Besuch muß es unheimlich viel auf der Heidecksburg gegeben haben. Als fürstliche Nachbarn stellten sich die Reußen von Burgk, von Lobenstein, von Schleiz, von Gerau und von Gräiz ein. Auch sonst stiegen schwarzburgische Verwandte aus Arnstadt und Sondershausen und weitere Angehörige aus Norddeutschland auf der Heidecksburg ab. Adelige Beamte der Nachbarschaft, Herren und Damen aus der Stadt, alle waren willkommen, verursachten jedoch auch manche Geduldsprobe. Dann gehen Seufzer durch die Briefe der Vielgeplagten: »Gott gebe nur allezeit hübsche Fremde, nur nicht alles durcheinander. Es ist so ein Schwarm von Leuten da, daß ich es nicht sagen kann.« Wenn die Gräfin eine Reise vorhat, stellen sich die Pflügin, die Heidenreichin, die Vitztumin, die Conrektorin usw. ein: »Es sind ein Haufen Leute dagewesen, als ob ich aus der Welt reisen wollte.« Und wenn sie zurückkehrt: »Mutter Kathrein hat mich beneventiert.«
Alle Sorgen ihrer Handwerker erlebt sie mit. Der Maler Daniel kann keinen Firnis auftreiben, sie schreibt darum, der »Tischner« Gabriel Fleck hat die Rahmen für die Kirchenbilder zu groß gemacht, sie weiß Rat dafür.
Solange der Handels- und Marktverkehr sich in Rudolstadt abspielt, lassen sich die Botengänge leicht erledigen. Nun ist aber Schmuck und Silbergeschirr in Nürnberg zu bestellen oder zu holen, da muß der Trompeter Kaspar reiten. Einkäufe auf der Messe in Leipzig besorgt in schwierigen Fällen Hans Heinrich, der Maler, derselbe, der uns die Emporen der Stadtkirche mit Bildern geschmückt hat. Er hat Geschmack, das Rechte auszuwählen an Gewand und Tand, und vervollständigt bei dieser Gelegenheit gern feine Vorräte an guten Farben. Als außerordentlicher Gesandter für Vertrauensangelegenheiten erbietet sich auch der gute Doktor Mack.
Ein lieber Winkel in der Grafschaft, ein Stück Jugendheimat der Gräfin, ist ihr Leutenberg mit seiner Umgebung. Hier kennt sie sich in allem aus. Als die Papiermühle dort eingerichtet wird, wünscht sie »gute und fröhliche Zeitung« auf das Leutenberger Papier schreiben zu können.
Regelmäßig im Herbst wird Schwarzburg aufgesucht und von da dann die Waldreise angetreten auf die »Glashütte« und das »Neue Haus«. Darauf freuen sich die Teilnehmer, sie werden sich mit Glasmachen erlustieren und etwas von ihren Künsten in die Welt hinaussenden. Die Schmalenbuch und das Herrenhaus bedenkt sie aus »sonderbarer Liebe« mit einem Legat von 150 Gulden.
Aus Frankenhausen schickt sie Silvesterbirnen heim und erzählt, wie sie die Salzkunst besehen hat und von den Salzherren mit Kuchen bewirtet worden ist.
Aus Blankenburg am Harz schickt sie als duftenden Gruß einen Käse und setzt voraus, daß ihn die gnädige Frau Mutter in ein Tuch mit Wein schlagen wird.
Dauert die Reise längere Zeit, oder erstreckt sie sich gar nach Norddeutschland zu den leiblichen Schwestern, dann stellt sich eine gesunde Sehnsucht ein nach dem Sohne, den die Tanten in Leutenberg einstweilen versorgen, und nach einer ruhigen Stunde daheim auf der Heidecksburg.
Von ihrer Schwiegermutter und ihren Schwägerinnen hat Amilie Juliane Niederschriften über Landwirtschaft, Haushaltung und Küchenarbeiten geerbt und sich in einem stattlichen Quartband gesammelt. Goldene Regeln dabei: Ein Hausvater darf nichts verschieben, darf nicht erst morgen verrichten, was er heute tun soll. Jeden Abend trägt er seinem Gesinde auf, was am folgenden Morgen zu arbeiten ist, steht selbst früh auf und spricht seinen Leuten freundlich zu! Alte und neue Zeit stießen hart aufeinander. Einheimische Kräuter, Salbei, Wegbreit und Zichorienwurzeln, sammelte die Hausfrau noch, aber der Handelsverkehr brachte ihr schon reichlich Südfrüchte, Reis und Gewürze ins Haus. Zwischen den Küchenrezepten schrieb sie sich Heilmittel auf, so: »Ein gesundes Magenpulver durch den mannhaften Doktor Steffen von Venedig Römisch Kaiserlicher Majestät Maximiliano zum Gedächtnis verordnet«. Sterndeutung für Menschenleben war noch im Schwang, auch an die Wirkungen abenteuerlicher Operationen für verhextes Vieh glaubte man noch, aber das Dispensatorium Noricum in folio, das große Nürnberger Arzeneibuch, war schon der wissenschaftliche Ratgeber der Hofapotheken in Rudolstadt und Leutenberg, die die Gräfinnen selbst führten samt Laboratorium und Kräuterboden.
Zwei Gesangbücher, von der Hand Amilie Julianes geschrieben und für ihre täglichen Andachten bestimmt, liegen im Staatsarchiv auf der Heidecksburg. Das erste, aus dem Jahr 1652, ist mit zierlichen jugendlichen Zügen geschrieben, in dem zweiten führt eine kräftige Frauenhand die Feder. Die beiden Bücher gehören mit ihrem Inhalt dem persönlichsten Leben der Gräfin an und waren nicht bestimmt für das Auge und das Urteil anderer. Das zweite ist in der Auswahl bedeutender und reifer und beruht auf einem größeren Umblick in der Literatur. Die bekanntesten Lieder des siebzehnten Jahrhunderts kommen darin vor. Dichter mit Namen anzuführen, kam als allgemeine Sitte erst später auf. Es ist in keinem der beiden Bücher hier geschehen.