Die Wirkung der Spitzen als reich, elegant, einfach, weich, durchsichtig und kleidsam hängt von der Anordnung und Verteilung der: fond, toilé, mats, jours, grillé, engrêlure, pied, picots, brides untereinander ab, und von der Wahl des Materiales. Charles Blanc hat einen ausgezeichneten Vergleich aufgestellt. Die Nadel verhält sich zum Klöppel, wie der Bleistift zum Wischer. Was die Nadel hervorhebt und unterstreicht, verwischt und mildert dagegen der Klöppel. Die Kontur der Nadelspitzen ist stets eine klare, fast harte. Die Klöppelspitzen hingegen haben etwas Weiches, Verträumtes und Mildes. Aber im allgemeinen kann die Technik aller Spitzen am besten mit einer Radierung verglichen werden. Wie die Kunst des Graveurs mit der Radiernadel genau weiß, welche Wirkung mit schiefen, geraden, kurzen oder breiten Strichen, mit Punkten und Kreisen, Wiederholungen, mit Aussparungen und Verdichtungen, mit Licht und Schatten erzielt wird, so weiß auch die Spitzenverfertigerin alle Reichtümer ihrer Technik auszunützen. Hier wird ein mat angewendet, hier ein grillé, dort ein Übergang mit einem jour; ein Akzent wird durch das Cordonet gegeben, und einen Kontrast oder einen Ausgleich soll der Fond bilden, und die Wahl des Fadens, der Nadel oder des Klöppels ist wie die Wahl des Papiers und Ätzmittels.

Da wie dort kann man sagen: kleine, sehr kleine Ursachen, große Wirkung. Alle diese kleinen Ursachen mit Takt anzuordnen und richtig zu benützen, führt zur Meisterschaft in dem Fache und bildet die Kunst. Das Wort Spitzen ist selbst nicht sehr alt, ebensowenig wie dentelles, und wurde erst in Anwendung gebracht, als die gezackten Kragen und Manschetten aufkamen; und anfangs gebrauchte man es nicht allein. Man sagte, passement à bord droit. Das Wort passement, Kante, Borte, wurde bis ins Jahr 1800 meistens gebraucht, und zwar ohne viel Differenzierung für jedweden Kleideraufputz, der als Abschluß dienen konnte, sei es nun eine gold- oder silbergewebte Borte, oder eine Stickerei (mit Perlen besetzt), wenn es nur den Zweck des Besatzes erfüllte oder bortenmäßig benützt werden konnte.

Ein zweites Wort: »Kanten« wurde lange Zeit besonders in Nord- und Nordwest-Deutschland gebraucht, so wie dies noch heute im Holländischen der Ausdruck für Spitzen ist. Ob die Worte points oder pointois von dem Wort Stich oder dem anschaulichen Begriff der Spitzen, scharfen Zacken herrühren, ist schwer zu entscheiden. Aber eben, weil die Spitzen vielerlei Ursprünge und Abarten hatten, gab es ursprünglich kein einheitliches Wort dafür. Man war früher genauer und umständlicher. Wenn man später unter points kurzweg Nadelspitzen verstand, so sind unter dentelles nicht ebenso als Gegensatz Klöppelspitzen zu verstehen. Man sagte:

passement dentelé
passement à l'aiguille
passement fait au métier.

Passement dentelé war anfangs einfach ein Modeausdruck, als die stark gezackten Kragen und Manschetten, insbesondere die genuesischen, getragen wurden, und entspricht dem »gezähnt, gezackt«. Im Deutschen beschränkte man sich meistens auf die sinngetreue Übersetzung aus dem Französischen. Die spitzenerzeugende Bevölkerung hat die technischen Bezeichnungen fast alle aus dem Flämischen und Plattdeutschen übernommen.

Der Käufer gebrauchte das französische Wort und dessen deutsche Übersetzung. Denn die deutsche Umgangssprache war nach dem dreißigjährigen Kriege gewiß zum Drittel mit französischen Worten untermengt, und es galt als guter Ton, dieses Kauderwelsch zu sprechen, insbesondere die Mode und höfischen Worte, und so finden sich bis heute viele Ausdrücke des Spitzenhandels nur im Französischen und werden unverändert gebraucht: barbe, volants, ruche, à jour, fichu, manchette, jabots, picots, etc.

Was den Ursprung der Spitzen anbelangt – geht es einem wie mit einem Flusse; geht man seinem Ursprunge nach, so entdeckt man, daß er aus vielen kleinen Bächen, Quellen und Zuflüssen entsprungen ist. Manchmal fließen diese lange nebeneinander und erst nach und nach stoßen sie zusammen, um den mächtigen Strom zu bilden. Viele Quellen der Spitzen entspringen im Orient. Damals war das ganze abendländische Kulturleben vom Orient befruchtet. Die Prachtliebe, die Farbenfreudigkeit, stammen aus dem Osten; feine schleierartige Gewebe wurden gleich der Seide erst durch die Kreuzzüge wirklich bekannt. Diese Stoffe wurden bewundert und man versuchte sie der europäischen Tracht anzupassen. Auf den präraffaelitischen Bildern sehen wir die heiligen Frauen mit einem unendlich feinen Schleier auf dem Haupte, dem Zanzera, und ein Streifen dieses zwischen dem Leinen-Battiste und der Seidengaze stehenden Stoffes umhüllt ihnen keusch Nacken und Busen. Der Rand des »Zanzera« sowohl wie der des hemdartigen Gewandes sind mit einem zarten, erhabenen Ornamente geschmückt, oder auch bloß fein gefältelt; fast könnte man glauben, eine Art Spitzen zu entdecken; es sind jedoch keine, und diese Schleier haben andere Bedeutung. Es ist in bezug auf die Spitzen der Beginn der Jahrhunderte lange währenden Mode des Weiß als Abschluß zur Haut, und zu dieser Verwendung wurden später die meisten Spitzen gemacht.

Andere Quellen wurzeln in den heimischen Zünften Goldstickerei, Posamentiererei und Weberei. Aus diesen entwickelten sich die Guipures. Ferner die Gold- und Silberspitzen, die Klöppelspitzen und wie sie später an jeweiliger Stelle aufgezählt und geschildert werden.

Italien und die Niederlande kämpfen um die Palme, die Spitzen zuerst erzeugt zu haben, diese Frage wird wahrscheinlich niemals unanfechtbar zu Gunsten des einen oder des anderen Landes entschieden werden. Zu viel Chauvinismus trübt die älteren Berichte, und später trat ein so reger Austausch von Land zu Land ein, jedes neue Muster, jeder Fortschritt in der Ausführung, jede Mode und jeder Erfolg verbreiteten sich sofort weit über die Grenzen der eigenen Heimat.

Vermutlich werden die Versuche fast gleichzeitig gemacht worden sein, der Boden war eben reif die Saat aufzunehmen und sprießen zu lassen. Keinesfalls darf man sich vorstellen, als ob die Spitzen plötzlich als eine Art Erfindung entstanden wären, gleichwie Minerva aus dem Haupte Jupiters sprang. Nein, langsam bildeten sich die Spitzen, aus den verschiedenen Zweigen der textilen Künste ihre Motive und Anregungen schöpfend; die Spitzen wurden fortwährend verändert und die Technik erweitert, und als in ihrer Entwicklung ein Stillstand eintrat, – im Anfange des vergangenen Jahrhunderts, – war auch eine gewerbliche Stagnation, ob Ursache oder Wirkung bleibt unentschieden, ihre Begleiterscheinung.