Auch der feinste, zarteste holländische Flachs, besonders berühmt von Harlem, der allen nordischen Spitzen ein gewisses Übergewicht an Eleganz gegen die gröberen italienischen Gespinste gab, trägt dazu bei, in Holland Spitzen zu suchen – um – keine zu finden.
Die Klöppelspitzen haben ihre Heimat in Flandern, Brabant, kurzum in ganz Belgien und mit belgischen Klöppelspitzen kann kein Land der Welt in Wettbewerb treten, auch Italien und Frankreich nicht. Belgien hat vor allem sämtliche existierenden Gattungen Klöppelspitzen gepflegt, es hat den réseau erfunden und mit wenigen Ausnahmen wie Frankreich mit Chantilly und Italien mit Mailänder réseauspitzen, auch allein ausgenutzt. Die einheimischen Klöppelspitzen der anderen Länder haben meistens nur brides in allen möglichen Ausführungen oder sind getreue Nachahmungen von flämischen Spitzen. Der réseau wurde aber nirgends so eingebürgert, daß er neue nationale Abarten im Laufe der Jahrzehnte gebildet hätte, und selbst die Imitationen wurden meistens gröber und bäuerlicher wie die Originale des Stammlandes gemacht.
Es erscheint daher unnötig und schwer, wie schon einmal erwähnt, die Spitzen durchwegs nach Nationalitäten zu differenzieren, insbesondere wenn sie kein besonders abweichendes Gepräge zeigen. Ist es nicht logischer, die Valenciennes unter die flämischen Spitzen zu gliedern, als wie unter die französischen zu reihen? Valenciennes gehörte bis zum Jahre 1677, als es durch den Frieden von Nymwegen zu Frankreich kam, zu den Niederlanden. Die vielerlei kleinen Spitzen, die in der Normandie und der Bretagne gemacht wurden, tragen alle Valenciennes oder malineartigen Typus, ebenso die Spitzen des Erzgebirges und nirgends wurden sie vervollkommnet noch liefen sie denen des Mutterlandes irgendwie den Rang ab; sie blieben Epigonen.
Charakteristisch gesondert erscheinen hingegen die Chantilly und Blonden für Frankreich, wenn sie auch heute vielfach nur mehr in Grammont erzeugt werden, so bleiben sie doch ein wesentlich französisches Produkt. Und Spitzen ohne réseau kann man einige anführen, die ganz nationales Aussehen haben, so die russischen und skandinavischen mit ihrem monotonen Muschelornament, das an die versteinerten Ammoniten erinnert, und viele andere.
Klöppelspitzen kann man jedoch in zwei der Technik nach höchst verschiedene Gattungen einteilen, welche beide in Italien, Belgien und Frankreich gepflegt wurden. Es sind erstens die Spitzen, die in einem Zuge fortlaufend gearbeitet wurden, zweitens Spitzen, die in ihren einzelnen Teilen separat angefertigt und dann mittelst Häkelnadel[10] und Klöppel zu einem Ganzen vereinigt wurden.
Die ersteren werden in Belgien auf einem viereckigen, leicht geneigten Polster gemacht, in anderen Ländern besonders für schmale Spitzen, auf einem muffartigen, dem die Vorlagzeichnung ringartig angepaßt wird, und auf dem die Spitzen ins Unendliche fortgearbeitet werden können. Man findet in allen Ländern eine Art Spitzen, die man häufig auch Kirchenspitzen nennt, und die untereinander, sei es der point d'Anvers, oder deutsche oder italienische, ein und denselben Ursprung haben und sehr alt sind, es sind Spitzen, die keinen eigentlichen Grund noch Leinwandschlag aufweisen; sie sind locker und die Formen lösen sich auf und gehen ineinander über, kaum bildet sich in dem Gewirre der Klöppel eine kleine Insel als Leinwandschlag, gleich wird sie gelöst und verteilt sich in geflochtenen Stäben (Ganzschlag und Halbschlag) etc. Es sind dies die einfachen Flechtspitzen.
Diese Spitzen bilden die Ahnen für die ganze Gruppe der in Einem gemachten Spitzen. Italien und Deutschland haben sie verhältnismäßig am wenigsten umgebildet und sie blieben Spitzen für Haus- und Kirchengebrauch. In Frankreich entwickelten sich aus ihnen die torchons, die heute noch in der Auvergne tausenden und abertausenden Händen Beschäftigung geben. Am meisten hat aber Belgien diese Spitzen umgestaltet, so sehr, daß man in der primitiven verwischten dentelle d'Auvers kaum mehr die Verwandtschaft mit den réseauspitzen erkennen kann.
In Italien gehören hieher alle bäuerlichen und die Dekorationsspitzen (guipure d'ameublement) wie sie in ganz Oberitalien von den genuesischen Litorale bis zur Adria gemacht werden. Spitzen in spagatgrober, ungebleichter Leinwand sind heute überall in allen Industriebezirken zu finden. In Frankreich wurden sie in der Auvergne gemacht und bilden die torchons und dentelles d'ameublement (guipure d'art). In diese Gruppe gehören für Frankreich noch alle Valenciennes, Lilleartigen, Chantilly und Blonden, aber diese wurden nicht in Frankreich aus den torchons systematisch entwickelt, sondern sie übernahmen die Früchte der belgischen Künste und arbeiteten später erst an der weiteren Entwicklung. In Belgien entstanden aus dentelle d'Anvers, point de Flandre, Trollkant, Pottenkant, point de Paris die primitivsten Valenciennes, moderne Valenciennes, Malines, Binche, Lille. Aus dem aufgelösten Maschengewirr der Antwerpenerspitzen bildete sich vorerst die maille à cinq troux und der fond de neige, später der regelmäßige Maschengrund der Malines, Valenciennes und Lille, die die schönsten, dauerhaftesten und kostbarsten réseauspitzen sind und deren réseau man verschiedene Namen gibt, fond clair ou simple für Lille, Chantilly, Blonden (aus bloß gedrehten Fäden), fond double oder fond chant, aus paarweise laufenden Fäden, wie Pottenkant, point de Paris, Chantilly, torchons und auch Blonden – geflochtenen Masche, wie Malines, Valencienne und maille à cinq troux, Binche, Trollkant. Zur zweiten Gruppe gehören alle Klöppelspitzen, deren Formenschlag getrennt gemacht ist, sie haben mit Ausnahme der point d'Angleterre und point de Milan keinen réseaugrund.
Sie werden auf einem wie eine Scheibe drehbaren Polster gemacht, so daß die Arbeit jeweilig in die für die arbeitende Person bequemste Lage gedreht werden kann, sie haben stets wenig Klöppelpaare in Verwendung und dies vereinfacht die Arbeit in vieler Beziehung insbesondere, da sie die geeignete Technik vorstellen, um größere Stücke, wie sie unter Louis XIV. zweiter Regierungshälfte modern wurden, anzufertigen. Sieht man also einen breiten Volant oder Schleier oder tablier mit Réseaugrund, kann man sicher sein, daß es Spitzen sind, die in der zweiten Gattung Technik gemacht werden mit Ausnahme der Blonden und Chantilly, die in schmalen Streifen einerlei ob fond oder Dessin angefertigt und dann zusammengenäht werden.