Am 18. September trifft der sehnlichst Erwartete ein, und fünf Wochen, reich an Arbeit, hell durch Freude, getrübt von mancherlei Sorgen, vereinigen den Rudolstädter Kreis in der Neuen Gasse.

Karoline, die Schwester und Freundin, weiß in allem Bescheid:

»Endlich kamen die Ferien. Schiller bewohnte wieder sein Haus in Volkstedt und brachte Morgen- und Nachmittagsstunden bei uns zu, da die Abende größtenteils der Mutter gehörten. Das Geheimnis der glücklichen Liebe zwischen ihr und uns, welches zu ihrer Ruhe nötig war, empfanden wir als eine ungewohnte Störung doppelt schmerzlich in dieser goldenen Zeit, denn immer hatte Offenheit unter uns gewaltet. Doch tröstete uns der Mutter sich stets gleich bleibende Achtung und Freundschaft für Schiller. Dieser arbeitete an seinen Vorlesungen, an der Thalia und dem Geisterseher und schweifte in den schönen Herbsttagen in der Gegend umher, in der Erinnerung und Hoffnung ihn anlächelte. Auch manche poetischen Pläne und Stimmungen entsprangen diesen Wanderungen, auf denen wir ihn oft begleiteten. Die Liebe und die sichere Aussicht auf ein glückliches häusliches Leben, welches immer der Gegenstand seiner Sehnsucht gewesen war, bildeten einen lichten Grund in seinem Gemüte. Aber die Ungewißheit der Epoche, wo Lottchen mit ihm leben könnte, erzeugte oft Sorge und Unruhe.

Es graute ihm vor der Einsamkeit in Jena. Der günstige Moment, seine Bitte dem Herzog von Weimar vorzutragen, lag noch fern, und an ihrer Erfüllung konnte man doch noch zweifeln. Da alles an der Festigkeit der Existenz, die die Mutter beruhigen konnte, hing, so erging sich unsere Phantasie in tausend Plänen, die dazu führen konnten. Städte, Länder und Verhältnisse mit wohlgesinnten Menschen, die nur der Gestaltung bedurften, lagen immer bereit.«

Unter den Plänen, die erwogen wurden, beschäftigte auch der ernsthaft die Gemüter, nur auf die schriftstellerische Tätigkeit den Hausstand, und zwar in Rudolstadt, zu gründen. All diesen Überlegungen kommt Frau von Stein zuvor, indem sie den Herzog bestimmt, für Schiller ein kleines Jahresgehalt zu versprechen. Nun gilt es ihm als erste Pflicht, der Mutter seiner Braut sein Herz und seine Lage zu eröffnen:

»Jena, den 18. Dezember 1789.

Wie lange und wie oft, seit mehr als einem Jahre, gnädige Frau, habe ich mit mir selbst gestritten, ob ich es wagen soll Ihnen zu gestehen, was ich jetzt nicht mehr zurückhalten kann. Ich muß Sie bitten, verehrungswürdigste Freundin, sich jetzt alles gegenwärtig zu machen, was je in Ihrem gütigen Herzen für mich sprach. Ich selbst muß mir jedes Ihrer Worte zurückrufen, worin ich Wohlwollen für mich zu erkennen glaubte, um in diesem Augenblicke Mut und Hoffnung zu fassen. Es gab Augenblicke, unvergeßlich sind sie meinem Herzen, wo Sie mich vergessen ließen, daß ich ein Fremdling in Ihrem Hause sei, ja, wo Sie unter Ihren Kindern auch mich mit zu zählen schienen. Was Sie damals ohne Bedeutung sagten, was nur eine vorübergehende Bewegung Ihres Herzens Ihnen eingab, wie tief ergriff es mein Herz, wo lange schon kein anderer Wunsch mehr lebte, als Ihr Sohn genannt zu werden. Sie haben es in Ihrer Gewalt, jene Äußerungen in volle selige Wahrheit für mich zu verwandeln.

Ich gebe das ganze Glück meines Lebens in Ihre Hände. Ich liebe Lottchen, ach, wie oft war dieses Geständnis auf meinen Lippen, es kann Ihnen nicht entgangen sein. Seit dem ersten Tage, wo ich in Ihr Haus trat, hat mich Lottchens liebe Gestalt nicht mehr verlassen. Ihr schönes edles Herz habe ich durchschaut. In so vielen froh durchlebten Stunden hat sich ihre zarte sanfte Seele in allen Gestalten mir gezeigt. Im stillen innigen Umgang, wovon Sie selbst so oft Zeugin waren, knüpfte sich das unzerreißbarste Band meines Lebens. Mit jedem Tage wuchs die Gewißheit in mir, daß ich durch Lottchen allein glücklich werden kann. Hätte ich diesen Eindruck vielleicht bekämpfen sollen, da ich noch nicht vorhersehen konnte, ob Lottchen auch die meine werden kann? Ich hab es versucht, ich habe mir einen Zwang vorgeschrieben, der mir viele Leiden gekostet hat. Aber es ist nicht möglich, seine höchste Glückseligkeit zu fliehen, gegen die laute Stimme des Herzens zu streiten. Alles, was meine Hoffnungen niederschlagen könnte, habe ich in diesem langen Jahre, wo diese Leidenschaft in mir kämpfte, geprüft und gewogen, aber mein Herz hat es widerlegt. Kann Lottchen glücklich werden durch meine innige ewige Liebe, und kann ich Sie, Verehrungswürdigste, lebendig davon überzeugen, so ist nichts mehr, was gegen das höchste Glück meines Lebens in Anschlag kommen kann. Ich habe nichts zu fürchten, als die zärtliche Bekümmernis der Mutter um das Glück ihrer Tochter, und glücklich wird sie durch mich sein, wenn Liebe sie glücklich machen kann. Und daß dieses ist, habe ich in Lottchens Herzen gelesen.

Wollen Sie, teuerste Mutter, o lassen Sie mich bei diesem Namen Sie nennen, der die Gefühle meines Herzens und meine Hoffnungen gegen Sie ausspricht, wollen Sie das Teuerste, was Sie haben, meiner Liebe anvertrauen? Meine Wünsche durch Ihre Billigung in Wirklichkeit verwandeln, wenn es auch die Wünsche Ihrer Tochter sind, wenn wir uns beide in dieser Bitte vereinigen? Ich werde Ihnen mehr zu danken haben, als ich einem Menschen danken kann. Sie werden glücklich sein in der Glückseligkeit Ihrer Kinder. Unsere Dankbarkeit wird geschäftig sein, Ihr Leben zu verschönern und Ihnen das Geschenk der Liebe durch Liebe zu erstatten.

Ich erlaube mir keine weitre Erklärung, bis Sie über die Wünsche meines Herzens entschieden haben werden. Steht nur in Ihrer Seele meinem Glücke nichts entgegen, so werden keine Hindernisse von außen ihm im Wege stehen. Mit welcher Unruhe und Sehnsucht erwarte ich von Ihnen den Ausspruch über mein ganzes Glück! Aber Liebe allein wird Sie leiten, und darauf gründe ich frohe Hoffnungen. Ewig der Ihrige mit der innigsten Ehrfurcht und Liebe.«