Noch hatte ich nichts Geliebtes durch den Tod verloren, so daß mir diese grauenvolle Erscheinung in ihrer Macht und Tiefe fremd war. Der Vater starb in der Nacht an einem Stickflusse. Die Diener kamen zu uns herauf in den oberen Stock, mit dem Befehl der Mutter, wir sollten uns ruhig in unserm Zimmer halten. Ihre Klagetöne drangen zu uns herauf, meine Unruhe trieb mich die Treppe hinab, um ihr und dem Vater näher zu sein. Es war am Morgen gegen drei Uhr, eine Lampe brannte schwach auf der Hausflur. Die Zimmer meiner Mutter öffneten sich, man ging aus und ein, ich lehnte auf dem Treppengeländer, um in das Innere derselben blicken zu können. Da hörte ich die Stimme des Vaters. ›Weißt du nicht, daß ein allmächtiger Gott lebt?‹ hörte ich ihn sagen. Die Stimme war mir sonderbar nahe, als töne sie von der Hausflur her. Doch zweifelte ich in dem Moment durchaus nicht, daß der Vater noch lebe und die Mutter zu trösten suche.
Die Schillerglocke
Als am nächsten Morgen das traurige Ereignis uns ausführlich mitgeteilt wurde, und meine Mutter äußerte, schon gegen ein Uhr in der Nacht sei der Vater sprachlos gewesen, sagte ich: ›Ich habe ihn ja um drei noch reden hören!‹ worüber alles verwundert war. Vor dem Abgeschiedenen hatte ich übrigens durchaus keine Scheu oder Furcht, ja ich weilte oft lange in seinem Kabinett, wo ich ihn zuletzt gesehn, und bat Gott, er möge mich ihn noch einmal sehen, ihn mir erscheinen lassen.«
Charlottes Jugendheim
Der Heyßenhof war im 16. Jahrhundert Sitz einer Familie Heyße, stand in alter Beziehung zum Rittergut Großkochberg, als dessen Inhaber ein Herr von Stein 1720 damit belehnt wurde. Von 1770 bis 1780 war er fürstliches Eigentum, dann ging er in den Besitz einer Müllersfamilie Mallenbeck über. Wann der Jägermeister von Lengefeld sich hier einmietete, und ob seine Töchter im Heyßenhof geboren wurden, kann nicht festgestellt werden. In ihrem Erinnerungsleben spielt aber diese Örtlichkeit eine bedeutsame Rolle, verlebten sie doch hier die Kindheitsjahre, die mit ihren frisch empfundenen Eindrücken am tiefsten und längsten bis in das Alter vorhalten.
Der Schönfeldsche Hof gegenüber war ebenfalls seit Jahrhunderten ein Kochberger Vorwerk gewesen. Die fürstliche Hofverwaltung hatte ihn 1706 erworben, und Prinz Ludwig Günther von 1734 an die Ludwigsburg gebaut und mit einem Garten in französischer Mode ausgestattet, wie ihn Charlotte sah.
Der Damm am Saaleufer, 1735 angelegt, senkte sich reich mit schattigen Bäumen bepflanzt als Wiese und Weide zum Flusse hinab, und links von ihm dehnte sich der Anger aus als ländlicher Tummelplatz mit Schießstand, Gaststätten und einem Sommertheater.