Ein zweiter Teil dieses Heftes enthält Briefe an die vier Pflegeschwestern, ebenfalls sowohl deutsch wie lateinisch, zum Teil aus Rudolstadt, zum Teil aus Leutenberg datiert. Sie behandeln die Tugenden, erwähnen aber auch wieder Reisen und Pläne. Echtes Menschentum geht der Verfasserin über äußere Formen, denn sie rät einer jüngeren Verwandten, die vor einer Entscheidung steht: »Besser in einem Winkel oder einsamen Ort, als bei Hofe!« Der Briefwechsel Amilie Julianes hat sich nur aus einer kurzen Reihe von Jahren erhalten, spiegelt aber ihr Alltagsleben und ihre Umgebung bis in kleinste Züge wider, eine Fundgrube für Heimatgeschichte und Kulturgeschichte überhaupt.

Über all ihre Briefe setzt die Liederdichterin, einem Gelübde gemäß, J. N. J., das heißt im Namen Jesu, oder J. H. S., das heißt Jesus, Heiland, Seligmacher. Im übrigen ist von ihrem innersten persönlichen Leben, ihren Glaubensangelegenheiten, wenig die Rede. Treue Gesinnung kommt zum Ausdruck, wenn sie von quäkerischer Schwärmerei zu berichten hat, oder wenn der Fürst von Hanau seine Brüder enterben und einen katholischen Landgrafen als Erben einsetzen will: Gott regiere ihn, daß er nicht gar zum Narren wird! Über ihr körperliches Befinden verliert sie selten ein Wort und gebraucht dann keinen zimperlichen Ausdruck. Sie bedauert höchstens, daß sie herzoglichen Besuch nicht gebührend begleiten kann, weil ihr die Beine steif sind wie Ochsengebratenes.

Wie sah das Heim der Dichterin aus? Der Hauptbau des Schlosses war dreiflügelig, annähernd so in der Hauptfront wie er heute noch besteht. Nur dürfen wir uns die Umgebung des Gebäudes nicht wie die eines neuzeitlichen Schlosses vorstellen. In der gräflichen Wohnung selbst waren die Räume sehr beschränkt. Wurde eine Stube neu hergerichtet, wie das zitronfarbene Gemach mit Alkoven, so erkaufte die Hausherrin sich die Freude daran mit viel Mühe und Sorgfalt und bestickte die Wandbekleidung mit großen Flammen und Blumen. Die Wohnung von zwei höheren Hofbeamten befand sich auch im Haupthaus, ein Burgvogt mit Familie wohnte im Torgebäude, und viel Gesinde sonst noch hantierte und hauste in Nebenräumen des Schlosses. Zimmer für Gäste waren wohl vorgesehen, wenn diese aber unangemeldet mit großem Troß eintrafen, so entstand Verlegenheit und Spannung bei der Hausfrau. Und wenn zu besonderer Arbeit, zum Beispiel um Hirschhornwasser zu brennen, ein ungestörter Raum nötig war, so diente das Zimmer eines gerade verreisten Familiengliedes dazu. Sollte aber Festkonfekt gegen vorzeitige Zugriffe gesichert sein, dann war der Schrank in der Kleiderkammer das sicherste Versteck.

Eine Terrasse diente als Reitbahn, und die Gartenanlagen waren bebaut mit Laubengängen aus schweren Holzbalken, zwischen denen die Beete für einheimische Pflanzen und die Gewächshäuser für Südfrüchte, Pomeranzen, Zitronen und Melonen, sich erstreckten. Der Schloßhof war eng. Unmittelbar an die herrschaftliche Wohnung reihten sich die Pferdeställe an, und auf der Nordseite standen die Kuh- und Schweineställe. Dazwischen waren für Fleischerei und für den Kellerbetrieb die nötigen Schuppen eingebaut. Ausgiebige Düngerstätten nahmen einen großen Teil des Hofes ein.

Wenn auch Geldverkehr im siebzehnten Jahrhundert bereits sehr rege war, so brachten es doch die Nachkriegszeiten mit, daß der gräfliche Haushalt auf den Ertrag seiner Landwirtschaft angewiesen blieb. Ein Lieblingseigentum der Gräfin bildeten ihre Gutshöfe in Cumbach und in Schaala, aber auch an der Landwirtschaft um Schwarzburg und Leutenberg hatte sie Anteil, und sie betätigte ihn durch eigene Fürsorge und Arbeit. Wenn sie für drei gemästete Schweine und Branntwein 20 Gulden einnimmt, will sie Bettdrillich dafür kaufen. Wenn ihre Leute Flachs ausraufen, welcher gar schön wird, so verfügt sie umsichtig darüber, und die Hopfenernte will sie nicht zu früh losschlagen, da die Preise noch steigen werden. Von Kirschen und Nelken und Honiggewinn aus Cumbach, von allen Erstlingen der Ernte erhalten Pflegemutter und Schwestern in Leutenberg eine Probe. Im März besorgt sie junge »Gänsigen« und schickt die Zuchtgans mit, damit die Kleinen nicht »verfrieren«.

Amilie Juliane

Ein großer Schwarm von Gesinde gehörte zum Haushalt und zehrte mit aus Küche und Keller. Wer auf dem Schloßberg nicht unterzubringen war, dem wurden Baustellen oder Häuser am Fuße desselben angewiesen. Von da konnten die Getreuen für ihre Alltagsgeschäfte oder als galonierte Diener für Festgelegenheiten oder endlich als Bewaffnete bei Not und Gefahr leicht zur Stelle sein. Diese Ansiedlungen mit ihrem Kleinleben sind noch heute die Freude kunstsinniger Fremder und ähneln den Söldnergassen reicherer Städte, wie Nürnberg. Mit allem, was darin sann und spann und lebte und webte, war die Gräfin vertraut. Auch sonst hielt sie in der Stadt mit Beamtenfamilien und eingeborenen Bürgern getreue Nachbarschaft, was namentlich bei Patenschaften, Verlobungsplänen, Hochzeiten, Krankheiten und Sterbefällen tagtäglich zum Ausdruck kam.

Um den Grafen Albert Anton, den sie stets peinlich streng mit Nennung der Titulatur umschreibt, war sie ängstlich besorgt. Wenn ihr gnädiger Herr »kleine Liesichen« im Gesicht hat, muß ihm der Leibarzt zur Ader lassen. Ist er auf Reisen im Lande unterwegs, so bangt sie, bis er ihr gesund zurückkehrt. Seine Jagdbeute aus Paulinzelle an Wildschwein und Auerhahn ist ihr willkommen für die Küche, aber übermütige Jagdgesellschaften mit Zechgelagen sind ihr ein Greuel. Sie stellt dann gern fest, daß Albert Anton nicht daran teilnimmt, und verbietet auch ihrer Jungfer, bei ausgelassenen Tänzen mitzutun. Als eine Jagd morgens bis in die Nähe des Schlosses getrieben wird, muß die Hausfrau ihre Andacht abbrechen, sich Hals über Kopf antun und den hungrigen Weidmännern Würste und Schafkäse hinausschicken.

Die Freude der jungen Mutter an ihrem »Lützigen« ist groß. Großmutter und Tanten erhalten Kunde von jedem Zähnchen, das sich zeigt, und von dem Unglück mit der Kinderklapper, an der er bald erstickt wäre, weil er sie ins »Maul« gesteckt hat. Als er der üblen Gewohnheit huldigt, an den Fingern zu saugen, bringt ihm der gute Doktor Mack ein klein Säcklein mit gefeiltem Hirschhorn, an dem er kauen muß. Auch Spiel und geistige Entwicklung des Kleinen müssen die Leutenberger Damen miterleben, und sie freuen sich, daß der Enkel und Neffe seine »Weihnachtsgebeterigen« schön aufsagt und die Melodie In dulci jubilo richtig singt. Als vernünftige Mutter stellt Amilie Juliane schließlich fest, Lützigen bedarf manchmal »eines kleinen Rütigens, denn er mir oft auf den Hals störret«. Zur Belohnung seiner Unarten bekommt der Fünfjährige dann eine eigene Stube.