Das schlug in die Richtung der Studien ein, mit denen Schiller gerade beschäftigt war. Er ging den Quellenberichten nach und faßte sie zu dem Aufsatz zusammen, der aus seinen Werken oft abgedruckt und weit verbreitet worden ist: Herzog von Alba bei einem Frühstück auf dem Schlosse zu Rudolstadt, im Jahr 1547.
Für ihre Ortschaften hatte die Gräfin gesorgt durch einen Sauvegardebrief: die spanischen Truppen verpflegte sie, damit ihre Untertanen nicht durch Plünderung zu leiden hatten. Schilder mit dem Wappen der Gräfin waren in jedem ihrer Dörfer angebracht. Herzog Alba und seine Begleiter saßen bei einem Gastmahl auf dem Schlosse, als die Nachricht eintraf, daß in Hasel und Cumbach geplündert wurde. Rasch entschlossen ließ Katharina Saal- und Schloßpforten durch ihre Bewaffneten besetzen und forderte, daß dem Kriegsbrauch Einhalt getan wurde, widrigenfalls: »Fürstenblut für Ochsenblut!« Mit sauersüßer Miene gaben die Herren Befehl, das geraubte Vieh den Eigentümern wieder auszuliefern.
Die mündliche Überlieferung berichtet, daß Schiller wiederholt auch den Turm der Stadtkirche besucht hat, wo vier wertvolle Glocken bis heute erhalten sind. Eine von ihnen soll seine Aufmerksamkeit dabei besonders gefesselt haben. Diese Andreasglocke trägt stark erhaben das Bild des Schutzpatrons der Kirche, um ihren Hals zieht sich zartes gotisches Spitzenwerk und faßt zwei Spruchbänder ein. Das untere Band enthält die Nachricht von der Entstehung der Glocke: »Anno domini 1499. Osanna heis ich, Curdt Kerstan gos mich. Er Cristofferus von Wiczleuben. Pharner.« Sie war in dem angegebenen Jahre auf dem Platz hinter der Kirche von dem bedeutenden Erfurter Meister gegossen worden, und der Pfarrer von Witzleben gehörte der Rudolstädter Reformationsgeschichte an.
Das obere Schriftband bringt den Beruf der Glocke in Worte: »Dulce melos clango, sanctorum gaudia pango, defunctos plango, vivos voco, fulgura frango.« Süßen Laut klinge ich, Freuden der Gläubigen singe ich, Tote beklage ich, Lebende rufe ich, Blitze wehre ich ab. In mehreren Lesarten findet sich dieser Sinnspruch auf 133 Glocken. Verkürzt um die beiden ersten Glieder, hat ihn Schiller über sein »Glockengießerlied« gesetzt: Vivos voco, mortuos plango, fulgura frango.
Aus dem Dämmerlicht der Glockenstube schweifte das Auge gern hinaus in die frische leuchtende Landschaft. Unten am Fuß des Kirchhügels lag Charlottes Jugendheim, der Heißenhof, ihm gegenüber die Ludwigsburg, und in deren Nähe, am Ausgang der Stadt die Glockengießerei von Mayer. Hier hatte seit 1715 schon der Schweizer Geschütz- und Glockengießer Johann Feer sein Gewerbe betrieben, und dann seit dessen Tode 1759 der Nürnberger Rotgießer Johann Mayer. Volkstedt und Rudolstadt nehmen in der Geschichte des Thüringer Glockengusses eine hervorragende Stelle ein seit dem Mittelalter. In der Familie Mayer, die ihr Kunstgewerbe bis 1872 ausübte, hat sich von Geschlecht zu Geschlecht in ganz bestimmter Fassung die Kunde vererbt, wie Schiller wiederholt die Gießhütte besucht hat, wie der Ahnherr zunächst gar nicht besonders erbaut war über die Störung der Arbeit, daß der bleiche Gelehrte aber rücksichtsvoll in dem hochlehnigen Stuhl an der Wand Platz genommen hat, um die Arbeit nicht zu stören. Auch Karoline von Wolzogen erinnert sich dessen, als sie das Lied von der Glocke erwähnt: »Lange hatte Schiller dieses Gedicht in sich getragen und mit uns oft davon gesprochen als einer Dichtung, von der er besondere Wirkung erwartete. Schon bei seinem Aufenthalt in Rudolstadt ging er oft nach einer Glockengießerei vor der Stadt spazieren, um von diesem Geschäft eine Anschauung zu gewinnen.«
Weil er seine Kenntnisse von der Technik des Glockengusses noch einmal nachprüfen wollte, schlug Schiller später die ökonomisch-technologische Enzyklopädie von Krünitz auf. Dort fand er eine Glocke in Schaffhausen erwähnt, die den Glockenspruch in der knappen Fassung trägt, wie sie ihm dann geeignet erschien. Diese Glocke selbst hat er nie gesehen. Auch sonst erheben eine Stuttgarter und die beiden Apoldaer Firmen Anspruch darauf, den Dichter als lerneifrigen Liebhaber in ihre Kunst eingeführt zu haben. Sollte ein triftiger Grund für diese Annahmen vorhanden sein, so findet sich leicht eine Erklärung dafür. Glockenguß ist technisch, wissenschaftlich und künstlerisch ein so anziehendes Gewerbe, daß jeder, der sich einmal aufmerksam darum gekümmert hat, gern die Gelegenheit wahrnimmt, seine Beobachtungen fortzusetzen und zu ergänzen.
An der heutigen Maschinengießerei, Jenaische Straße 1, fordert eine kleine Schrifttafel, verfaßt von Augustin Regensburger, auf, Johann Mayers und seines Meistergesellen zu gedenken:
Steh, Wandrer, still, denn hier erstand,
Daß keine zweite möglich werde,
Gebaut von Schillers Meisterhand,