»Raum und Zeit?«
»Eben. Was ist der Raum denn andres, als die unverschämte Einrichtung, vermöge deren ich, um den Körper a hierherzusetzen (– er zeigte es an Tassen, Kannen, Körbchen, Flaschen, Gläsern, die etwas dicht auf dem Tische standen –), vorher b dort weg, um Platz, für b zu bekommen, wieder c da hinwegstellen muß und so mit Grazie in infinitum –? Und die Zeit? Das ist dasjenige, was man dazu doch nicht hat. Denn Donnerwetter und alle tausend Teufel, leben wir dazu, um zehn Griffe nötig zu haben zu dem, was kaum eines Griffs wert ist!«
Der Unbekannte bewegte jetzt stärker und ärgerlich lachend den Kopf hin und her und eine sichtbare Unruhe kam ihm in die Beine.
A. E. war nun gut im Zuge. »Ein andermal«, fuhr er fort, »sind die Nickel unverschämt in entgegengesetzter Richtung. Jetzt will zusammen, was nicht zusammengehört. Kennen Sie eine der verfluchtesten Formen: das Mitgehen? Wenn so ein liebenswürdiges Blatt, das zum Aktenstoß Y gehört, beim Ordnen, Aufbewahren zu unterst an Faszikel Z hinkriecht und mit hinein in das Schubfach schlüpft und sich über Tag, Woche oder Jahr nicht finden, sich suchen läßt unter Verzweiflung, Wut, Rennen bis zum Wahnsinn? Dagegen ist so was, wie das bekannte, ewige Unterschlüpfen der Damenkleider unter den Stuhlfuß des Nachbars nur ein kleiner, zierlich pikanter Spaß des teufelbesessenen Objekts, doch interessant als allein schon hinreichend, unsre dumme Physik zu stürzen, denn wer könnte so etwas mechanisch erklären?«
Jetzt fuhr der Fremde auf mit dem Ruf: »Es wird zuviel!« stieg mit straffen Schritten auf uns los, pflanzte sich vor A. E. auf und mit Zornblick rief er: »Mein Herr! Wissen Sie, ich bin Professor der Physik! Sie haben mir aber auch gleichsam mein Butterbrot hinuntergeworfen!«
A. E. verweilte auf dem Mann mit einem ganz gelassenen, ganz kontemplativen Blick und schwieg. Was werden sollte, wer konnte es wissen? Plötzlich stieg ihm eine flammende Röte ins Gesicht, seine Augen funkelten, er fuhr auf, und ich, da ich meinen Mann eben doch noch nicht so ganz kannte, wurde schon für den Frieden besorgt, als er mit Sturmschritten, ja mit Sätzen wie ein Panther quer über das Zimmer nach einer Ecke schoß, wo das oben zart erwähnte Gerät stand, und nun ging ein Husten, Niesen mit untermischtem Schlucken, seltsamen, wilden Gurgel- und Schnapptönen, ein so schreckliches Glucksen, Kollern, Fauchen, Raspeln, Schnarren, Stöhnen, schußartiges Bellen los, als hörte man die rasende Musik eines Chors von Höllengeistern. Es dauerte ziemlich lange, bis diese furchtbare Naturerscheinung vorüber war, dann richtete sich der leidende Mann matt in die Höhe, griff nach Hut, Tasche, Stab und sagte im Abgehen zu mir mit jammernswert fistulierender Stimme: »Bitte, haben Sie die Güte, den Herrn zu beruhigen! Guten Tag beiderseits.«
Der Herr war im Schrecken zur Seite getaumelt, als A. E. so jäh in die Höhe fuhr; dann sah und hörte er mit starrem Staunen den Evolutionen des erschrecklichen Gewitters zu und schickte dem Abgehenden einen langen, verwirrten Blick nach. Endlich wandte er sich gegen mich, zwinkerte mich mit den Augen an und deutete mit dem Finger auf seine Stirn. Ich zuckte die Achseln. Er schien dies für volle Bejahung zu nehmen, war nun wirklich beruhigt und schritt mit frischem Eifer an die Erneuerung seines Frühstückwerks.
Ich mochte dem Vorangegangenen nicht so schnell folgen; es hätte scheinen können, als wolle ich mich aufdrängen. Ich war doch etwas ungehalten, daß er so rücksichtslos davongelaufen; indem ich mich besann, was ich beginnen solle, um meinen Abmarsch ein halbes Stündchen noch hinzuziehen, fiel mir ein: Halt, gefunden! Grobian, deine Strafe soll nicht ausbleiben, du sollst beschrieben werden! Ich ging gleich an die Vorarbeit, machte mir eine Reihe von Notizen in mein Tagebuch und brach auf, als ich annehmen konnte, mein wunderlicher Held habe nun genügenden Vorsprung.
Adolph Bayersdorfer:
Die militärpflichtige Tante.
Der einzige Mensch, den ich noch mit einem Haarbeutel gesehen habe, mit einem solchen nämlich, wie man sie vor Zeiten außen am Kopfe trug, war mein alter Großoheim, welcher vordem beim deutschen Reichs-Kammergericht in Wetzlar angestellt gewesen und zugleich mit diesem berühmten Institut in eine wohlverdiente Pension gegangen war. In dem komplizierten Räderwerk des obersten deutschen Gerichtshofes hatte er ein ganz kleines Federchen, Rädchen oder Kettchen vorgestellt als ein versteckter Unterbeamter einer untergeordneten Registraturskanzlei, welche ihrerseits wieder die Unterabteilung einer anderen war. Wenn ich nun meines Großoheims ganzen Titel herschreiben wollte – eine einzige monströse Namen-Kumulation, welche in pünktlicher Fixierung die Titulaturen aller Stellen von oben herab gewissenhaft mit einschloß, bis sie bei seinem bescheidenen Posten angelangt war – so müßte ich mindestens einmal dazwischen frisch Tinte schöpfen, gleichwie die Leute, die so viel Zeit hatten, ihn bei seinem ganzen Titel rufen zu können, einmal Atem holen mußten unter der Absagung dieses einzigen Wortes.