Es genügt wahrhaftig nicht, daß wir im Inlande künstlerisch und technisch gleich hochstehende Spitzen zu erzeugen vermögen, daß wir von ausländischen Ausstellungen die höchsten Preise heimtragen, wenn das heimische Publikum verständnislos der eigenen Ware gegenübersteht. Zunächst müßte das Publikum verstehen lernen, worin die Schönheit der Spitzen besteht, warum der Preis bei diesen und jenen höher oder niederer ist, so wie es die kleinste und bescheidenste Bourgeoise in Paris versteht, bei ihren Einkäufen in allem und jedem zu differenzieren und zu taxieren, und nie das Gefühl des »Betrogenwerdens« hat, das jeden Einkauf zur Qual macht. Und nicht nur die modernen Spitzen, auch dem ererbten Spitzenschatze wird dann die Dame mit dem angeregten Interesse des annähernden Sachverständnisses gegenüberstehen, sie würde ihn allgemach bewerten, bewundern, und lieben lernen: »Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen« gilt auch hier.

Oft ist durch kleine Mittel viel Gutes zu schaffen: In den Schulen müssen heute noch die kleinen Mädchen obligat einen Strumpf stricken lernen; meistens bleibt es auch der einzige ihres Lebens, denn hier hat die Maschine die anerkannte Meisterschaft davongetragen. Könnte man nicht lieber in derselben Zeit die Grundbegriffe der Spitzenarbeit lehren? Den Ärmeren würde damit vielleicht die Anregung zu einem späteren Nebenerwerbe, zumindest aber eine praktische Kenntnis mehr gegeben, die ihnen einmal einen bescheidenen, gediegenen, selbstgeschaffenen Luxus erlauben würde. Die Wohlhabenden würden vielleicht den Spitzen ein regeres Interesse bewahren. Man wende nicht ein, daß die Spitzenarbeit dem Auge schädlich sei. Vierzehn und mehrstündige Arbeit im Tage, bei schlechtem Lichte, in elenden dumpfen Stuben, schadet freilich der Gesundheit, und die bleichen Gesichter, die uns in den Spitzenindustriedistrikten begegnen, geben dafür ein trauriges Zeugnis: aber ist es minder schädlich, unter denselben Verhältnissen und demselben Zwange einer unerbittlichen Not, tagein tagaus hinter der Nähmaschine zu sitzen?

Aber sollte der wunde Punkt vielleicht darin bestehen, daß es eben ein Kunstzweig des Weibes für das Weib ist? Der Mann interessiert sich außer kommerziell fast gar nicht mehr dafür; früher trugen die Männer gleich den Frauen Spitzen, aber fast parallel mit dem Aufkommen der Maschinenerzeugungen legten die Männer die Mode des Spitzenjabots ab. – Ist es gesucht, dies in einen Zusammenhang zu bringen? Und soll man es nur damit motivieren, daß der Mann zu jener Zeit ein für allemal mit dem Putze aufhörte? – Ich glaube nicht; denn die gestärkte Wäsche ist, so einfach sie sich ansieht, doch unverhältnismäßig teuer; auch weil sie sich unendlich schnell abnutzt.

Die Kleidung des Mannes ist durchwegs solider und reeller, die Stoffe sind fester und dauerhafter, es wird der Schein gemieden; und so bin ich überzeugt, daß, wenn heute wieder eine Modelaune oder ästhetische Einsicht die Jabots für die Männer aufbrächte, es gewiß keinem eleganten Manne einfiele, Maschinenspitzen dafür zu verwenden. Die mondaine Frau hingegen gibt jährlich viele Perzente ihres Toilettegeldes für etwas Falsches, Unschönes und Undauerhaftes aus, das nach einer Saison verschwinden muß, während die echten Spitzen, wenn auch teurer, den bleibenden Wert haben: in verschiedenster Verwendung können ein und dieselben Spitzen immer wieder aufleben und verwendet werden. Es gibt Damen, die wahre Schätze an alten Spitzen besitzen, und auf ihren Kleidern nur falsche tragen; sie wenden achselzuckend ein, einmal Tragen könnte zu viel Wertvolles vernichten, kaufen aber deshalb keine modernen echten Spitzen, weil sie zu viel alte besitzen. Die Logik hinkt in diesem Falle. Die modernen Spitzen sollen doch nicht die Erbsammlung vergrößern, und als totes Kapital liegen bleiben, sondern sollen eben, weil sie neu sind, und der Faden noch nicht mürbe und brüchig ist zum wirklichen Kleiderschmucke dienen. Es wird niemand leugnen, daß nichts so gut kleidet, wie echte Spitzen. Weiß ist stets die beste Umrahmung für ein Gesicht, besonders für ein nicht mehr ganz junges. Es löst die scharfen Schatten durch den Lichtreflex auf, der Ton der Haut wird gehoben und belebt, und erscheint durchsichtiger. Es ist oft schwer, besonders an der Winterkleidung, dieser ästhetischen Regel zu folgen. Doch Spitzen lassen sich immer anbringen, nur müssen es echte sein. Es fiele keiner Dame ein, in einem eleganten Hauswesen Porzellan auf den Tisch zu bringen, wie man es auf Bahnhöfen oder Vergnügungs-Etablissements als Massenartikel verwendet; sie nehmen aber auch gewöhnlich nicht ihr altes Meißner oder Wiener Porzellan von der Wand herab in Benutzung, sondern sie verwenden ein geschmackvolles modernes Service, das – wenigstens im Prinzip – kunstgewerblich so hoch steht, daß es in kommenden Tagen, wenn es die vorübergehende Periode des Unmodernseins überwunden hat, würdig seinen Platz neben den Antiquitäten anderer Zeiten ausfüllen wird.

Nun haben die Spitzen eine eigentümliche, nicht genug gewürdigte Eigenschaft: sie werden niemals unmodern, nicht nur objektiv gesprochen, sondern auch subjektiv; sie sind einfach alt oder neu. Das Odium »unmodern« haftet ihnen niemals an. Nehme man Brüsseler Spitzen aus den 40er bis 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, also gewiß keiner guten Stilzeit. Sie werden trotzdem verwendet werden können, ohne dem Kleide den Stempel der Geschmacklosigkeit aufzudrücken. Man versuche das mit einem Gold- oder Juwelenschmucke aus dieser Zeit! Oder selbst mit einem Schirmgriff, einem Retikule oder einer Gürtelschnalle.

Noch eine andere Eigenschaft haben die Spitzen, welche nicht genügend beachtet wird, obwohl sie dem Zuge unserer Zeit so sehr entspricht. Sie sind der individuellste Zierat, den eine Frau haben kann, falls sie ihn nur irgendwie anstrebt. Die exklusivste Mode wird nach einem Vierteljahre zum abgedroschenen, banalen Tragen, daher das rasche Wechseln der sich differenzieren Wollenden, und das Imitieren aus zu vergänglichem Materiale des großen Publikums, das atemlose Hasten nach Neuem; und dabei dreht sich die Mode in einem engen Kreise, hascht nach Altem und kombiniert nur Neues.

Wegen dieser Eigenschaften haben die Porträtmaler von jeher die Spitzen gerne an ihren Modellen verwendet: weil sie nicht dem Wechsel der Mode unterliegen; weil sie dem Gesichte einen milden Reflex geben, der die Schatten zart und verschwommen macht und jene von Leonardo da Vinci verlangte Beleuchtung des zerstreuten Lichtes unterstützen helfen und schließlich wegen ihres individuellen Gepräges.

Die Handarbeit, also das Kunsthandwerk, hat immer einen eigentümlichen Zauber. Ein Hauch von Seele und Charakter des Erzeugers spricht, ihm selber unbewußt, aus seiner vollendeten Arbeit zu uns. Es ist eine bescheidene und naive Sprache. Das Kunsthandwerk verhält sich zur absoluten Kunst, wie das erlauschte Volkslied zu einer die Aufmerksamkeit voll in Anspruch nehmenden Symphonie.

Kleine Unregelmäßigkeiten, kleine persönliche Züge geben der Arbeit ein reizvolles Gepräge, es liegt etwas wie latentes Gemüt in der Arbeit.

Das Milieu spielt neben der Persönlichkeit auch eine große Rolle. Wie ließe es sich sonst erklären, daß so oft Spitzen von einem Land zum andern importiert wurden, und zwar stets zur möglichst getreuen Nachahmung, weil es sich immer um eine geschäftliche Konkurrenz handelte; daß trotzdem die Art der Spitzen in der neuen Umgebung ihr Ansehen veränderte, falls sie sich als neuer Industriezweig wirklich einbürgerten. So geschah es mit den Venetianer Spitzen im XVII. Jahrhundert, die in Alençon aus Brotneid eingeführt wurden, und bereichert zu den Venetianern als points d'Alençon zurückkehrten, um sich wieder in points plats de Venise, und Buranospitzen zu wandeln. Zur Zeit, als man noch alle Feinheiten der Spitzen voll würdigte, knüpfte die Tradition an manche Stadt besonders hervorragende Vorzüge; so galt es als ausgemacht, daß die Spitzen von Valenciennes unvergleichlich schöner seien, wenn sie in der Stadt selbst erzeugt waren. Dieselbe Arbeiterin, mit denselben Faden und Klöppeln könnte eine in Valenciennes angefangene Arbeit außerhalb der Stadt nicht so schön vollenden, hieß es, und ebenso sprach man von Malines und anderen Orten, und ist dies auch nur als ein Märchen hier zu wiederholen, so liegt in ihm, wie in jedem Aberglauben ein Kern Wahrheit; die Sitten und Gebräuche, die Reinlichkeit im allgemeinen, die Zartheit der Hände, der ganze Lebenswandel wird durch diesen Beruf beeinflußt. Auch waren die Spitzen wertvoller, wenn sie als fortlaufende ganz von ein und derselben Person angefertigt waren. So bringt Mme. Paliser einen Auszug einer Rechnung von Mme. du Barry: 2 barbes et rayons de vraies Valenciennes, 3 aunes ¾ collet, 4 aunes, grand jabot, le tout de la même main.