Rudolstadt, Ostern 1925.
Dr. Berthold Rein.
Der 6. Dezember 1787
Als Schiller im Jahre 1787 nach Rudolstadt kam, war er für die allgemeine Menschheit noch ein Unbekannter. Wer in den Schriftwerken der letzten Jahre bewandert war, kannte seine Jugenddramen, die einen ganz überraschenden Ton auf der Bühne angeschlagen hatten. Wer tiefer blickte, beobachtete den gesellschaftlichen Hintergrund, von dem sich die Räuber und Kabale und Liebe abhoben. Dem einen stand dann der stürmisch begeisterte Schwabe in leuchtendem Glanze als Verkünder einer neuen Zeit da, dem andern in verdächtigem Dunkel als Vertreter von Empörung und Umsturz. Die Inschrift auf der zweiten Auflage der Räuber: »In tyrannos«, gegen die Unterdrücker, erhielt sich eben im Gedächtnis.
Alle die Kreise, denen er persönlich nahegetreten war, wußten zu erzählen, wie zurückhaltend, ja zaghaft er ihnen anfangs erschienen war, bis sich schließlich der Zauber seines liebenswürdigen, fesselnden und hingebenden Gemüts aufgetan hatte. Zu diesen Bekannten gehörten die Wolzogens von Stuttgart und Bauerbach her und in gewissem Sinne die Damen von Lengefeld in Rudolstadt, denn sie waren ihm, wenn auch nur flüchtig, auf der Rückreise aus der Schweiz in Mannheim bereits begegnet.
Schiller hatte seit seiner Flucht aus Stuttgart wiederholt verzweifelt gerungen, um festen Boden unter die Füße zu bekommen, war aber trotz aller Hoffnung, die er nun zuletzt auf den Herzog Karl August in Weimar gesetzt hatte, immer noch heimatlos. Jugendlich unbefangen und harmlos im Vertrauen war er Töchtern angesehener Familien nahegetreten, dennoch indes nicht zu einem Bund für das Leben gelangt.
Sein Studiengenosse aus der Karlsschule, Wilhelm von Wolzogen, hatte einen Besuch in Meiningen abzustatten. Für Schiller war die Werrastadt bedeutsam als neue Heimat seiner Schwester Christophine. Eine Reise hoch zu Roß lockte den leidenschaftlichen Liebhaber der Reitkunst, also folgte er dem Rufe des Freundes. Auf dem Rückwege nach Weimar schlug Wolzogen vor, die Richtung über Rudolstadt zu wählen, dort wollte er die »superklugen Kusinen« aufsuchen und mit dem Dichter des Don Carlos bekannt machen. Über Suhl, Ilmenau und Königsee erreichten sie das Saaltal.
In einem Hause der Neuen Gasse vor den Mauern der kleinen Residenz Rudolstadt saß Charlotte von Lengefeld am Fenster und hatte eben in das Tagebuch eingetragen: Der erste Schnee ist gefallen!, als die ländliche Stille durch Hufschlag unterbrochen wurde. Überrascht sah sie hinaus und erblickte zwei Reiter in graue Mäntel gehüllt. Erschrocken fuhr sie zurück, als die beiden scharf zu ihr aufschauten, und der eine schelmisch vertraut winkte: Ich komme gleich! Das Tagebuch nahm nun noch die Ergänzung auf: Eben ritt Vetter Wolzogen vorbei mit einem anderen Reiter, ich möchte wohl wissen, wer das ist!
Der 6. Dezember sollte ein Schicksalstag für sie werden und das schlichte Haus eine bedeutsame Stätte.
Das Grundstück, jetzt Schillerstraße 25, hatte um 1720 der Hofjäger Wolfgang Rühm aus Bayreuth als Bauplatz für ein gemütvolles einfaches Wohnhaus erworben. Sein Nachfolger, der Landrentmeister Rühm, oder dessen Witwe hatte im Garten dahinter ein »Zwillingshaus« errichtet, das schließlich durch Zwischenbauten mit dem Vorderhaus verbunden wurde. Ein kleiner Hof in der Mitte blieb frei. Nach der Sonnenseite reichte ein großer Garten noch bis an das Nachbarhaus. Auf der Abendseite führte eine junge Lindenallee vorüber. In das zweistöckige Zwillingshaus war die Frau Landjägermeister von Lengefeld mit ihren kleinen Töchtern eingezogen, nachdem ihr der Tod den Gemahl 1775 frühzeitig entrissen hatte. In dem Obergeschoß des Vorderhauses richtete 1785 die ältere der beiden Töchter, Karoline, ihren Haushalt ein, als sie sich mit Ludwig von Beulwitz vermählte. Das Haus war weder Eigentum der Familie von Beulwitz, noch der Familie von Lengefeld, es ging 1796 durch Kauf aus dem Rühmschen Besitz an den Kammersekretär Andreas Christoph Johann Werlich über. Die beiden adeligen Familien wohnten nur zur Miete darin.
Friedrich Wilhelm Ludwig von Beulwitz, dessen Grabplatte links im Eingang zum Alten Friedhof zu finden ist, führte zwar im vertrauten Bekanntenkreise den Beinamen Ursus, der Bär, aber die Verteidiger seiner Gattin haben später doch zu Unrecht sein Bild entstellt, als sie das Für und Wider der Ehescheidung verhandelten. Er war zehn Jahre älter als seine stark und feurig veranlagte, jetzt vierundzwanzigjährige Frau. Als Hofbeamter, als Landeshauptmann in Königsee, als Freund von Kunst und Wissenschaft führte er ein arbeitsames Leben, wobei ihm freilich wenig Zeit und Neigung übrigblieb, seiner Gattin seelisch nahezutreten, und das Führeramt auszuüben, das ganz besonders sie nötig gehabt hätte. Bald mußte er wiederum längere Zeit auf Reisen gehen als Begleiter der Prinzen Ludwig Friedrich und Karl Günther, die einen Studienaufenthalt in Genf nehmen wollten.