Du erwägst zunächst das Urteil im Raum erscheinend:
Der Gedanke in beiden ist Einer: Ich-Bestand, Ich-Verlangen,
Ich-Tat; Bestand, Verlangen, Tat steht in Ich und Ich sich selbst
gegenüber.
Im Einen wie im Andern derselbe Wille, dieselbe Tat—
widersprechendes Urteil. Jeder der Beiden will die Tat tun, Keiner der
Beiden will die Tat dulden. Wer angreift und siegt, lobt Wollen und
Tun; wer abwehrt und erliegt, schilt Wollen und Tun. Hier Lob, dort
Tadel; Recht dem Einen ist Schuld dem Andern.
Urteil widerspricht sich im Raum.—
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Ferner: Urteil in der Zeit erscheinend: Je nachdem Ich Angriff-Abwehr aufnimmt auf gibt, gestaltet sich das Urteil im Ich. Ich, das angreifend die Tat tun will, Ich, das angegriffen die Tat nicht dulden will—wechselt seinen Stand zur Tat: will, was es dem Andern antun wollte, nicht mehr tun; will selbst erdulden, was der Andere von ihm erdulden sollte—will dulden, nicht tun. Mit gewechseltem Standort wechselt der Wille, mit gewechseltem Wollen wechselt das Urteil. Ich schilt, was es lobte, Ich lobt, was es schalt. Urteil wechselt in der Zeit.—
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Und ferner: Urteil in sich: Je nach dem vierfachen Standort des Ich im Verlangen, je nach zwiefachem Stand des Ich in sich, je nach zwiefachem Stand des Ich außer sich, ist die Beziehung des Ich zum gegenständlich aufgefaßten Gedanken, ist Willen und Urteil des Ich. Ein und das selbe Ding, das selbe Tun, der selbe Vorgang, Ein Geschehen, Ein Gedanke erscheint im Ich als verschieden, als in gegen-Teile zerfallen, als Zweierlei, je nach dem Willensstandort des Ich zum Gedanken—je nachdem der Gedanke dem Ich als Gegensatz zu sich, oder als Gegensatz in sich, als fremder Gegenstand oder als eigener Zustand erscheint. Der einheitliche Gedanke: 'Fraß' wird zweierlei: 'Fraß an dir—Fraß an mir, fressen und gefressen werden'.
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Das selbe Eine unveränderte Ich urteilt über den selben Einen unveränderten Gedanken vom selben Standort zur selben Zeit— zwiefach; zwiefach auf jedem Standort, zwiefach zu jeder Zeit; gut und zugleich böse, schön und zugleich häßlich, recht und zugleich schuld, je nachdem Ich den Gedanken aufnehmen oder abweisen will, je nachdem das Urteil dem eigenen oder dem gegenständlichen Ich gelten soll, je nachdem das Urteil mein Ich—m-Ich, oder dein Ich—d-Ich betrifft. Angreifend hält Ich Angriff für Recht, doch selbst angegriffen für Schuld. Fressend hält Ich das Tun für löblich und gut, doch selbst gefressen für unrecht und böse—, dich fressen ist recht, mich fressen ist schuld'. Lob und Tadel, gut und böse, schön und häßlich, Fraß und nicht Fraß in Einem Atem, Verlangen, urteilend, steht sich selbst gegenüber. Alles Urteil trägt sein Gegenurteil in sich. Wie kein Teil ohne Gegenteil, so kein Urteil ohne Gegenurteil. Urteil ist nicht nur zwiespältig vom zwiefachen Standort des Ich im Raum, nicht nur zwiespältig vom zwiefachen Standort des Ich in der Zeit, Urteil ist zwiespältig in sich.
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Alles Urteil ruht in der Selbstherrlichkeit Ich; alles Urteil im Ich ist will-kür-lich wechselnd. Urteil widerspricht sich im Raum; Urteil wechselt in der Zeit. Alle Entscheidung im Urteil ruht auf Entscheidung im Willen. Willen liegt unmittelbar in jedem Urteil. Urteil und Willen deckt sich. Urteil ist Ausdruck des Willens. Immer ist Willen Lust; immer ist Unwille Leid. Willen hat immer Recht: 'ich habe Lust—ich will; ich leide es nicht—will nicht. Was ich will ist gut; ich will es, darum ist es gut; böse ist was ich nicht will, was nicht ich will, was mich will.' 'ich habe recht' heißt: 'ich will'; 'du hast Unrecht' heißt: 'ich will nicht'; 'du sollst' ist dasselbe wie 'ich will'; 'du darfst nicht' ist dasselbe wie 'ich will nicht'.—Alles Gebot, alles Verbot —müßige Fragen dem Wissenden. Was ich an mich ziehe, nenne ich anziehend; was wider mich ist, ist widerlich; was mir schadet, ist schädlich; was meinen Zwecken dient, ist zweckmäßig; was nicht mir nutzt—nichtsnutzig; was zu schonen ist, ist schön; was ich liebe, ist lieblich; was ich hasse— häßlich. Lust hier ist Leid dort; Lust jetzt ist Leid dann; in Lust ist Leid, in Leid ist Lust; Lust ist Leid, Leid ist Lust. Keine guten und keine bösen Dinge auf der Welt; keine guten, keine bösen Geschöpfe; keine guten, keine bösen Menschen. Böse ist, was zu mir böse ist; gut ist, was zu mir gut ist. Du willst Wirkung aus dir; ungewollte Wirkung auf dich nennst du böse. Gutes wie Böses ist nur in deinem Urteil—sonst nirgends. Du lobst und tadelst dich selbst, je nachdem du am gegen-Stand an-Teil nimmst, je nachdem du dich selbst im gegen-Stand bewußt oder unbewußt empfindest. Du erkennst: es gibt kein Urteil ansich. Urteil ist nur Rechtfertigung, nur Entschuldigung, nur Beschönigung deines Verlangens. Was als Urteil im Ich erscheint ist Willensausdruck. Wille ist Ich. Ich will, Ich urteilt. Es gibt kein Urteil —Ich ist Urteil.— Dies wunderbar Einfache erfaßt die Menschheit nicht.
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