Es war uns eine eigene Freude, die Ernte einfahren zu sehen, und an diese wiederkehrende Freude knüpften wir unsere Erinnerung. Bald halfen wir die Gemüse aufzubewahren, bald das Obst für den Winter zu legen, bald halfen wir einmachen und Obst trocknen. Alles wurde uns wichtig, und es wurde mit einer Wichtigkeit behandelt, wovon man nur in einer einfachen Lebensweise einen Begriff hat. Das ganze Haus hatte nur einen Gesichtspunkt bei einem ökonomischen Fest, alles war beschäftigt.
Ich zog indes freilich lieber auf dem Berg herum, den sich meine kindische Phantasie vergrößerte, suchte Blumen und Zweige und kam oft recht von Dornen zerrissen zurück und ganz atemlos. Bald wollte ich eine Blume pflücken, die unzugänglich war, bald fiel ich aus Unvorsichtigkeit den Berg hinunter, ohne Wunden ging keine meiner Streifereien ab. Kam zuweilen ein Besuch, der unsere Art zu leben unterbrach, so vernahmen wir nichts Neues, denn jeder lebte auf diese Art.
Ein Fest für uns war ein Besuch bei einem alten Geistlichen, dem Beichtvater unseres Hauses, der mit seiner Frau ein patriarchalisches Leben führte. Die runden Fensterscheiben im Zimmer, der große Schrank von Nußbaum mit großen geschliffenen Gläsern besetzt, mit Kirschen von Glas und einer ruhenden Kuh von Porzellan, die eine Butterbüchse war, war mir so lieb und erfreulich als der Kohlkopf in Vossens Luise. Ein schöner bunter Teppich lag auf dem Kaffeetisch. An der Seite des Zimmers war ein Fensterchen, das in die Küche sehen ließ, wo der Kaffee uns entgegendampfte, oder die schönen Kuchen gebacken wurden. Die Hoffnung, die Erwartung, was uns bevorstände, war für mich wichtig. Wenn der Tisch mit den Gaben des Herbstes prangte, saß ich recht gemütlich und hörte den Gesprächen, die mit Einfalt im Gemüt gehalten wurden, zu und verlor mich in dieser Welt.
Wenn um sechs Uhr die große Glocke schallte, wir mochten in welchem Gespräch wir auch wollten begriffen sein, so faltete der alte gute Mann seine Hände und betete laut, wir beteten mit. Die alte Frau Pfarrerin ging zu ihm, rief ihm laut ins Ohr, denn er war taub: ›Glückseligen guten Abend, Papa!‹ und das vorige Gespräch begann wieder. Um sieben verließen wir diesen langen Besuch, aber nicht ohne Rührung über die Güte und Einfalt, im edeln Sinn des Wortes, unserer Freunde. Sie kamen auch öfters zu uns, und immer war es die nämliche Unterhaltung. Der alte Pfarrer las wenig, doch die Zeitungen, die zuweilen auch unser Gespräch machten, einige theologische Bücher und gelehrte Zeitungen, die ich immer mit einer Art Neugierde und Ehrfurcht ansah, lagen auf seinem Tische.
Besuche unseres Alters hatten wir in dieser Zeit selten. Sonntags gingen wir in die Kirche und der Vater an Hof. Die Mutter ging Donnerstags gewöhnlich hin. Das war auch ein Fest für mich, sie geputzt zu sehen, und ich beschäftigte mich oft in der Vorstellung damit. Sonntags hatten wir meistens oder gaben Besuche. Ein fehlgeschlagener Anschlag auf einen Besuch war immer störend, und die Kusine, die gern ausging, sann oft stundenlang darüber nach, wo man sich nur könne melden lassen.
Ein großer schöner mit Bäumen bepflanzter Gang an der Saale war auch an den Besuchtagen unser Spaziergang. Dort versammelte sich die schöne Welt, und dort begegneten wir auch unsern Gespielinnen.
Auch der fürstliche Garten unserer Wohnung gegenüber war Sonntags unser Ziel. Alles mir Unbekannte und Fremde dünkte mir wunderbar, dieser Zug ist mir aus meiner früheren Jugend auffallend. Der Garten mit holzgeschnitzten Figuren, mit einer Laube, worin ein großes Bild war, im Geschmack des Gartens, den der Apotheker in Hermann und Dorothea beschreibt: dies waren meine Kunstwerke. Ein plumper Neptun mit einem Dreizack in einem Bassin war mir auch verwunderungswürdig, und er kam mir oft in meinen Träumen wieder vor. Auch ein Labyrinth, in dem ich mich oft zu verlieren fürchtete, war mir bedeutend.
So lebte und trieb ich mein Wesen in engen Umgebungen bis in mein neuntes Jahr, wo unser guter Vater uns entrissen wurde.«
Karoline befand sich bereits in einem Alter, wo der Gedanke an den Tod schwere Seelenbewegung hervorruft, wie sie selbst bekennt:
»In meinem dreizehnten Jahre verlor ich den Vater. Seine Krankheit wurde mir wohl als bedenklich, doch nicht als einen nahen Tod drohend vorgestellt.