an den Rundungen und Biegungen eingehalten werden und bildet Fältchen, an den Kreuzungen liegt sie doppelt übereinander. Solche Litzenspitzen sind, wenn auch wirkungsvoll und dekorativ, selbstverständlich stets etwas plump und stellen nicht hohe Kunst vor. Aus dieser Art entstanden zu guter Letzt die schrecklichen point lace, die in ihrem Dilettantismus Europa überschwemmten und als »home made« gepriesen wurden.
Die dritte Art, die sogenannten Mailänderspitzen, haben auch Bandornamente oder Adler, Wappen und dergleichen, die als stilisierte Motive in einem ziemlich groben vier- oder sechseckigen geflochtenen Klöppel-réseau sitzen – manchmal ist dieser réseau in Nadelarbeit, in letzterem Fall, wenn die Techniken gemischt sind, heißen sie mezzo punto. Die Mailänderspitzen sind die einzigen italienischen Spitzen, die einen réseau haben.