Diese Technik wurde von den Mailänder Réseauspitzen übernommen und die älteste Ausführungsart dürfte wohl die eben geschilderte sein: daß man die Motive von Fall zu Fall rund arbeitete und sie gleich mit den brides oder réseaus zusammenfügte. Man legte die Klöppel dann jeweilig beiseite und führte sie auf der Rückseite quer über das Dessin. Diese Art wurde so lange ausgeführt, als die Zeichnung des Toilé noch eine streifenweise war, sobald ganz freie, inselartige Motive gemacht wurden, knüpfte man den réseau nachträglich in den Rand und die Motive wurden auf runden Polster oft von mehreren Arbeiterinnen gleichzeitig hergestellt; so entstanden point d'Angleterre, duchesse, Bruges, applikations etc.
Es ist ferner stets sehr wichtig, die Spitzen darauf hin zu betrachten, ob sie flach gearbeitet sind, also ganz dem Klöppelstil treu bleiben oder ob sie mit Zufügung des Cardonet andere Wirkung ähnlicher textiler Erzeugnisse anstreben, wie der Stickerei, oder der Nadelspitzen oder eigentlichen Guipuren, wie man es an Malines, Trollkant, Lille, Pottenkant, Brabanten etc. findet.
Trollkant sind ganz eigentümliche, flandrische Spitzen, die sich sehr in der Zeichnung an jene Spitzen, genannt points de Flandre, anlehnen; ihre Eigenart ist, daß sie gleich einer Musterkarte alle möglichen (points-)Schläge und Variationen aufweisen. Troll heißt auf Flämisch Kobold (wie im Skandinavischen), aber Trolly bedeutet auch einen groben Faden, etwa dem Sinne nach den französischen »la brode« gleichbedeutend. So mag man sich um den Ursprung dieses Wortes Trollkant streiten, erklärt und gedeutet konnte es nach beiden werden. Kobold und Fee haben dem gewöhnlichen Sterblichen überlegene Phantasie; das Muster ist stets wechselnd, nicht kontinuierlich, sei es nun in der Zeichnung, oder in der technischen Interpretation, doch haben Trollkant immer einen Konturfaden und dies, und die nicht einheitliche Ausführung der Zeichnung, unterscheiden sie hauptsächlich von den points de Flandre; es sind dichte Spitzen mit meistens guten, alten Zeichnungen, in nicht sehr feinem, aber regelmäßigem Faden ausgeführt; jedenfalls sind sie eine Spiel- oder Eigenart Flanderns und gehören zu den Varianten der vielen Stämmlinge der points d'Anvers, points de neige, maille à cinque troux, der einfache Formenschlag, fond chant oder fond double finden sich vereint, aber bilden noch keinen eigentlichen von den Motiven getrennten Grund.
Valenciennes.
Valenciennes, die Wäschespitzen par excellence, sind leicht erkennbar, toilé und réseau werden gleichzeitig gearbeitet und womöglich mit der gleichen Anzahl Klöppel. Sie gelten mit Recht als die dauerhaftesten Spitzen, das toilé ist das dichteste, welches überhaupt vorkommt, und sieht wie feiner Batist aus. Die Klöppel werden kunstvoll verteilt und in dem réseau fortgeführt, welcher aus einer der Valenciennes charakteristischen Masche besteht; jede Seite derselben ist ein aus vier Fäden geflochtenes Zöpfchen, je dichter dieses ist, desto dauerhafter ist sie.
Das toilé ist von keinem Cordonet-Faden eingefaßt, und ist ganz flach, was ihm beim Waschen und Bügeln sehr zum Vorteil gereicht. Daher hatte sie den Beinamen eternelles Valenciennes. Der Faden des toilé läuft wie bei Leinwand vertikal und horizontal, bei alten Stücken kann man beobachten, daß das toilé und réseau aus derselben Klöppelanzahl bestand, es wurde also nichts geschnitten. Man kann die Valenciennes in dreierlei Gattungen einteilen:
1. Die ganz alten, welche sehr große Ähnlichkeit mit den flandrischen Spitzen zeigen, haben die maille à cinque troux (welche auch geflochten ist). Die Zeichnung bildet nicht den Rand, sondern schlängelt sich durch die ganze Breite in einem großzügigen Muster, Blumen und Ranken, mit Vorliebe Nelken und Tulpen, welches darauf schließen läßt, daß wirklich die flämischen Arbeiterinnen, die unter Louis XIV. in Valenciennes angesiedelt wurden, diese Art eingeführt haben. Der réseau geht bis zum Rand, welcher nur durch ein doppelt breites Zöpfchen (acht Fäden) und picots abgeschlossen ist; sie haben häufig jours mit point de neige.
2. Die Valenciennes wie sie noch heute ist, mit der runden oder fast runden Masche und die Valenciennes mit der viereckigen Masche.
Die Valenciennes mit der runden Masche ist die ältere von den beiden letzteren Gattungen. Ihr réseau wurde in Valenciennes erfunden, weshalb diese les vraies Valenciennes genannt wurde; sie waren schön und fein gearbeitet, das toilé bildet bei beiden Gattungen den Rand, kleine verstreute Blümchen bilden häufig die Zeichnung und im Beginne mögen die Spitzen, in Valenciennes selbst verfertigt, sich durch größere Schönheit ausgezeichnet haben, so daß die in Lille, Aras und so weiter angefertigten Imitationen als fausses Valenciennes oder bâtardes benannt wurden, doch mit dem XVIII. Jahrhundert ging dieser Industriezweig in Valenciennes nieder.