Er hatte inzwischen seine Reisetasche gepackt, wobei er, wie ich bemerkte, sehr geschickt zu Werke ging; es galt, viele Kleinigkeiten in engen Raum zusammenzufügen, und er brachte es ganz nett zustande; Ungeschicklichkeit, das sah ich, konnte nicht die Ursache des Kriegszustandes sein, in dem er mit dem Bagatell sich befand. Er sagte mir nun, er wolle seine Reise auf der Axenstraße am See zu Fuß fortsetzen. Leicht konnte er sich denken, daß ich wahrscheinlich ebendasselbe vorhabe, der Gedanke eines Zusammenwanderns lag, da wir denn doch schon Bekannte waren, nahe genug, aber es fiel ihm nicht ein, auch nur einen Wink zu geben, der entfernt einer Einladung gleichgesehen hätte. Ich dachte, er erwarte, daß ich mich ihm erst vorstelle, und begann: »Erlauben Sie, es ist doch wohl Zeit, daß ich mich Ihnen –«

Er unterbrach mich: »Bitte, danke, lieber nicht – verzeihen Sie, es ist nicht Maske, nicht Geheimtuerei von mir, gewiß nicht, liebe aber, auf der Reise wenigstens, alles klar, frei. Name und Stand macht Nebengedanken, führt auf Namen-Etymologie und dergleichen, wir sind eben jeder ein Ich, eine Person oder, wie Fischart sagt, seelhaftes Lebwesen; wir befinden uns besser so.«

Ich war nun schon im Zuge, dem wunderlichen Kauz nichts übel zu nehmen, und da, wie ich gestehe, meine Neugierde nach Namen und Stand eben auch nicht groß ist, so ließ ich mir's unschwer gefallen, daß ich auch nicht erfahren sollte, wen ich eigentlich vor mir habe. Ich reichte auf der Schwelle die Hand zum Abschied, und A. E. wollte sie eben nehmen, als ihm einfiel, daß er doch erst frühstücken sollte; dieses Werk wenigstens noch gemeinsam zu verrichten, dagegen schien er denn doch nichts zu haben, und so stieg ich mit ihm in die » salle à manger « hinab.

Beim Eintreten bemerkte ich, daß er einen ängstlich suchenden Blick nach den vier Ecken des Saales, und zwar auf den Fußboden, warf; der Blick kehrte beruhigt zurück, als er in der vierten ein kleines Gerät bemerkte, das hustenden Menschen erwünscht sein mag; mit höchst gemütlichem Tone sagte er: »Der Saal ist doch ganz ordentlich möbliert,« und von da schien eine erträglich gute Laune bei ihm einzutreten. Das Frühstück stand nach Art der Schweizer Gasthöfe in diesen Frühstunden stets bereit, und A. E. – nachdem er Honig und Butter heftig weggeschoben hatte – griff rüstig zu, ich desgleichen. Wir waren allein im Saale, doch bald trat ein dritter Reisender ein. Es war ein Mann von gesetzten Jahren, er trug ein Staubhemd von ungebleichter Leinwand mit einem kleinen, über die Schultern hängenden Kragen und auf dem Rücken einen nicht ungewichtigen Leinwandtornister, auf seiner Stirn lag ein bemerklicher Wanderschweiß, man sah, er hatte diesen Morgen schon einige Stunden zurückgelegt; er legte seine Last ab, stellte den soliden, bauschigen Regenschirm in eine Ecke, nicht ohne ihn mit einem Blick zu betrachten, der eine innere Zufriedenheit mit dem gediegenen und nützlichen Gerät ausdrückte, begab sich rasch an den Tisch, setzte sich an sein andres Ende, rückte sich den Stuhl recht nahe, zog eine Brille hervor, besah sich, was aufgesetzt war, schien mit der Vollständigkeit der Dinge, die zu einem englischen Frühstück gehören, sehr einverstanden und begann mit dem vollen Ausdruck einer Seele, die sich bewußt ist, daß ihr Leib sein Frühstück redlich verdient habe, die genußverheißende Arbeit des Schneidens und Butterstreichens. Es war leicht zu ersehen, daß der Mann dem Gelehrtenstande angehören mußte, und seine etwas bleiche Gesichtsfarbe legte den Schluß nahe, daß er zu jener Gattung der Gebirgsreisenden gehören möge, die durch starke Fußmärsche in Ferien einzubringen suchen, was sie durch sitzende Lebensart das Jahr hindurch ihrem Organismus Leides zufügen müssen.

A. E., der inzwischen die Eßlust gestillt, schien zum Abmarsch keine besondere Eile zu haben, steckte sich gemächlich eine Zigarre an und begann zu mir: »Sie geben also zu, daß die Physik eigentlich Metaphysik ist, Lehre vom Geisterreich. Das heißt, ich vermute, daß Sie es zugeben, wiewohl ich es Ihnen philosophisch eigentlich noch nicht begründet habe, denn was Sie sicherlich bereits erkannt haben, das ist die allgemeine Tendenziosität, ja Animosität des Objekts, des sogenannten Körpers, was die bisherige Physik geistlos mit Namen wie: Gesetz der Schwere, Statik und dergleichen bezeichnet hat, während es vielmehr aus Einwohnung böser Geister herzuleiten ist.«

Der Fremde hatte inzwischen einen länglichen Brotlaib höchst kunstgerecht wie man es wohl im »Kurmärker und die Picarde« vom preußischen Landwehrmann verrichten sieht, der Länge nach entzweigeschnitten und war eben beschäftigt, die Butter schön und glatt wie mit einem Modellierholz aufzustreichen; er hielt bei diesen Worten einen Augenblick inne, warf unter den buschigen Brauen einen sonderbaren Blick nach uns herüber und fuhr dann nachdenklich in seinem plastischen Geschäfte fort, indem er öfters mit einem Ausdruck von Staunen und Ironie den Kopf hin und her wiegte. Es kam mir der Gedanke, ob A. E. auf ihn berechne. Es schien entschieden nicht. Er hatte auf den Eintretenden nur einen raschen Blick geworfen, freilich einen scharf erfassenden, denn sein Auge pflegte zu blicken, als wäre eine fest greifende Hand darin, doch nicht ein Zeichen ließ vermuten, daß er sich weiter um den Unbekannten kümmere.

»Animos,« fuhr er fort, – »haben Sie denn auch nur schon beobachtet, wie das fallende Papierblatt uns verhöhnt? Sind sie nicht wahrhaft graziös, die Spottbewegungen, womit es hin und her flattert? Sagt nicht jeder Zug mit blasiert eleganter Frivolität: doch noch gewonnen!? O, das Objekt lauert. Ich setze mich nach dem Frühstück frisch, wohlgemut an die Arbeit, ahne den Feind nicht. Ich tunke ein, zu schreiben, schreibe: ein Härchen in der Feder, damit beginnt es. Der Teufel will nicht heraus, ich beflecke die Finger mit Tinte, ein Flecken kommt aufs Papier – dann muß ich ein Blatt suchen, dann ein Buch und so weiter, und so weiter, kurz, der schöne Morgen ist hin. Von Tagesanbruch bis in die späte Nacht, solang irgend ein Mensch um den Weg ist, denkt das Objekt auf Unarten, auf Tücke. Man muß mit ihm umgehen, wie der Tierbändiger mit der Bestie, wenn er sich in ihren Käfig gewagt hat; er läßt keinen Blick von ihrem Blick und die Bestie keinen von seinem; was man da von der moralischen Gewalt des Menschenblickes vorbringt, ist nichts, ist Märchen; nein, der starre Blick sagt dem Vieh nur, daß der Mensch wacht, auf seiner Hut ist, und Blick gegen Blick, gleich fix gespannt, lauert es denn, ob er sich einen Augenblick vergesse. So lauert alles Objekt, Bleistift, Feder, Tintenfaß, Papier, Zigarre, Glas, Lampe – alles, alles auf den Augenblick, wo man nicht acht gibt. Aber um Gottes willen, wer kann's durchführen? Wer hat Zeit? Und wie der Tiger im ersten Moment, wo er sich unbeobachtet sieht, mit Wutsprung auf den Unglücklichen stürzt, so das verfluchte Objekt; plumper oder feiner, wie es kommt, diabolisch fein zum Beispiel das Eisenfeilstäubchen, das mir ins Auge flog am Morgen, als ich eine Fußreise antreten wollte, auf die ich mich lange gefreut, und das mich ums Auge zu bringen drohte – o, überhaupt: glauben Sie, wenn ein ordentlicher Mensch reisen will, halten die Teufel ein ökumenisches Konzil – Vorschläge – Anträge – Amendements – zum Exempel: Antrag: Hühnerauge, Amendement: unter dem Nagel; oder Antrag: Grimmen auf der Eisenbahn, Amendement: in Gesellschaft einer Dame; Antrag: schlecht Wetter, Amendement: zerrissene Schuhe und die neuen zu eng. Doch nicht immer waltet aggressive Form. Das Objekt liebt in seinem Teufelshumor namentlich das Verschlupfspiel. Wie die gute, sorgende, schützende Natur einige Tiere dem Boden gleich färbt, bildet, auf dem sie leben, sich nähren, damit sie der Feind schwerer entdecke – Raupe, Schmetterling der Baumrinde, dem Baumblatt, Hase der Erde gleich – so verfahren auch gern die Dämonen: zum Beispiel rotbraunes Brillenfutteral versteckt sich auf rotbraunem Möbel; doch Haupttücke des Objekts ist, an den Rand kriechen und sich da von der Höhe fallen lassen, aus der Hand gleiten – du vergissest dich kaum einen Augenblick und ratsch –«

Wir hörten in diesem Augenblick ein kleines Geräusch von der Seite des dritten Gastes her, sahen ihn hastig unter den Tisch fahren und mit einem Körper in der Hand wieder auftauchen, den er mit großem Schrecken und darauf folgender tiefer Wehmut betrachtete. Es war sein zuerst mit Butter, dann mit Honig ebenso korrekt gestrichenes als korrekt geschnittenes Brot, und dasselbe war – »natürlich« würde A. E. sagen – auf die gestrichene Seite gefallen.

Ich unterdrückte nur notdürftig einen mächtigen Lachreiz, denn es war doch auch gerade, als ob das »Ratsch« und das Fallen des Brotes in einem geisterhaften Kausalitätsverhältnis gestanden wären. A. E. sah ganz ernst hinüber und nickte sanft mit dem Kopfe, ohne einen Zug des Spottes, ja eher mit einem Zug der Teilnahme, als wollte er sagen: das kennen wir armen Sterblichen. Der Fremde schoß jetzt nicht nur einen, sondern eine Batterie von Blicken, grimmigen, auf uns herüber und machte sich höchst verdrießlich an das Geschäft, dem unheilbaren Schnitten einen entsprechenden Nachfolger hervorzubringen.

A. E. fuhr ruhig fort: »Dann ist es überhaupt so eine Sache mit dem Ding da, den zwei Dingen, was Kant die reinen apriorischen Anschauungsformen nannte.«