Noch im Jahre 1817 konnte das Verlangen nach antiker Formenschönheit derart stark in Goethe aufsteigen, daß er plötzlich wenigstens die nächsten Gipsabgüsse aufsuchen mußte. »Etwas dem Phidias Angehöriges mit Augen zu sehen, ward so lebhaft und heftig, daß ich an einem schönen sonnigen Morgen, ohne Absicht aus dem Hause fahrend, von meiner Leidenschaft überrascht, ohne Vorbereitung aus dem Stegreif nach Rudolstadt lenkte und mich dort an den erstaunenswürdigen Köpfen vom Monte Cavallo für lange Zeit herstellte.« Humorvolle Skizzen im Tagebuch des Fürsten zeigen die Vorgänge bei Ankunft und Aufstellung dieser Hilfsmittel für Kunstbetrachtung.

Lehrer, Berater und Freund in oft täglichem Verkehr wurde dem Fürsten Ludwig Friedrich der Volkstedter Maler und Bossierer Franz Cotta, der den Kennern des Rudolstädter Porzellans noch heute oft in seinen Werken begegnet. Sein Sohn Heinrich Cotta, als Dresdener Student von Kügelgen so drastisch geschildert, folgte dem Vater in der Würde des Hofmalers und hinterließ in dem Kabinett die wertvollen Radierungen aus der Napoleonischen Zeit, seine unerschöpflichen Pferdestudien und humorvollen Szenen aus dem Volksleben. (S. Thüringer Heimat-Kalender 1926. Greifenverlag Rudolstadt.)

Im Jahre 1797 kam Christian Friedrich Schuricht aus Dresden zu Gaste auf die Heidecksburg und gab Anweisungen für den Bau des Halbtempels, der romantischen Ruinen und des Teehauses im Schloßgarten, sowie der Anlagen auf dem Anger. Für Zimmereinrichtungen wies er auf die Vorlagen des Racknitzschen Werkes, Darstellung und Geschichte des Geschmacks, hin.

Ferdinand Thierry, der spätere Landesbaumeister in Konstanz, fand sich aus Weimar ein, zeichnete peinlich feine Möbelentwürfe und Pläne für die Gartenhäuser und für die klassizistischen Gebäude in der Stadt. Seinen Bruder Wilhelm Thierry, Jugendlehrer Karoline Luises in Homburg, Maler und Radierer in Meiningen, ließ die Fürstin Architektur studieren. Er vollendete den Schloßbau im Ostflügel und legte die Terrassenbauten an, die zum Schloßgarten hinunterführen. (S. Thüringer Kalender 1926. Museum Eisenach.)

Das Jahr 1806 erschütterte mit seinen weltgeschichtlichen Ereignissen auch das friedliche Leben auf der Heidecksburg. Die Schlacht von Saalfeld bereitete sich vor. Mit den letzten Tagen des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen hat die Sagenbildung sich viel beschäftigt. Vielleicht kann das trockene Hoffurierbuch helfen, Dichtung und Wahrheit zu scheiden. Es meldet: Ihro Königliche Hoheit Prinz Louis von Preußen sind den 7. Oktober hier angekommen mit einem Adjutanten, Kapitän von Kleist, einem Kammerdiener und drei Bedienten. Ihro Königliche Hoheit wurden ins grüne Zimmer, der Herr Adjutant ins alte Tafelzimmer logiert. Den 8. Oktober früh abgereist. Den 9. wieder hier. Den 10. abgereist. – Das Tagebuch des Fürsten gibt an, daß am 7. Oktober abends Ball und Souper zu Ehren der Gäste stattfand. Als der Geschützdonner von Saalfeld herüberdröhnte, bestand man darauf, daß die Fürstin mit ihren Kindern sich entfernte. Ihr selbst war es ein Lieblingsgedanke, Mut zu zeigen und Gefahr zu bestehen. Sie schämte sich aber später ihrer Eitelkeit, daß sie eine Heldenrolle habe spielen wollen und die Ihrigen dadurch einer Gefahr ausgesetzt hätte. Während einer Rastpause beruhigte sie ihre Nerven mit einer niedlichen Bleistiftzeichnung von der Weißenburg im Saaltale.

Die Durchmärsche des Napoleonischen linken Flügels gingen durch Rudolstadt. Der Fürst blieb zur Stelle. Als die französischen Beamten Villain und Du Molart die Regierung übernahmen, mußte er sie gastlich im Schlosse aufnehmen. Schweren Sorgen und Gemütsbewegungen erlag sein schwacher Körper am 28. April 1807.

Kerndeutsch, wenn auch gewohnt, französische Tagesanmerkungen zu schreiben, führte die Fürstin für ihren minderjährigen Sohn die Regentschaft bis 1814. Als Landesmutter, gleich der Königin Luise von Preußen, war sie umsichtige Diplomatin nach außen und unermüdliche Beraterin der Bedrängten, die aus dem ganzen Lande zu ihr kamen. Beamtenfamilien der Stadt bewahren noch heute Korrespondenzzettel als Reliquien auf, sie zeigen, wie die Fürstin ihren Bittstellern geholfen wissen wollte.

Schillers Hinterbliebene fanden bei ihr Zuflucht in Not und Verlegenheit. (S. Schiller in Rudolstadt. Greifenverlag 1925.)

Als Fürstinmutter blieb sie das verehrte Oberhaupt der prinzlichen und fürstlichen Familien auf der Heidecksburg bis an ihr Lebensende 1854. Künstler wußte sie anzuregen in vorbildlich moderner Weise, ohne Zwang auszuüben.