Was ist, ist durch Gegensatz: daß die Welle sich hebe, muß ein Wellental sich bilden. Tat ist unablösbar von Leid; kein Tun ohne Dulden. Ich-dasein ist Tat und Duldung. Tat ist am gegen-Stand; Tat ist gegen wider-Stand. Was dem Täter Tat und Lust ist, ist Leid und Duldung dem Widerstehenden. Aller Fraß ist Fressen und Gefressenwerden. Lust und Leid ergänzt sich in Täter und Dulder. Alle Tat ist Frucht des Verlangens: das Verlangen treibt dich; den Trieb erleidend, tust du. Tuend leidest du und leidend tust du. Leid aus sich hinaus verlegt, nennt sich Tat. Wir blinden Menschen erkennen das Leid nicht, wenn wir es Tat nennen. Durch Tat ist Leid, durch Leid Tat. Ich tue das Leid, ich leide die Tat. Ich tue oder dulde Leid. Ich leide, weil du mir Leid antust; ich leide, wenn du mir leid tust. Ich mache mich selbst leiden. Ich empfinde mich außer mir, ich leide in dir. Darum sagt Shánkar-atschárya, Verehrung sei ihm: "Tat—dem Wesen nach Leid". Tat und Widerstand—zwiefach Leid. Leid fordert Lust—Lust fordert Leid. Lust—fremdes Leid, Leid—fremde Lust; Lust ist Wirkung aus dir, Leid—Wirkung auf dich. Der Hammer ist zum Schlag, der Amboß zum Widerstand bestellt. Im Hammer Lust und Leid, im Amboß Leid und Lust. Darum ist Ein Wort für beides: ashma. Was deiner Empfindung-Anschauung gegensätzlich erscheint, Duldung wie Tat, wächst aus derselben Wurzel, unterschieden nur durch unterscheidende Benennung, wie Wille und Unwille, wie Ursache und Wirkung, wie Freiheit und Notwendigkeit, wie Zeit und Raum, wie oben und unten—unterscheidende Namen in dir—Zerfall im Ur-sprung in Ich und Du.
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Eines in sich ist, was du in karma mit gegenteiligen Namen bezeichnest; Eines, was du verlangend Lust, abweisend Leid nennst; dasselbe un-willig-willig getan, willig-un-willig gelitten. Was von Gedankenwellen dir willkommen zuströmt, erbaut dich, baut das Ich in dir; was dir behagt, was du willfährig aufnimmst, was du zustimmend, bejahend, wohlwollend umfaßt; was du einwilligend dir aneignest, was sich dir willig fügt, was dir zu Willen ist, was dein Wille, was du selbst bist, gebärt in dir, deine Seele bewegend—: Zeit, Ursache, Freiheit, Tat und Lust—du tust, dein gegen-Ich-duldet. Was, aus deinem Willen geboren, zu Unwillen in dir wird, was dir als Widerwille Abbruch tut, was dir entgeht, was du unwillig hingibst, unwillig entbehrst, was du widerstrebend empfindest, was dir widersteht, was erwidert, anwidert, was widrig, widerwärtig ist, was wider deinen Willen geschieht, wendet sich gegen dich, gewinnt Macht über dich, unterdrückt dich—aus dem Raum deine Sinne bewegend— als Duldung und Leid, Wirkung fremder Tat, Notwendigkeit—dein nicht-Ich tut, du duldest.
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Du irrst in anfang-endlosem Kreislauf der Erscheinung; du irrst nach Lust, und irrend—irrst du. Dich gelüstet und du wandelst, lustbefangen, deine Empfindung zur Vorstellung, deine Einbildung zur Anschauung, zu-Stand zu gegen-Stand; Wille wird Kraft, Zeit wird Raum, Ursache Wirkung; du schaffst, lustgebunden, Zwang, Gesetz, Duldung, Notwendigkeit; es ist Schrecken und Qual, Nacht und Tod. Dich gelüstet und du ziehst das Abgestoßene, Unlust, Gegenstand, Raum, Kraft, Wirkung, Notwendigkeit Gewordene wieder zustimmend an dich an; nimmst, wider-Stand aufgebend, den Gegensatz wieder wollend in dich auf; wandelst Vorstellung zu Einbildung, wandelst Anschauung zu Empfindung;—durchbrochen ist der Zauber; fremder Gegenstand ist eigener Zustand, was fern schien, ist in dir, was zu fallen schien steigt an, was niederging geht auf und alles Geschehen, was Rückbildung schien wird Entfaltung, was Vernichtung—Entstehen; Kraft wird zu Willen, Raum wird zu Zeit, Wirkung wird Ursache, Duldung —Tat, Notwendigkeit—Freiheit, und was du Leiden und Tod nanntest, ist Leben und Lust. Du wandelst aus eigener Kraft schlaftrunken in eigener Schöpfung; und wandelnd wandelst du dich selbst, wandelnd wandelst du die Welt.
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Freudvoll sind diese Welten—doch vergänglich sind Freuden dieser Welt; vergänglich wie Blüten, welkend wie Jugend, enttäuschend wie Liebesgenuß. Grauenvoll sind diese Welten, wahnbefangen, not und leiderfüllt; ganz im Banne nimmergestillten Verlangens, ganz im Banne ewig friedloser Tat, allen Schrecken preisgegeben, preisgegeben dem Tode. —Eine Welt, in der aller Sieg auf Niederlage ruht, alle Freude auf Schmerz, alle Lust auf Leid, alles Leben auf Vernichtung: vom Brunstschrei bis zum Todesröcheln—eine Welt aus Gier und Fraß, aus Angst und Flucht, aus Kampf und Qual; ein ewig stürmendes Meer— unabsehbar an Raum, endlos an Zeit—an rastlos quellendem Leben übervoll—nur von Einem Gedanken erfüllt, voll nimmer gestillter Gier, ringsum zu töten! und tötend zu leben! Henker und Opfer zugleich, wir blinden Menschen. In allen Höllen und allen Erden dieser Welt—in allen Himmeln!—eine Welt, die sich selbst frißt—nie auszumessendes Maß von Leid.—Wohl dir—wehe dir, daß du blind bist! Wie vermöchte wohl, o Teurer, eine Welt auf tieferem Grauen zu ruhen? Wie vermöchtest du wohl, o Teurer, eine Welt zu ersinnen, grauenvoller als diese? Welten, die andere Welten verschlingen, selbst von anderen Welten verschlungen werden. Grauenvoll sind diese Welten, doch vergänglich ist alles Grauen. Grauenvoll sind diese Welten;—alles Grauen dieser Welten ruht auf Lust!
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Die, erkenntnislos, sich zu Lehrern aufwerfen, reden von guten, reden von schlechten Welten; Toren klagen über Verschlimmerung dieser Welt, Toren träumen von einer Besserung dieser Welt—einer Welt, die ewig auf Verlangen und Widerstand ruht, ewig auf Tat und Duldung, ewig auf Lust und Leid. Dieser Welt Dasein ist durch ur-Sprung, durch zwie-Spalt; durch ent-Zweiung ist diese Welt, durch gegen-Satz, durch wider-Spruch. Wie vermöchte, o Teuerer, bei Menschen, bei Göttern, in Felsen oder Pflanzen, Tat zu schwinden, da Verlangen lebt? Wie vermöchte in der Welt Leid zu schwinden, solange Lust und Tat lebt? Wie gäbe es ein Wirken ohne Ziel, Verlangen ohne Tat, Tat ohne Widerstand, Widerstand ohne Leid? Wie vermöchtest du, o Teurer, in dieser Welt Sieger zu sein ohne Besiegten? Wie ein Selbst ohne Selbstsucht? Ein Ich ohne Du? Wo in dieser Welt weißt du ein Leben ohne Tod? Die Welt ist durch Kampf, Leben durch Vernichtung, aller Aufbau durch Zerstörung, alles Entstehen durch Vergehen: —in allem Werden liegt ver-Werden. Wie vermöchtest du dieser sich also gestaltenden Welt in die Arme zu fallen? Wie vermöchtest du, o Teurer,—Zeit und Raum durchschauend—solcher Täuschung nachzuhangen? Erblinde für diese Welt! von dieser Welt ungeblendet wirst du sehend.
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