Es mag daher sehr häufig vorgekommen sein, daß ein solcher Grund erst in späteren Zeiten auf alte Spitzen, an welchen der Grund zuerst abgenutzt wurde, angewendet wurde, denn im allgemeinen werden sowohl Klöppel- wie Nadelspitzen mit der Nadel ausgebessert.

Nun muß erwähnt werden, daß in vielen Fällen bei italienischen besonders aber auch bei flämischen Spitzen dieser Art, Fond und Motive, wenn auch separat, so doch gleichzeitig gemacht wurde, das heißt man arbeitete ein Motiv, dann sofort den réseau und legte die réseauklöppel beiseite, bis ein neuer Raum zum Füllen geschaffen war, man führte die Klöppelfäden quer über ein Motiv auf der Rückseite und erst in späteren Zeiten entwickelte sich die ganz getrennte Art wie bei Bruges und Applikation etc.

Aus diesen drei oben geschilderten Spitzenarten haben sich die Brüsseler, die Bruges und duchesses entwickelt.

Die zweite Klasse der italienischen Spitzen können nur dann zu den Guipures gerechnet werden, wenn ihre Art kein eigentliches toilé aufweist, wenn sich also die Zeichnung und Ausführung nicht im Grund und guimp trennt, sondern diese ein harmonisches Ganzes bilden und sich in geflochtene Schnüre oder Stäbe verbreiten und in Flächen auflösen. Die ältesten geflochtenen heißen point de Gênes frisé (genuesische Giupures) und wurden vielfach als Ersatz für die sehr teuren Nadelspitzen, die venetianischen Reticella, verwendet; sie sind aus ganz geflochtenen Zöpfchen gebildet und sind meistens Zackenspitzen, sie sehen in der Nähe wie gehäkelt aus, von ferne aber haben sie die größte Ähnlichkeit mit Reticella, ihre Ornamente sind ganz geometrisch. Eine Art Ornament wiederholt sich stereotyp, das sogenannte Gerstkornmotiv, bald zieht es sich wie eine Reihe von Kindern aufgefaßter Beeren im Zickzack durch die Spitzen, bald ist es zum Kleeblatt oder sternartig zusammengesetzt. Eine andere Gattung Zackenspitzen, auch genuesischen Ursprungs, ist offenbar aus der geflochtenen Guipure entstanden, sie sind flach, haben dickes toilé, ebenfalls wie Beeren oder Kugeln, welche aus dem geklöppelten Bandornament entstanden sind, und sind mit brides verbunden. Für unser heutiges Auge wären sie zu plump, um sie für den Schmuck der Kleidung zu verwenden, aber ihre allgemeine Ähnlichkeit mit der Reticella verschafften ihnen im XVII. Jahrhundert große Verbreitung für das bürgerliche Alltagskleid der Minderbemittelten und für die sparsamen Kaufleute der republikanischen Gesellschaften des Westens; man kann sie häufig auf Porträts ehrsamer Ratsherrn und Bürger abgebildet sehen. Sie haben ein neues Element in die Klöppeltechnik gebracht, nämlich die tiefeingekerbten Spitzen und runden Zacken, die bei den Engländern vandyked heißen, nach der auf Van Dyk-Porträts abgebildeten Spitzen, die fast alle diese Formen haben. Aus diesen Spitzen in einem Zug geklöppelt, entwickelten sich die vielen groben Leinenspitzen, welche für den Hausgebrauch in Oberitalien verwendet wurden. Sie sind gute, dauerhafte Spitzen mit einfachen bäuerlichen aber geschmackvollen Motiven, man fand sie vielfach an gestickten Leintüchern und Bettwäsche angenäht, ihre Verbreitung reichte weit über Italien hinaus. In Tirol, Kroatien und Istrien wurden sie ebenfalls gemacht.

Zu dieser Gruppe gehören noch die Malteserspitzen, in schwarzer oder weißer Seide oder aus Leinenfäden geklöppelt. – Die Zeichnung ist sehr einfach: Bandmotive mit Gerstkorn-Gruppen zu Kreuzen gestellt und Räder aus brides sind so ziemlich die hergebrachten Ornamente.

Italien hat seine Technik vernachlässigt, es blieb bei der Fertigkeit des XVII. Jahrhunderts stehen und überließ es anderen Völkern, den Belgiern und Franzosen, darin reiche Ausbeute an Variationen zu schaffen. Der italienische Flachs eignete sich nicht so gut zu feinen regelmäßigen Gespinsten. Daher kann man italienische Klöppelspitzen stets an ihrer relativen Grobheit des Fadens erkennen, wenn nicht an dem Stil der Zeichnung, der etwas Großzügiges und Elegantes hat.


Flämische Klöppelspitzen.

Vermutlich ist es eine Gedankenassoziation, die viele befällt, daß man sich ein altes niederländisches Interieur gar nicht ohne einen Klöppelpolster vorstellen kann; man sieht so viele Spitzen auf allen Porträts und die holländischen Maler sind jedenfalls diejenigen, welche am häufigsten die Spitzenklöpplerinnen in ihren Genre-Bildern dargestellt haben. Und doch will man dafür Beweise erbringen, so erscheint es fast wie ein Trugschluß, man weiß wenig über die holländische Spitzenerzeugung und zur Geschichte der Luxusspitzen haben sie jedenfalls nichts beigetragen; betrachtet man aber die holländischen Pottenkant, denkt man an die Individualität dieses Volkes, an ihre verhältnismäßig ruhige Geschichte, so meint man ohne es völlig beweisen zu können, daß doch früher die Klöppelindustrie sehr stark ausgebreitet war, aber aus irgend welcher Ursache früher versiegte, als die große Blüte-Zeit für die Spitzen anbrach; daß es also bei einfachen Erzeugnissen blieb, die zwar allgemein im Gebrauch waren, aber schon in der dritten oder vierten Generation zugrunde gegangen sein mögen, denn man muß bedenken, daß Spitzen, die älter wie 150 Jahre sind, zu den großen, geschätzten Seltenheiten gehören. Daher erklärt es sich, daß man von den einfacheren alten Spitzen sehr wenig weiß, weil sie zu sehr durch den täglichen Hausgebrauch abgenutzt wurden und viel schneller zugrunde gingen, wie die sehr großen und kostbaren Luxusspitzen. Dies ist zu bedauern, da man gerade an den einfacheren Klöppelspitzen gut die Entwickelungsgeschichte studieren könnte.