Charlotte von Lengefeld war bereits einmal durch Neigung und Entsagung hindurchgegangen. Ein englischer Hauptmann Heron, mit dem sie noch ab und zu geneckt wurde, hatte ihr nahegestanden, sein Beruf zog ihn aber nach Indien, wo er für sie verschollen blieb. Beide Schwestern nahmen an den Neuerscheinungen des Geisteslebens regen Anteil. Etwas gemäßigt wurde ihr Verlangen nach Unabhängigkeit und ihre freigeistige Modebestrebung durch die streng religiöse Lebensauffassung der Mutter. Diese war als Witwe hart geprüft worden und empfand hohe Verantwortung für die vaterlosen Töchter. Sie war Hofdame, erwartete bei nächster Gelegenheit das Amt einer Oberhofmeisterin auf der Heidecksburg und erhoffte für ihre jüngere Tochter einen ähnlichen Ruf nach Weimar. Das alles sprach entscheidend mit auch in den kleinen Tagesfragen und bestimmte den Ton in den gesellschaftlichen Umgangsformen.
In diesen Familienkreis trat Schiller am Abend des 6. Dezember ein. Dem Kenner griechisch-römischer Literatur, die gerade wieder stark in Aufnahme gekommen war, fehlte es nicht an Unterhaltungsstoff, und der Jünger neuester Philosophie verfügte über die Gabe, zufällig entstandene Gespräche in einer überlegen bewußten Richtung zu lenken. Dabei wurde seine unverfälschte schwäbische Mundart nicht als Störung, sondern als treuherzige reizvolle Beigabe empfunden.
Den Zauber, der von Schillers Person ausging, hat Wilhelm von Humboldt später treffend gewürdigt:
»Was jedem Beobachter an Schiller am meisten als charakteristisch bezeichnend auffallen mußte, war, daß in einem höheren und prägnanteren Sinn, als vielleicht je bei einem andern, der Gedanke das Element seines Lebens war. Anhaltend selbsttätige Beschäftigung des Geistes verließ ihn fast nie. – Sie schien ihm Erholung, nicht Anstrengung. Dies zeigte sich am meisten im Gespräch, für das Schiller ganz eigentlich geboren schien. Er suchte nie nach einem bedeutenden Stoff der Unterredung, er überließ es mehr dem Zufall, den Gegenstand herbeizuführen, aber von jedem aus leitete er das Gespräch zu einem allgemeinen Gesichtspunkt, und man sah sich nach wenigen Zwischenreden in den Mittelpunkt einer den Geist anregenden Diskussion versetzt. Er behandelte den Gedanken immer als ein gemeinschaftlich zu gewinnendes Resultat, schien immer des Mitredenden zu bedürfen, wenn dieser sich auch bewußt blieb, die Idee allein von ihm zu empfangen, und ließ ihn nie müßig werden. – Schiller sprach nicht eigentlich schön. Aber sein Geist strebte immer in Schärfe und Bestimmtheit einem neuen geistigen Gewinne zu. – Schiller hielt immer den Faden fest, der zum Endpunkt der Untersuchung führen mußte, und wenn die Unterredung nicht durch einen Zufall gestört wurde, so brach er nicht leicht vor Erreichung des Zieles ab.«
Überraschend schnell gedieh die flüchtige Bekanntschaft in wenigen Abendstunden zu einem Freundschaftsbund, der die Damen von Lengefeld mit ihrem Gaste verband und zu einer Verabredung für den folgenden Sommer führte. Die Schwestern versprachen, ihm einen ländlichen Aufenthalt für seine Schriftstellerarbeiten auszusuchen.
Wie dieser Abend im Geiste Karolines weiterlebte, läßt das Erinnerungsbild erkennen, das sie davon entwirft: »Damals ging noch keine Kunststraße durch unser kleines Tal, ein Fremder war ein Phänomen hinter den grünen Bergen. Oft erschienen wir uns selbst als verwünschte Prinzessinnen, auf Erlösung aus dieser Einförmigkeit hoffend. Dennoch erfrischte uns immerwährend der Zauber dieser Berge.
Schiller fühlte sich wohl und frei in unserm Familienkreise. Entfernt vom flachen Weltleben, galt uns das Geistige mehr als alles. Wir umfaßten es mit Herzenswärme, nicht befangen von kritischen Urteilen und Vorurteilen, nur der eigenen Richtung unserer Natur folgend. Dies war es, was er bedurfte, um sich selbst im Umgang aufzuschließen. Wir kannten seinen Don Carlos noch nicht. Ohne alle schriftstellerische Eitelkeit schien es ihm am Herzen zu liegen, daß wir ihn kennen lernten. Ich erinnere mich nicht, daß unsere Gespräche noch etwas anderes aus der Welt seiner Dichtung berührten, die Briefe von Julius an Raffael und die auf diese sich beziehenden Gedichte der Anthologie ausgenommen. Der Gedanke, sich unserer Familie anzuschließen, schien schon an jenem Abend in ihm aufzudämmern, und zu unserer Freude sprach er beim Abschiede den Plan aus, den nächsten Sommer in unserm schönen Tale zu verleben.«
Charlotte von Lengefeld
Kaum nach Weimar zurückgekehrt, legt Schiller seinem Gewissensberater und etwas eifersüchtigen Freunde Körner in Dresden ziemlich kühl eine Art Rechenschaft ab über seinen Ausflug: »In Rudolstadt habe ich mich auch einen Tag aufgehalten und wieder eine recht liebenswürdige Familie kennen lernen. Eine Frau von Lengenfeld lebt da mit einer verheirateten und einer noch ledigen Tochter. Beide Geschöpfe sind, ohne schön zu sein, anziehend und gefallen mir sehr. Man findet hier viel Bekanntschaft mit der neueren Literatur, Feinheit, Empfindung und Geist. Das Klavier spielen sie gut, welches mir einen recht schönen Abend machte. Die Gegend um Rudolstadt ist außerordentlich schön. Ich hatte nie davon gehört und bin sehr überrascht worden. Man gelangt durch einen schönen Grund dahin und wird von dem weißen großen Schlosse auf dem Berge angenehm überrascht.«