Ausnahmsweise kann man noch als point d'Angleterre Nadelmotive mit Droschelfond bezeichnen; aber diese Art Spitzen sind heute sehr selten geworden, so daß sie nicht oft in den Handel kommen und nur mehr in wenigen Stücken vorkommen.

Diese Gruppe der Brüsseler Spitzen, inklusive die point d'Angleterre, würde man mit dem Charakteristikon der Spitzen mit gewollten fonds, sei es der brides oder des Droschelgrundes bezeichnen können, während die anderen, die alten Brabanter, Duchesses, Bruges etc. alle nur den Notfond haben, weil die Zeichnung technisch nicht der Stützen entbehren kann. Bei ersteren ist der Fond eine Zierde, bei letzteren ein notwendiges Übel.

Als in Frankreich die manufactures du point de France an vielen Orten gegründet wurden, entstand in kurzer Zeit eine große Umwälzung in dem Aussehen der Spitzen. In Alençon wurden Nadelspitzen in großen Volants und tabliers zum ersten Male in dieser Ausdehnung gemacht; dies wurde ermöglicht durch die in Alençon aufgekommene Art, die Motive getrennt vom réseau anzufertigen. Dies war ganz neu, denn selbst die genuesischen und Brabanter Spitzen, die nicht in einem Zug mit der gleichen Anzahl Klöppel gemacht wurden, sondern mit wenig Klöppeln auf rundem Polster, wurden von Fall zu Fall, wie die Arbeit vorwärts ging, sofort miteinander verbunden. Die Arbeiterin hatte die Spitzen auf der Zeichnung aufliegen, und nicht wie die spätere Art der in sich abgeschlossenen Motive ganz separat zu verarbeiten. Mit den breiten volants und tabliers wurde eine große Umwälzung in der Mode hervorgerufen. Valenciennes, Malines, alle diese Spitzen konnten nur mehr zu Garnierungen verwendet werden, und traten in den Hintergrund; da schufen die belgischen Unternehmer den point d'Angleterre: Klöppelmotive, die wie die Alençon separat gemacht wurden. Man konnte nun die Arbeit bei eiligen Bestellungen ebenso beschleunigen, wie die großen Stücke der französischen Nadelspitzen; point d'Angleterre wurde aus Klöppelmotiven mit Brüsselergrund, dem schönsten und technisch der Malines ähnlichen fond, gemacht. Man sieht an den ältesten points d'Angleterre die vollkommene Beeinflussung der Zeichnung durch französischen Stil, durch diese Neuerung war die Gefahr, daß belgische Spitzen ganz und gar von den französischen verdrängt würden, behoben; im Gegenteile, die points d'Angleterre machten der französischen Industrie große Konkurrenz, denn sie hatten eine Eigenschaft, die Nadelspitzen niemals haben, sie waren unendlich weicher und schmiegsamer und daher in vielen Fällen besser kleidend, und vor allem trotz ihrer Kostbarkeit billiger; denn Klöppelspitzen, noch so fein und kostbar, sind stets billiger wie die ähnlichen Spitzen in Nadelausführung.

Daß points d'Angleterre wie alle Spitzen verschiedene Entwicklungsstufen zeigen, ist kein Wunder. Zuerst also mit brides rosacé, dann dem Droschelfond, häufig mit jours aus brides als Übergang, dann Droschelfond in Streifen angefertigt und appliziert. point d'Angleterre wurde durch die baumwollene Brüsseler Applikation verdrängt und wird heute nicht mehr gemacht.

Der Streit, der sich um den Namen point d'Angleterre entsponnen hat, führt zu vielen Irrtümern. Man will sie als Gattung[11] ganz leugnen; doch mit Unrecht, denn in alten Schriften findet man sie häufig erwähnt. Nur wäre zu erklären, wieso sie zu diesem Namen kamen: In aller Stille hatte England an seinem Reichtum und an seiner Industrie gearbeitet, man sprach nicht viel von dem Inselvolke, es hatte kein Versailles und war damals noch nicht Mode machend, aber es war reich geworden und der Wohlstand war in allen Klassen verteilt, es hatte einen angesehenen Bürgerstand und Patricier, wie die Niederländer und West- und Mittel-Deutschen, die Menschen waren energisch, fleißig und aufwärts strebend. Zur Zeit als in Frankreich schon die groben Mißwirtschaften des französischen Hofes und Adels das Volk und den Bürgerstand in seiner Entwicklung hinderten.

Von keinem Volke hatten die Engländer so viel gelernt, wie von den Niederländern. Wenn es heute noch in Wolle, Tuch und Leinweberei an erster Stelle steht, verdankt es dies den Lehren der Niederländer, das Praktische machte es sich zu eigen und überholte die Niederländer darin; das Schöne aber entlieh es und wußte es zu zahlen. Ein Holbein, ein Van Dyk wurden in England gefeiert und ihre Leistungen wurden mit Gold aufgewogen; so wußten sie die Spitzen der nahen Niederlande auch zu schätzen und sie bildeten einen bedeutenden Ausfuhr-Artikel von Belgien nach England. Dieses war damals nicht selbständig in Mode und Geschmack, wenn es aber nicht alles aus Frankreich bezog, was Luxus anbelangt, so mag das seinen Grund darin gehabt haben, daß Frankreich alle Höfe und alle Moden des Kontinentes zu versorgen hatte und der regen Nachfrage entsprechend, hohe Preise machte; mit den Niederlanden und Belgien stand England von jeher in steter Verbindung, es waren verwandte Volksstämme, Schiffervolk und Kaufleute und wenn sie nicht direkt Ware tauschten, so geschah dies doch indirekt, durch Gesetze und Bestimmungen für Zölle, Begünstigungen und Verbote von Warenausfuhr, die sich in beiden Ländern für einander regelten. Erließ England ein zu großes Einfuhrsverbot gegen Spitzen, antworteten die Niederlande mit dem Boykott der englischen Wolle, bis das erstere Verbot widerrufen wurde. Es ist selbstverständlich, daß ein reicher und angesehener Kunde stets Rücksicht und Entgegenkommen von Seite des Verkäufers finden wird und so wurden auch die oben geschilderten Brüsseler Klöppelspitzen in zusammengesetzter Ausfertigung für den englischen Markt points d'Angleterre genannt, daß dieselben Spitzen unter dem gleichen Namen in Frankreich Furore machten ist nicht zu verwundern. Viele Spitzen mögen von Belgien über den Kanal nach England und wieder über das Wasser nach Frankreich gewandert sein. Dieses kleine Manöver verlohnte sich der Mühe, denn Frankreich hatte sich gegen belgische und Venetianer Spitzen-Einfuhr mit enormen Zöllen geschützt, und für das nicht Spitzen produzierende England war kein Zoll vorgesehen. Außerdem war damals die Herzogin Henriette von Orleans, eine englische Prinzessin, vielleicht angesehener und tonangebender wie die Königin, welche ein Scheinleben der Etikette führte, während die englische Prinzessin, elegant und liebenswürdig, sogar eine Zeitlang als der Flirt ihres königlichen Schwagers galt.

In neuerer Zeit versuchten einige Autoren, es sei betont, nicht englische, zu beweisen, daß der point d'Angleterre nichts anderes als wie der schöne Vorgänger der Honitons sei, aber wie beweisen sie es? Durch nichts. Überall in den Dokumenten der damaligen Zeiten liest man, wenn von Spitzen die Rede ist, vom point d'Angleterre, er war ganz ungemein verbreitet und es wäre kaum zu begreifen, daß diese massenhaften Erzeugnisse der englischen Industrie ganz unnachweisbar verschwunden sein sollten. Es soll das kostbare Geheimnis des schönen Brüsseler oder Droschelfonds, den kein anderes Spitzenland je zu verfertigen wußte, besessen haben und doch nirgends erwähnt werden? Dagegen sollen die authentischen Erwägungen und Berichte über den schwunghaften Schmuggel der belgischen Spitzen nach England kein Beweis sein, daß England enorme Summen dafür ausgab, obwohl es zu Hause die herrlichen und hochmodernen points d'Angleterre hätte kaufen können. Einmal, wird erzählt, wurde eine ganze Schiffsladung belgischer Spitzen konfisziert – wie viele Tausende von Metern müssen das gewesen sein! point d'Angleterre war eine neue Schöpfung und um diese zu lancieren, mußte man einen Namen erst erfinden, denn sie mußte als etwas Neues hervorgehoben werden. So war der Name point d'Angleterre in mannigfacher Art opportun.

Duval bringt ein Dokument zum Abdruck:

»Un arrêt de Conseil d'Etat du 12 mars 1691.

Les ouvriers qui travaillent aux dentelles de fil ont depuis quelques années inventé une façon de dentelles faites par morceaux ou pièces de rapport qui sont ensuite rassemblées au fuseau appelées communément dentelles d'Angleterre ou dentelles de Bruxelles dont la fabrique est très mauvaise et l'usage de peu de durée. Cette nouvelle façon de dentelles pourrait insensiblement diminuer la qualité et valeur des autres bonnes dentelles etc.

Sa Majesté desirant empêcher un abus si préjudiciable au commerce defend etc. etc.«

Freilich stammte aus jener Zeit die Einführung und Gründung der Honitons, die aber als Spitzengattung nicht im geringsten den Vergleich mit alten point d'Angleterre aushalten. Honitons sind Spitzen, die große Ähnlichkeit mit den duchesses haben, sie sind im Grunde nichts anderes. Niemals aber erreichen sie den Reichtum, die Abwechslung an Füllungen und jours, diesen Stil der Zeichnung im Einklang mit der geistreichen Interpretation wie die points d'Angleterre; wer darüber sprechen will und dies behauptet, hat eben noch nie wirklich schöne alte points d'Angleterre gesehen, die tatsächlich sehr selten und kostbar sind. Points Honiton sind eben Duchesse mit meistens recht minderen Zeichnungen und einer sehr handwerksmäßigen Interpretation.