Wichtig nur auf einen Augenblick;
Was im Lenz wir liebevoll umfassen,
Sehen wir im Herbste schon verblassen,
Und der Schöpfung größtes Meisterstück
Sinkt veraltet in den Staub zurück.
Milde Herbsttage gestatten, daß Schiller wieder in Volkstedt wohnt. In alle Freude am täglichen Wiedersehen mischt sich der Abschiedsschmerz, darüber hinaus erhebt der Trost, daß die liebe wohltätige Zeit alles gut zur Reife bringen wird: »Ich weiß und fühle, daß mein Andenken unter Ihnen leben wird, und dies ist eine freudige Erinnerung für mich.«
Im Oktober werden die kurzen Briefgrüße häufiger und die Besuche immer mehr vorsichtig abgemessen. Schiller verliert den Mut, auf eine gute Zukunft zu hoffen, aber Charlotte rechnet schon wieder auf seine Anwesenheit im nächsten Sommer. Ihr und den Kochberger Freundinnen in Oberhasel zu begegnen, entschließt er sich nur ungern. Die heitere Freundin bekehrt ihn schließlich doch zu freudiger Verfassung, und er gesteht: »Mein hiesiger Aufenthalt neigt zum Ende; er hat mir viel angenehme Stunden verschafft, und, was das beste ist, er hat mich mir selbst wieder zurückgegeben und überhaupt einen wohltätigen Einfluß auf mein inneres Wesen gehabt.«
Die letzten Tage verbringt er wieder im Gasthaus, wenige Schritte von Charlottes Wohnung entfernt. Eine Zeichnung, die ihm die Freundin schickt, soll als sichtbares Zeichen mit unsichtbarer Wirkung künftig auf seinem Schreibtisch stehen. Erst als der Glückwunsch eintrifft, kommt dem Traumverlorenen zum Bewußtsein, daß sein Geburtstag ist, und dieser letzte Gruß aus dem Hause, wo er seine Heimat gefunden hat, preßt ihm Tränen aus. Noch war er nicht entschlossen abzureisen, erst die Gewißheit, daß die Schwestern ihre Fahrt nach Erfurt festgelegt haben, überzeugt ihn, daß auch seine Stunde gekommen ist.
Als er sich persönlich verabschiedet hat, ist der am stärksten gefürchtete Augenblick vorüber. Es tröstet ihn, noch erblickt er dieselben Gegenstände, auf denen auch ihr Auge ruht, noch umgeben dieselben Berge die Geliebte und ihn selbst. Am Morgen des 12. November sieht er ihren Reisewagen die Straße hinauf vorfahren, dann besteigt er die Post. Bis Teichröda sucht er noch mit den Blicken einen Gruß zu erhaschen, dann fällt ihm schwer auf das Herz, daß sich die Wege trennen. Einen Geranienstock und eine Porzellanvase mit Blumen hütet er zärtlich, sie sollten der Stube des einsamen Gelehrten einen neuen heimeligen Hauch verleihen.
Den Rudolstädter Sommer 1788 faßt Karoline zu einem wohlgelungenen Bilde zusammen: »In unserm Hause begann für Schiller ein neues Leben. Lange hatte er den Reiz eines freien freundschaftlichen Umgangs entbehrt. Uns fand er immer empfänglich für die Gedanken, die eben seine Seele erfüllten. Er wollte auf uns wirken, uns von Poesie, Kunst und philosophischen Ansichten das mitteilen, was uns frommen könnte, und dies Bestreben gab ihm selbst eine milde harmonische Gemütsstimmung. Sein Gespräch floß über in heitrer Laune; sie erzeugte witzige Einfälle, und wenn oft störende Gestalten unsern kleinen Kreis beengten, so ließ ihre Entfernung uns das Vergnügen des reinen Zusammenklangs unter uns nur noch lebhafter empfinden. Wie wohl war uns, wenn wir nach einer langweiligen Kaffeevisite unserm genialen Freunde unter den schönen Bäumen des Saalufers entgegengehen konnten! Ein Waldbach, der sich in die Saale ergießt, und über den eine schmale Brücke führt, war das Ziel, wo wir ihn erwarteten. Wenn wir ihn im Schimmer der Abendröte auf uns zukommen erblickten, dann erschloß sich ein heiteres ideales Leben unserm innern Sinn. Hoher Ernst und anmutige geistreiche Leichtigkeit des offnen reinen Gemüts waren in Schillers Umgang immer lebendig, man wandelte wie zwischen den unwandelbaren Sternen des Himmels und den Blumen der Erde in seinen Gesprächen.