Der gesegnete Träger dieser Titelschleppe, deren Länge, wie herkömmlich, im umgekehrten Verhältnisse zum Gehalte ihres Eigentümers stand, war ein hagerer, schweigsamer Mann mit knochigem Gesichte, der gleich der verkörperten Theorie immer ganz grau und altväterlich gekleidet einherging, bis an den Hals zugeknöpft. Pedanterie in allen Dingen war wohl seine einzige Passion. Er fand einen Genuß in der Pünktlichkeit, mit welcher er jeden Tag zu den gleichen Stunden das Gleiche tat, und auf seinen Spaziergängen, die den größten Teil seiner Mußestunden (er hatte deren täglich vierundzwanzig) in Anspruch nahmen, sah man ihn immer mit denselben Glockenschlägen um dieselben Ecken biegen. Der Spaßmacher des Städtchens richtete solange seine Uhr scherzweise nach meines Großoheims Spaziergängen, bis er endlich für gut fand, diese Art der Zeitregulierung in vollem Ernste beizubehalten.
In der mediatisierten Reichsstadt, woselbst er seine Pension verzehrte, war er zur Zeit meiner Schuljahre, wie gesagt, der einzige Mensch mit einem Haarbeutel und deswegen für uns reichsstädtische Jugend eine besonders interessante Gestalt, welche wir gleich einer Reliquie halb mit ehrwürdiger Scheu, halb mit dem aufkeimenden Spotte eines zweifelnden Gemütes, das sich der verderblichen Aufklärung zuneigt, anzustaunen gewohnt waren.
Mein Großoheim war mit meiner Großtante verheiratet, ein Umstand, dessen Zufälligkeit mir als Kind viel zu denken gab. Die Großtante war eine altmodische Frau und hatte ihrem Manne drei Töchter beschert, welche auch nie recht in die Mode kommen wollten. Die dritte, welche fast zwei Jahrzehnte jünger war als ihre Schwestern, hatte den seltenen Namen Mauritia und war als meine Tante bei allen Wendepunkten meines jungen Lebens, von der Taufe angefangen bis zur Erlangung der Toga virilis, mein religiöser Beistand. In ihren späteren Tagen bekam sie dasselbe verblichene Kanzlei-Aussehen, wie es ihr Vater gehabt hatte, und glich ihm überhaupt mehr, als ihrer Weiblichkeit gut stand.
Das mochte mit den ersten Eindrücken zusammenhängen, welche sie in ihrer Jugend erfahren hatte, denn die Geburt meiner Tante fiel in die wüsten Kriegsjahre am Anfange unseres Jahrhunderts, und Trommeln und Schießen war ihren kleinen Ohren geläufiger geworden, als Wiegenlieder. So war sie denn unter dem Zeichen des Mars zur Welt gekommen und konnte sich diesem planetarischen Einflusse so wenig entziehen, daß sie sogar in ihrem einundzwanzigsten Jahre konskribiert wurde.
Das kam aber so. Als sie ungefähr drei Jahre alt war, nahm der schreckliche Kriegslärm, der mit Feuer und Schwert über die Länder gezogen war und wie manche Gegend, so auch meines Großoheims Wohnsitz doppelt und dreifach heimgesucht hatte, ein ersehntes Ende, und ein zaghafter Friede, an den niemand recht glaubte, kam schüchtern ins Land geschritten. Mit ihm aber auch eine Anzahl kaiserlicher, königlicher, kurfürstlicher und anderer Kommissäre, welche die vielen Gemeinde- und Kirchenbücher, Taufregister und Steuerlisten, die von der Kriegsfurie waren vernichtet oder verschleudert worden, so gut es eben gehen wollte, mit oder gegen den Willen der geliebten Untertanen wiederherstellen sollten.
Von dem ersten und wichtigsten Punkte nun, dem der Steuern, abgesehen, lag es den huldreichen Landesvätern am Herzen, durch eine sorgfältige Aufnahme des Familienstandes ihrer Landeskinder die verloren gegangenen Standesregister zu ersetzen, um in späteren Jahren nicht der langen Konskriptionslisten entbehren zu müssen und so um die schönen blankgeputzten Soldaten betrogen zu werden, die so herrlich »Präsentiert's Gewehr« machen können. Die Leute aber hatten in ihrer Untertanentreue den väterlichen Kunstgriff bald losbekommen und verleugneten ihre männliche Nachkommenschaft, wo und wie sie nur immer konnten. Und weil hie und da einer auf dem Betruge ertappt wurde, so wurden die mit diesem Geschäfte betrauten Regierungs-Kommissare immer strenger und mißtrauischer, kontrollierten ihre Bezirke öfter und schrieben manchen zweimal auf, der später nur einmal konskribiert werden konnte.
Eines Tages nun erschien ein solcher Regierungsbeamter in Begleitung eines Schreibers in der Wohnung meines Großoheims, der eben in einem alten vergessenen Buche über ein altes vergessenes Rechtsverfahren las und die eintretende Gesellschaft nicht eher bemerkte, als bis ihn das plötzliche Stillstehen der schnurrenden Spinnräder seiner Frau und Töchter aus dem träumenden Nachdenken weckte. Er klappte also bedächtig das Buch zu, nachdem er vorsichtigerweise durch ein eingebogenes Eselsohr die Stelle bezeichnet hatte, wo er in einem endlosen Fiskalatsprozeß die interessante Lektüre hatte unterbrechen müssen, und fragte die Herren nach ihrem Begehr. Die Frau und die beiden Töchter standen wie bei jedem Besuche, der in den Hafen ihrer Häuslichkeit verschlagen wurde, verlegen und mit überflüssigen Gesichtern in den Ecken, als ob sie sich selbst im Wege wären, während sich die kleine Mauritia, in der Familie herkömmlich »Moritz« geheißen, hinter die geöffnete Tür des Schlafzimmers geflüchtet hatte.
Der Herr Kommissarius nun, der eine Uniform anhatte und für andere Leute streng, für sich selbst aber selbstgefällig schlau aussehen wollte und aufs Haar einem Narren glich, fragte mit geheimnisvoller Weitschweifigkeit vorerst den Familienvater um seinen Namen und Stand, dann um Frau und Kinder, worauf ihm der Großoheim die beiden Töchter vorstellte. Diese traten, nicht eben reizende Gestalten, mit plastischer Unweltläufigkeit, linkisch und hocherrötend, vor und hatten ein Ansehen, als erwarteten sie mit schuldbewußten Mienen, aber heroisch gefaßt, einen grausigen Urteilsspruch. Doch es wurden bloß ihre Namen in die Liste geschrieben, gleichwie vorher die Namen von Vater und Mutter. »Habt ihr sonst keine Kinder?« fragte nun der fremde Mann sehr strenge. »Doch noch ein kleines«, antwortete die Frau, welche ihrem Manne zuvorkommen wollte, »aber Sie werden entschuldigen, es ist noch gar nicht gewaschen und ordentlich angezogen.« – »Das hat nichts zu sagen,« erwiderte der Mann mit wunderbarer Mischung von Herablassung und Strenge. Die kleine Mauritia mußte also vorgestellt werden, und während die Großtante rief: »Moritz, Moritz wo bist du denn, komm einmal her und gib dem Herrn Vetter die Hand,« stürzten die beiden Töchter mit Häscherschritten hinter die Tür, zogen Fräulein Mauritia, die sofort ihr Kriegsgeheul anstimmte, ziemlich gewalttätig hervor, putzten ihr mit einer Schürze die Nase und sahen sie drohend und grimmig an, froh, daß das unbekannte Verhängnis über ihre eigenen Häupter hinweggezogen. Tantchen Moritz aber, in dem beneidenswerten Stadium der Erscheinung sich befindend, in dem es auch dem geprüftesten Kenner nicht möglich wird, sei es aus der Gesichtsbildung, sei es aus der Tracht einen Schluß zu ziehen auf das Geschlecht, dem ein kleiner Weltbürger künftig angehören solle – konzertierte ruhig weiter, während der Großoheim dem Beamten Zeit und Ort der Geburt des kleinen Schreihalses gewissenhaft angab. Schließlich schrieb dieser strenge Mann eigenhändig noch eine Bemerkung in die von seinem Schreiber ausgefüllte Liste und empfahl sich. Der Oheim setzte sich wieder an seinen Prozeß, nachdem er noch für seine Frau und Töchter die erklärenden Worte hatte vernehmen lassen: »Das waren die Herren von der neuen Volkszählung,« und Frau und Töchter setzten sich wieder an ihre Spinnräder, und der kleine Moritz schluchzte sich in einem Winkel in großen Pausen langsam in den Schlaf.
Nach Verlauf von achtzehn Jahren hatte sich manches geändert. Meine Großtante hatte das zeitliche gesegnet, und eine ihrer unmodischen Töchter, die gewiß zeitlebens eine reine Jungfrau gewesen, war ihr nachgefolgt und als grobknochiger Engel und gute Seele zum Himmel aufgeflogen. Die andere war bei ihrem alten Vater geblieben, welcher, wie es schien, so lange leben wollte, bis die Haarbeutel wieder in die Mode kämen. Durch seine geringe Pension allein ließ sich wenigstens sein hohes Alter nicht zureichend erklären. Noch jahrelang sah man seine melancholische Figur als ungestorbenes Gespenst um den Stadtgraben spazieren gehen.
Tante Moritz, »das Jüngste«, war schon mit ihrem zwanzigsten Jahre in die Residenzstadt ihres bundespflichtigen Großstaates und engeren Vaterlandes gekommen. Durch des Schicksals Gunst war sie die Erzieherin der ungezogenen Backfische eines befreundeten Land-Adeligen geworden, der infolge einer unerwarteten und unverdienten Erbschaft in die Stadt und in die Nähe des Hofes übergesiedelt war, wo er sich und seine Söhne in der höheren Kutscherei ausbilden konnte. Da erschien nun eines Tages bei meinem Großonkel ein Magistratsbote mit einer geschriebenen Aufforderung, daß der militärpflichtige Moritz N., Sohn des Reichskammergerichts- usw. usw.-Registraturs-Kanzlisten N., mit 11 Gulden 29 Kreuzern und 2 Pfennigen Strafgeld für versäumte Konskriptions-Anmeldung auf dem Bureau Nr. X zu erscheinen habe. Der alte Mann betrachtete kopfschüttelnd das Papier, zog dann seinen längsten grauen Rock an, auf dessen hohem Kummetkragen sich der Haarbeutel ein fettiges Widerlager zurechtgewetzt hatte, und ging ganz gegen seine gewohnte Stundenordnung auf das Amt. Nachdem er dort infolge des vorschriftsmäßigen Schreibversehens in der Vorladung aus einigen Zimmern hinaus- und in andere hineingebrüllt worden war, kam er, der dieses Verfahren aus eigener Praxis kannte und deshalb ohne Nebengedanken hinnahm, endlich zu dem richtigen Eisenfresser, dem seine Angelegenheit zustand. Mein Großonkel, dem auf dem Wege ein Licht über dem Dunkel aufgegangen war, legte nun Rätsel und Auflösung zugleich vor, indem er die Vermutung begründete, daß seine Tochter Mauritia weiland durch irgendein Versehen als Knabe möchte in die Familienliste eingetragen worden sein. Doch er fand sehr ungnädiges Gehör und die ungläubige Miene eines unduldsamen Besserwissers. Hatte mein Großonkel einen Haarbeutel, so hatte der Beamte einen mächtigen Zopf. Mit beleidigender Genauigkeit ließ dieser seine Aussagen zu Protokoll nehmen und gab ihm nicht undeutlich zu verstehen, daß er ihn für den Mitwisser eines abgekarteten Betruges halte. So wurde er fürs erste mit Unheil verkündender Kälte entlassen. Der Mann mit dem Zopf war schnell hinter der Sache her. Noch ehe mein Großonkel seine Tochter von dem Vorfalle in Kenntnis gesetzt hatte, bekam diese in der Residenz eine Vorladung auf die Polizei. Sie wußte freilich nicht, was sie dort zu schaffen haben sollte; weil aber mit dem hochlöblichen Institute nicht zu spaßen ist, so setzte sie ihren Sonntagshut auf, sah noch einmal in den Spiegel und ging befriedigt über ihr Äußeres – sie die einzige, die es je war – nach dem Polizeiamte. Man sagt zwar: »Jung ist der Teufel schön«, aber Tante Moritz machte die zu jeder Regel gehörige Ausnahme und war auch jung nicht schön. Sie war groß, knochig und mager und sah ihrem Vater ähnlich bis zur Lächerlichkeit. Dieser aber hatte nie wie ein Frauenzimmer ausgesehen. In dieser wenig einnehmenden Außenhülle barg sie aber eine zarte weibliche Seele, verletzbar und scheu, die noch wenig die bittere Gelegenheit gehabt hatte, sich im stoßenden, drängenden Weltgetriebe abzustumpfen. Eine emanzipiert klingende Altstimme, die ihr bis in ihr hohes Alter verblieb und dann der alten Dame besonders würdevoll stand, bildete in ihrer Jugend einzig einen angenehmen Gegensatz zu ihrer frauenzimmerlichen Häßlichkeit, aber leider nicht zu ihrem männlichen Aussehen.