Keine Zeit, kein Raum ohne Ich: einen Augenblick bewußtlos—eine
Ewigkeit bewußtlos.

'In der 'Zeit' heißt vom Ich-bewußtsein als Zustand in sich unmittelbar umfaßt; 'im Raum' heißt mittelbar, vermittelst der Sinne erfaßt. Im Bereich des Ich-bewußtseins heißt Zeit, was darüber hinaus Raum heißt. Vom Ich empfunden—Zeit, vom Ich angeschaut—Raum; seelisch empfunden—Zeit, sinnlich angeschaut—Raum.

Bei gedankenlosem Hinschauen zwar erscheint Zeit und Raum verschieden, verschieden wie Tag und Nacht, wie Vergangenheit und Zukunft, unvereinbar, ewig voneinander getrennt. Ansicht—nicht Einsicht; Wahr-nehmung—nicht Wahrheit. Zeit und Raum sind nicht auseinanderzuhalten: —frage dich, o Teurer, durch welche Bestimmung könnten Zeit und Raum, beide an sich leer an Bestimmung, voneinander verschieden sein? Eines ist, was du in dir Zeit, was du außer dir Raum nennst—zwei Namen für das Selbe: atmendes Verlangen in dir. Sprich es unverstanden nach—mit vorschreitender Erkenntnis gelangst du zu vollem Verständnis.

*

Wie du, dich selber täuschend, den Raum über dir vom Raum unter dir unterscheidest, wie du, dich selber täuschend, Zeit vor dir von Zeit nach dir unterscheidest, so unterscheidest du, dich selber täuschend, Zeit in dir von Raum außer dir. Wie deine Gegenwart im Raum bestimmt, was du hier und was du dort nennst, wie deine Gegenwart in der Zeit bestimmt, was du als vorher und was du als nachher unterscheidest, so bestimmt deine Gegen-wart im Da-sein, was in dir zeitlich, was außer dir räumlich erscheint. Wie deine Gegenwart in Zeit und Raum die Teilung eines Ganzen bestimmt—ein willkürlich gewählter Scheidepunkt, der dir das Recht zu geben scheint, Gegenteiligkeit zu schaffen, ein rechts und ein links, ein oben und ein unten zu unterscheiden, ein vorher und ein nachher, so schafft dein Da-sein, deine Gegen-wart, dein Ich-Bewußtsein,—du selbst—Unterscheidung in einem ungeschiedenen Ganzen, macht dich in Zeit und Raum unterscheiden, was eines ist. Eines—scheinbare Zweiheit. In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, deine eigene Schöpfung die Unterscheidung Zeit und Raum.—Als Zeit empfindest du, was dein eigen, als Raum, was dir entfremdet. Entlassend schaffst du Raum, aufnehmend Zeit, was aus-wendig Raum ist, ist in-wendig Zeit. Dein eigener Widerschein im Ich-Gedanken nennt sich Bestand, Dauer, Wechsel, Zeit; deinen eigenen Widerschein im entlassenen Gedanken nennst du draußen, Gegenstand, Raum. Unterscheidung Zeit und Raum ist Unterscheidung: in dir—außer dir; ist Empfndung und nach außen Verlegung—Auslegung deines inne-Befindens; ist Ein-bildung: Zeit, und Widerspiegelung deiner Einbildung, Vor-stellung: Raum; Ich-zu-stand und Ich-gegen-stand— Ausdruck deiner wechselnden Gesinnung, deiner Zuneigung und Abneigung, Anziehung und Abstoßung, Lust und Unlust, Liebe und Haß, Bejahung und Verneinung, Wille-wider-Wille im Verlangen—Abbild deiner selbst. Zeit und Raum sind nur andre Worte für Ich und du; Unterscheidung Zeit und Raum ist Unterscheidung Ich und Welt—Ausdruck des Zerfalls im Ursprung. Davon wird dir in weiterer Unterweisung volle Klarheit.

*

Besinne dich und du erkennst: ununterschieden in sich ist Zeit und Raum; eines, was du mit ent-zwei-enden Namen bezeichnest; wie rechts und links, wie oben und unten, wie hier und dort, wie jetzt und einst —willkürliche, in sich nichtige Unterscheidung in dir. Und wie du solches von dem Gegen-sinn 'rechts und links', von dem Gegen-sinn 'oben und unten' klar erkannt hast, so wird dir klare Erkenntnis auch vom scheinbaren Gegensinn Zeit und Raum. Aller Gegensatz, alle Einheit ist in dir. Zeit und Raum sind Gestaltung deines Willens; Zeit und Raum sind andre Worte für deinen Willen und für das, was wider deinen Willen— wieder dein Wille ist;—Gestaltung deiner selbst! Eigene Lust dein Wandel; nach eigenem Gefallen wandelst du dich zu Zeit und Raum, wandelst Zeit zu Raum wie rechts zu links, wandelst Raum zu Zeit wie unten zu oben. Es ist so—sprich es unverstanden nach. Die die Welten voneinander hält, diese Brücke überschreite als ein Blinder. Aufleuchten wird einst in dir die Erkenntnis, aus welcher Tiefe solches fließt.

*

Ausgelöscht der Gegensinn von Zeit und Raum; auf Worten beruhend die erscheinende Verschiedenheit; ununterschieden an sich, weder das eine noeh das andre; dasselbe doppelt benannt, zwei Namen fur eines. Und gewiß: ist Zeit gleich Raum, so ist weder Zeit noch Raum. Was du Zeit und Raum nennst—in Gegenteile zerfallene, an sich nichtige Unterscheidung in dir—in Gegensinn auseinanderspaltendes Urteil, deine Willensgestaltung, Spiel deiner Seele, deine eigene Schöpfung—du selbst.

*