Natürlich vergingen damals die Krämpfe wieder, und die gute Tante hat in der Folge manche schwerere Krankheit zu bestehen gehabt, bis endlich eine sie ganz ablöste und aller Konskriptionsgefahr entrückte. Mit dem gegilbten und verbleichten Nachlasse der braven alten Jungfer, aus dem ich eine ganze Lebensgeschichte von kleinen Freuden und großen Entbehrungen, ein standhaft durchgerungenes Dasein von Armut und Ehre herauslesen mußte, habe ich auch den Militärentlassungsschein geerbt, den ich als ein Andenken an die gute alte Zeit, an die selige Tante, an den Großonkel mit dem Haarbeutel und an die verdrehte Polizei meiner Vaterstadt noch immer aufbewahre.
Henry F. Urban:
Der Eishund
Hört die Geschichte von dem kleinen häßlichen, gelben Eishund, der es auf merkwürdige Weise zu einem hervorragenden und vornehmen Hunde brachte! Den ganzen Tag war er hungrig und frierend, denn es war Winter, in New York herumgelaufen. In der fünften Avenue wichen ihm die aristokratischen Hunde der Dollarköniginnen aus und bemerkten naserümpfend: »Welch ein vulgärer Köter, welch ein Vagabund! Er wird ein Ende mit Schrecken nehmen!« Dann war er bei Anbruch der Dunkelheit in den kahlen, düsteren Park gekommen, und dann war er plötzlich irgendwo hinuntergefallen, auf eine harte, eisige, weite Fläche. Das war wohl das Ende, dachte er. Aber es wurde Tag, ein Tag voll Sonnenlicht, und er lebte immer noch. Er befand sich auf einem gefrorenen Wasserbecken, das Trinkwasser für die New Yorker enthielt. Es bildete ein riesiges, längliches Viereck und war von steinernen Böschungen eingefaßt. Nirgends konnte er heraus. An einer Stelle erblickte er zwei Menschen. Das waren Pat Flaherty und Fred Kaiser, die beiden Parkpolizisten. Sie standen an dem eisernen Geländer des Wasserbeckens, schüttelten die Köpfe und blinzelten mit den Augen, weil auf Schnee und Eis die Sonne sprühte.
»Da ist ja der kleine Köter noch immer auf dem Wasserbecken!« sagte Flaherty. »Er war schon gestern dort.«
»Wahrscheinlich ist er die steile Böschung heruntergerutscht!« meinte Kaiser. »Heraus kann er nicht wieder; es wird Zeit, daß wir ihn fangen. Sonst verhungert er oder ersäuft, denn es taut. Ich werde mal sehen, ob ich ihn fangen kann.«
»Gib acht, Fred!« warnte ihn Flaherty. »Das Eis ist schon dünn an manchen Stellen.«
Aber schon war Kaiser etwas seitwärts von dem Aussichtsturm über die Einfassung geklettert. Hier ersetzten Felsen die künstliche Böschung und erlaubten ihm einen bequemen Abstieg auf das Eis. Er prüfte erst vorsichtig das Eis und versicherte sich, daß es ihn trug, denn er wog 225 Pfund. Aber es schien ihm doch klüger, die Operationen zunächst nicht soweit vom Ufer zu beginnen. Also pfiff er dem kleinen Köter der weit drüben über das Eis trabte. Der Köter blieb stehen und wandte den Kopf nach dem Polizisten. Kaiser pfiff nur noch verlockender. Doch der Köter kam nicht. Er mißtraute den Menschen, insonderheit Polizisten. Ihre Stiefel waren schwerer und härter als andre Stiefel.
»Es nutzt nichts!« rief ihm Flaherty lachend zu. »Du mußt auf das Eis hinaus!«
Rutschend und gleitend, prüfend die Augen auf das Eis heftend, bewegte sich Kaiser über die glatte Fläche.
»Es ist fest!« rief er Flaherty zu und lief etwas zuversichtlicher. Als er dem Köter nahe war, pfiff er und lockte er von neuem – abermals umsonst. Der Köter ergriff die Flucht. Es war ein ausgesucht häßlicher Hund mit graugelben zottigen Haaren. Sein Kopf erinnerte Kaiser an das Bild eines Geigenvirtuosen, das er mal in einer Zeitung gesehen hatte. Nun lief Kaiser hinter dem Hunde her. Immer, wenn er ihm etwas näher kam, bog der Hund scharf zur Seite und Kaiser schlitterte geradeaus. Einmal verlor der dicke Polizist den Halt, setzte sich auf das Eis, daß es krachte, und rutschte noch ein Stück darüber hin. Vom Ufer her erscholl Gelächter. Dort hatten sich ein Dutzend neugierige Leute gesammelt und beobachteten die Jagd. Kaiser raffte sich auf, holte seinen Helm, klopfte sich die Kleidung rein und marschierte über das Eis zurück. Auf halbem Wege kam ihm Flaherty entgegen.