Es waren die Einfachsten der Einfachen, die Spitzen arbeiteten. Sie kamen wohl nicht oft aus dem Umkreise ihres Hauses heraus und verstanden nicht viel mehr, als ihre Nadel oder den Klöppel zu führen, ihre Ausbildung war eine einseitige, vom Zeichnen hatten sie keine Ahnung, und doch, dadurch, daß sie von frühester Kindheit geübt wurden, insbesondere die Klöpplerinnen (meistens vom fünften oder sechsten Jahre an) beherrschten sie so sehr das Mechanische ihrer Arbeit, daß diese ganz instinktmäßig vor sich ging und ihnen gar keine Schwierigkeiten bereitete, so daß der Überschuß an Aufmerksamkeit sich in einen gewissen, kaum meßbaren sehr verfeinerten Kunstinstinkt umwandelte, der einem sechsten Sinne gleich ihnen anhaftete. Dies haben die Frauen der Spitzenkaste gemein mit den Menschen der Renaissance, den Japanern und den Italienern des Volkes: das Gefühl für das Schöne, das naiv und unbewußt zum Ausdruck kommt und was es berührt, veredelt.
Der Unterschied liegt durchwegs mehr in der Behandlung durch die Verschiedenartigkeit der Technik und des Materiales bedingt, als in der Abwechslung der Zeichnungen aus ein und derselben Zeit. Bevor der réseau gefunden war, war die freie Entwicklung der Zeichnung immer an gewisse Regeln gebunden.
Die älteren Malines haben oft die fast gleiche Zeichnung wie die alten Brüssler Spitzen, dabei ist ihre Ausführung grundverschieden; ebenso verhält es sich mit Brüssler zu Malines, Malines zu Lilles und point de France und Valenciennes zu Mailänderspitzen.
Man darf nicht vergessen, daß in jenen Zeiten der Stil in allen Zweigen ein einheitlicher war. Die Ornamente, sei es nun für Brokate, Gläserätzung, Waffen, Leder, Samt, Spitzen, entsprangen alle demselben sehr ausgeprägten Stilgefühle.
Bei den ältesten Spitzen mußte das Ornament in seinen Linien ganz dicht ineinander passen; das heißt, es blieb von Linie zu Linie nicht mehr Zwischenraum, als eine bride überbrücken konnte.
Das Muster war großzügig und füllte die gegebene Breite der Spitzen voll aus. Häufig ist es ein Hauptstamm, von dem aus sich Zweige ranken und Blumen verästeln und möglichst gleichmäßig über den Raum verteilen.
Eine andere Art der Zeichnung, – ein ornamentales Labyrinth und ein bandartig verschlungener in seiner Abart muschelartiger Dessin, – war sehr verbreitet, besonders letzterer in jenen Gegenden, wo die Spitzenerzeugung nur bäuerliche Hausindustrie blieb, wie in einem Teile Deutschlands, in Rußland und Skandinavien. Aber hier wurde sie zu einem toten Arm, und die Linien der Zeichnungen werden immer geistloser nachgeahmt, wie es stets mit stagnierenden Gedanken geschieht.
Sehr bezeichnend für diese Art hausbackener Dessin nennen die Italiener diese Spitzen vermicelli. Die oft sehr hübschen Litzenspitzen sind eine bequeme und billigere Nachahmung derselben, und entarteten schließlich in die schrecklichen modernen point-laces. Je schöner und vollkommener die Spitzen sich entwickelten, desto mehr trachtete Zeichnung und technische Ausführung miteinander Schritt zu halten. Um dem Zwange des Ineinanderfügens der Linien zu entgehen, machte man brides, die sich in der weiteren Technik verästelten und noch später eine unregelmäßige, wabenartige Masche bildeten. Es war den Klöpplerinnen vorbehalten, den eigentlichen réseau erfunden zu haben.
Von den flandrischen Spitzen übernahmen den réseau die points d'Alençon, und von denen wieder die Venezianer; erst mit dem Aufkommen des regelmäßigen réseaus, welches der Zeichnung Rückhalt und Stütze gab, konnte sich diese frei entfalten. Es ist die beste Zeit für den Stil der Spitzen. Das Ornament folgte im freien Schwung, ungehemmt durch technische Rücksichten, den Eingebungen der Phantasie, und blieb edel. Man fühlt noch die traditionelle Schulung und das Maßhalten; später erst zersplitterten sich die Ornamente, wurden erfindungsarm und sparsam, was auch teilweise durch die billigere Herstellungsart, insbesondere als die Applikationen aufkamen, bedingt war. So hat die Erfindung des réseaus einen ausschlaggebenden Einfluß auf die Zeichnung und Art der Spitzen genommen. Jetzt erst konnten die leichten, zarten Volants gemacht werden. Die Spitzen individualisierten sich oder besser gesagt, nationalisierten sich. Der Zeichner konnte seiner Phantasie mehr Spielraum geben und fand reiche Anregung in den herrschenden heimatlichen Ornamenten, sowie in der Verwendung für die Volkstrachten und häuslichen Gewohnheiten. Geographisch hat aber anfangs Italien mit seinen Spät-Renaissance-Ornamenten lange Zeit die Zeichnungen ganz beeinflußt, sie wurden aber später ganz und gar von dem Versailler Stil der aufeinander folgenden drei Louis verdrängt, der von nun an, besonders in allen größeren Volants zum Ausdrucke kommt. Es ist Decadence, aber reizende Decadence, die nur leider den Übergang zu dem großen Geschmacksverfall bildet. So reizend und erfindungsreich sich die points d'Alençon, die Venetianischen und points d'Angleterre in ihren abwechslungsvollen Dessins darstellen, so bringen sie doch ein Element hinein, welches eigentlich nicht mehr ganz zur Spitzendarstellung geeignet ist, schwere, zu irdische Gegenstände, die man sich gar nicht anders, als wie in den drei Dimensionen vorstellen kann, Menschen, Musikinstrumente, Gueridons, Vasen, kurz Dinge, die durch ihr Gewicht in Widerspruch mit dem Transparenten und Ätherischen der Spitzen stehen, und was schließlich in dem Mißverständnis der Ornamente der Chantilly des XIX. Jahrhunderts endet. Die Blumen sind verkürzt, und mit Voraussetzung der Perspektive dargestellt, außerdem hat man noch die absolute Imitation der Natur im Auge. Diese Spitzen verlieren trotz ihrer großen Prächtigkeit viel dadurch, daß sie bei ihrer Anfertigung durch zu vielerlei Hände gingen, daß die Zeichnung nicht mit der Technik im Einklang steht, und daß mit ihnen die Individualität, das höchste Ziel des Kunsthandwerkes abhanden kommt, denn diese kann nur erreicht werden, wenn sie, in der Hauptsache wenigstens, nur von einer Person gemacht werden. So stehen die flämischen Klöppelspitzen in dieser Beziehung an erster Stelle. Wie die Teilung der Arbeit bei Alençon und Venetianer eintrat, verlor sich die innige Fühlung des Gedankens und der Interpretation, und am schlimmsten in der Beziehung, was geistlose Arbeit anbelangt, sind auch die in der Zeichnung zu unterst stehenden Chantilly.
Man versteht unter Spitzen eine Arbeit, die entweder durch Hilfe von Nadel oder Klöppel auf einem regelmäßigen Grunde, – réseau und treille genannt – gemacht ist, oder eine Arbeit ähnlicher Art, deren Zeichnung sich von einem unregelmäßigen Grunde abhebt. Letztere erscheint dadurch, daß sie unabhängig von einem Grund gemacht ist, freier, doch legt ihr eben diese scheinbare Freiheit mannigfachen Zwang auf.