Nur ein gutes treues Mutterherz konnte eine Antwort geben, wie die, deren Inhalt ihn nun von Zweifeln erlöste:
»Rudolstadt, den 21. Dezember 1789.
Ja, ich will Ihnen das Beste und Liebste, was ich noch zu geben habe, meine gute Lottchen, geben. Die Liebe meiner Tochter zu Ihnen und Ihre edle Denkungsart bürgt mir für das Glück meines Kindes, und dieses allein suche ich. Verzeihen Sie aber der Sorgsamkeit und der Pflicht einer Mutter: Können Sie Lottchen neben Ihrer zärtlichen Liebe, nicht ein glänzendes Glück, sondern nur ein gutes Auskommen verschaffen? Beruhigen Sie mich über diesen Punkt, und ich nenne Sie mit Freuden Sohn. Wäre ich reich, könnte ich Ihnen mit meiner Tochter ein ansehnliches Vermögen geben, wie gern würde ich Ihnen da zeigen, daß Verdienst und ein Herz, so wie ich das Ihrige kenne, die schätzbarsten Güter der Erde für mich sind. Da mein Vermögen aber nicht groß und unser jetziges Leben diese Frage verlangt, weil ohne hinlänglichen Unterhalt kein Familienglück bestehen kann, so müssen Sie mir meine Ängstlichkeit vergeben. Die ich mich mit wahrer Ergebenheit und Freundschaft nenne
Ihre treue Freundin von Lengefeld.«
Zwei gute und treuherzige Briefe von Rudolstädtern in der Ferne trafen ein, der eine noch an Fräulein von Lengefeld in der Neuen Gasse, der andere bereits an Frau Hofrätin Schiller in Jena.
»Genf, den 27. Januar 1790.
Daß ich an der Entscheidung Ihres Schicksals, liebes Lottchen, den lebhaftesten Anteil nehme, dafür bürgt Ihnen meine Freundschaft für Sie. Mögen Sie mit dem Manne, den Sie sich gewählt haben, in allen künftigen Lagen Ihres Lebens immer so glücklich sein, als es Ihr gutes edles Herz verdient. Einer meiner sehnlichsten Wünsche wird dadurch erfüllt werden. Schiller, der mir bereits für seinen Geist die größte Achtung eingeflößt hat, soll mir auch in dem neuen Verhältnisse, in welches ich mit ihm durch Sie gesetzt werde, herzlich willkommen sein, und ich bitte Sie, ihn von meiner aufrichtigsten Freundschaft zu versichern.
Es ist freilich eben so gar artig nicht, daß Sie so mit einem Male Ihrem alten Lehrer aus der Schule laufen und mich, Ihren alten Freund, verlassen. Allein ich würde zuviel Eigennutz verraten, wenn ich mich zu sehr darüber beschweren wollte, und Knebeln muß es doch eigentlich recht wohl tun, seine Schülerin nun als hochgelehrte Professorin auf der Hohen Schule zu wissen. Ich will nun von Ihnen recht viel lernen, vorzüglich rechne ich sehr darauf, durch Ihre Vermittelung bisweilen etwas von Schillers historischen Vorlesungen zu erhalten. Seine erste im Merkur eingerückte Vorlesung habe ich kürzlich gelesen. Sie ist ganz meisterhaft und hat mir außerordentlich gefallen. Schiller behandelt die Geschichte genau so, wie ich immer gewünscht habe, sie behandelt zu sehen. Jede einzelne Geschichte wird durch seine Darstellung ein schöner Teil von einem großen harmonischen Ganzen, von der Geschichte der Menschheit.
Daß Sie uns in Rudolstadt nicht ganz vergessen, und daß Sie sich so einrichten werden, daß Sie alle Ferien bei uns mit Ihrem Freunde zubringen, darauf zähle ich sicher.
Leben Sie wohl, liebes Lottchen, und lassen Sie bald wieder etwas von sich hören.