Die größte Glockenform der Erde.

Charlottes Jugendheim

Von dem Haus, wo Charlotte ihre Kindheit verlebte, besitzen wir eine gemütvolle Schilderung aus ihrer eigenen Feder:

»Die Lage unserer Wohnung war höchst romantisch; an einer kleinen Anhöhe, die mit Obstbäumen bepflanzt war, lag unser Haus. Die vordere Seite hatte einen großen Hof, der mit einem kleinen Garten begrenzt war. Vor uns lag ein fürstliches Lustschloß und rechts eine alte Kirche, deren schöner Turm mir manche Phantasien erweckte, und das Geläute der Glocken, das ich zu allen Stunden hörte, stimmte mich oft ernst und melancholisch. Ich stand stundenlang an meinem Kammerfenster, sah in die dunkeln Fenster des Turms hinein, hörte den Glocken zu und sah die Wolken am Himmel sich bewegen. Mein Horizont war frei. In der Ferne sahen wir schöne Berge und ein altes Schloß auf dem Berge liegen, das oft das Ziel meiner Wünsche war. Ich stellte es mir auch gar zu hübsch vor, über die Heide, so hieß die Reihe der Berge vor meinen Augen, zu wandern und da neue Dörfer, eine neue Welt zu sehen. Auch eine Hängebirke, die in einem der Gärten stand, die ich aus meinen Fenstern, meiner kleinen Welt, übersehen konnte, hat mir viel Anlaß zu Betrachtungen gegeben.

Ich hatte Unterricht in den Morgenstunden; ich lernte nicht gern, und es war mir peinlich, wenn ich die Stunde schlagen hörte, und mein Lehrer begann eine neue Materie des Unterrichts. Französisch lernte ich auch nicht gern; Zeichnen und Schreiben wurden mir auch schwer. Aber am aller unangenehmsten war mir die Tanzstunde. Mittags freute ich mich immer an Tisch zu gehen; da saß mein Vater und erwartete uns, er konnte nicht allein gehen, und seine Jäger, deren er viele hatte, mußten ihn stets führen.

Er war immer heiter und freundlich bei Tisch, erzählte uns lustige Geschichten, erkundigte sich nach unserm Fleiß, ließ sich auch oft von seinen Jägern erzählen, wie es in der Welt ging, die ihn interessierte. Er hatte die Wälder, die er meistens anlegte, mit Liebe gepflegt. Alles war ihm wichtig; jeder neu erworbene Baum vergrößerte sein Interesse. Ich hörte gar zu gern zu, wenn solche Gespräche kamen, und dachte mir immer, wie es da und dort aussehen müßte. Ich sah die Plätze im Geist und lebte mit den Bäumen der Wälder, mit den Höhen und Tälern, mit den Nebeln, wie Ossian in seiner Welt, am liebsten. Nach dem Essen kam der Lehrer, und wir hatten Unterricht in der Geographie, lasen Zeitungen oder schrieben Briefe. Alsdann kam noch der französische Sprachmeister, und unsere Stunden hatten ein Ende. Der übrige Teil des Tages gehörte uns.

Wir gingen auf unserm Berg herum, und ich bildete mir ein, jeder neue Busch, den ich fände, sei auch andern fremd. War es böses Wetter, so setzte ich mich still in einen Winkel und hörte Karolinen und Amalien zu, die eine Art dialogisierter Romane spielten. Eine war immer eine Heldin des Stücks, und statt zu erzählen, wie es geschehen sei, dramatisierten sie die Geschichte. Dieses hatte unendlichen Reiz für mich. Ich saß dabei und hörte alles an und war begierig, wie es enden würde. Wie alle Romane und Theaterstücke, so endete sich dieses auch immer mit einer Heirat.

Hatte mein Vater Geschäfte mit seinen Jägern des Abends, so kam meine Mutter und die Kusine, eine fertige Leserin, las uns vor. Ich arbeitete nicht gern in früherer Zeit, so gerne ich jetzt tätig bin. Ich hatte noch eine Art Unterhaltung, die mich besonders anzog. Ich hatte Figuren aus den Kalendern, die ich mir künstlich ausschnitt. Mit diesen spielte ich die Romane nach, die ich hörte. Es gab aber noch wenige zu der Zeit, zumal deutsche.

Nach sieben Uhr gingen wir zu unserem Vater, wo wir ein kleines Mahl einnahmen, und nach dem Essen blieben wir noch bei ihm bis um neun Uhr, wo meine Mutter uns begleitete. Die Mädchen im Hause wurden versammelt, die Kusine las einen Abendsegen, es wurde ein geistliches Lied gesungen, die gute Mutter segnete ihre Kinder ein, und so gingen wir gläubig zur Ruhe und erwarteten den andern Morgen, um wieder so zu leben.

Noch ehe wir aufstanden, war der geschäftige Vater schon in den Wäldern, besah die Anlagen, ordnete die Holzschläge an, bestimmte die Jagdreviere, und meistens war die Mutter mit ihm. Hatte er keine solchen Geschäfte, so fuhr er mit ihr nach seinen Feldern. Er hatte aus Liebe zur Ökonomie Felder gepachtet. Da besah er, wie jede Pflanzung stand, ließ Anstalten zur Ernte machen, kurz er wies jedes Geschäft des Tages an.