Schillers Geschichtswerk über den Abfall der Niederlande war im Rudolstädter Sommer abgeschlossen worden und zur Michaelismesse 1788 in den Buchhandel gekommen. Daraufhin konnte sich Goethe für Charlottes Freund und Frau von Steins Schützling verwenden, als die Professur für Geschichte in Jena ganz unerwartet erledigt war. Der Dichter sollte nun Mann der Wissenschaft sein und ein Lehramt mit drückenden Verpflichtungen übernehmen. Das kam ihn hart an, aber die Aussicht auf eine feste Staatsstellung verlieh ihm ein Recht, auf Charlottes Hand zu hoffen. In Lauchstedt bei Halle erhielt er ihr Jawort. Vor der besorgten Mutter mußte das vorläufig noch ein Geheimnis bleiben.

Das junge Glück beseelt ihn mit neuem Mut, und zwischen dem Ernst der Tagesarbeit ließt der Scherz in seine Worte: »Die Mohammedaner kehren, wenn sie beten, ihr Gesicht nach Mekka, ich werde mir einen Katheder hier anschaffen, wo ich das meinige gegen Rudolstadt wenden kann, denn dort ist meine Religion und mein Prophet.«

Als der Semesterschluß winkt, nehmen die Pläne für den Ferienaufenthalt bestimmte Form an: »Ich mache mir meine Ferien so gut zunutze, als ich kann. Es sind die ersten, die ich erlebe, und es kommt mir wunderlich vor, daß mir eine Zeit vorgeschrieben ist, wo ich frei über mich disponieren kann. Kommenden Winter lese ich die Woche fünf Stunden Universalgeschichte, von der fränkischen Monarchie an bis auf Friedrich II., und eine Stunde Geschichte der Römer.«

Zwischen den Gedanken an die Arbeit belebt ihn die Freude auf die Nähe der Braut:

»Jena, Dienstag, den 1. September.

Wie wird es mit unsern Abenden gehen, wenn ich in Volkstedt wohne? Ich will es so einrichten, daß ich gegen drei gewöhnlich in Rudolstadt bin, und zuweilen bleiben, bis die Chère Mère wieder geht. Zuweilen komme ich auch den Vormittag. Bei schlechtem Wetter kann ich zur Not im Wirtshaus oder sonst ein Absteigequartier finden. Den Tag, wann ich komme, weiß ich noch nicht bestimmt. Ich vermute, daß ich morgen über 14 Tage mein letztes Kollegium lese.«

Etwas bange stimmt ihn der Gedanke, daß sie die Sorgen der Mutter nicht steigern durch eine vorzeitige Kunde von ihrem Verlöbnis: »Die Chère Mère müßt Ihr bei ihrer Zurückkunft und, wenn ich da bin, eher fleißiger als nachlässiger besuchen, sonst gewöhnt Ihr sie, mich und eine unangenehme Erfahrung in ihrem Gemüt zusammen zu denken.«

Er muß zweierlei Briefe schreiben, solche die geheim bleiben, und »ostensible«, die von Hand zu Hand gehen dürfen, und erwirbt sich Anerkennung dafür:

»Du bist recht artig, daß Du sogleich den Brief geschrieben hast, und so schön, so fein angelegt, daß es aussieht, als überträfst Du uns noch in List. Nun im Ernst, mein Lieber, glaube nicht, daß es meine Mutter so sehr beunruhigen kann, wenn Du uns nahe bist. Sie soll nicht mißmutig sein, wenn wir uns freuen. Aber ich kann mir doch auch nicht denken, daß es sie zu sehr betrüben könnte. Sie hat Dich doch auch lieb, findet, daß man Deinen Umgang schätzen muß, dazu hat sie doch zu viel Verstand, um es nicht zu finden, und fühlt doch auch, daß wir so einsam sind, und uns Deine Gesellschaft wohltun wird. Sie soll morgen den Brief sehen.

Daß wir Dich nachmittags von drei Uhr bis gegen sechs oder sieben immer sehen wollen, haben wir auch schon ausgedacht, und wir gehen immer abends um acht Uhr nach dem Essen bei Hof. Da können wir immer zwei Stunden bleiben. Alle Tage kommt meine Mutter nicht zu uns, also werden wir uns oft ungestört sehn können. Lieber, wie freut sich mein Herz dieser Aussicht!«