Dein Urteil wertet den Gegenstand. Was von Geschehen oder Dingen dir gleichgültig oder wertvoll erscheint, was zweckmäßig oder ziellos, unwiderleglich oder fraglich, vergänglich oder ewig, Zufall oder sogenanntes Gesetz—alle Wahrnehmung und Eigenschaft, unmittelbare Gewißheit oder bloße Benennung—alles außer dir Erscheinende ist aus dir hinausverlegte Vorstellung—sinnlich gewordene Ent-gegnung seelischer Bewegung in dir, Ausdruck deiner Anteilnahme, deiner Wertung, Abschätzung, Maß deines Verlangens—Widerschein deiner selbst. Die ganze Welt außer dir ruht auf Verlangen in dir— einheitliches Verlangen vom ur-teilenden Ich als eigener Zustand oder als fremder Gegen-stand auf gefaßt. Verlangendes Urteil—urteilendes Verlangen in dir ist weltzeugende Kraft—aus dir gezeugte Überzeugung—du selbst. In dir ist Ur-sprung—du selbst bist die in Raum und Zeit erscheinende, die wirkliche Welt; wie gäbe es in der eigenen Erscheinungswelt eine Erscheinung unabhängig von dir? Wie wolltest du die selbstgeschaffene Welt anders als in dir selbst erfassen? Du bist Herr und Maß, Gesetz und Schöpfer aller Dinge und deiner selbst. Was unergründbar bleibt ist unergründbarer Ursprung—Unauflöslichkeit ewiger Wahrheit bist du selbst.

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Ein Heer von Zweifeln stürmt auf dich ein—hoffe auf Erleuchtung —sei der Erleuchtung gewiß.

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Noch einmal:
Alles Urteil ist nur in dir.
Alles Urteil trägt sein gegen-Urteil unmittelbar und unablöslich
in sich.
Alles Urteil hebt sich mit gewechseltem Willen zu nichts auf.
Urteil hat in sich, Urteil hat in dir keine Geltung, ist
gleichgültig, gleich ungültig, bedeutungslos, sinnlos, leer, nichtig
in dir, nichtig in sich.
Du erkennst:
Was du urteilend mit widersprechenden Namen belegst, ist
willkürliche, in 'Gegen'teile auseinanderspaltende, an sich nichtige
Unterscheidung in dir.
Was von solcher Unterscheidung—in dir als Urteil—außer dir
als Eigenschaft der Dinge erscheint, ist Kennzeichnung deiner
Gegen-wart im Verlangen, Kennzeichnung deiner Beziehung zum
gegen-Stand,—dein Standort, dein zu-Stand, dein ver-Stand.
Urteil und Eigenschaft ist deine Empfindung und nach-außen-
Verlegung—Auslegung deines innen-Befindens; deine Einbildung und
Widerspiegelung deiner Einbildung, das ist Vorstellung;
unbewußt-be-wußte Einbildung, bewußt-unbewußte Vorstellung—je nach
deinem Wachsen oder Welken im Atem dieser Welt; Atem des Verlangens:
Lust oder Unlust, Liebe oder Haß; je nach deiner Stimmung ist deine
Bestimmung des gegen-Standes; je nachdem dir zu Mute ist, deine
Zumutung an den Gegenstand; je nach deinem Verhalten dein Dafürhalten;
je nach deinem Befinden ist deine Empfindung; je nach deiner
Einstellung—deine Vorstellung.—Deine Auffassung, Beziehung,
Gesinnung, Neigung, dein Werden-ver-werden schafft Urteil, Namen und
Dinge.
Eines ist, was du urteilend willkürlich scheidest; Eines, was du
durch Willensgegensatz in dir zu Gegensätzen außer dir prägst—
Willensgestaltung, dein Wille und was wider deinen Willen wieder dein
Wille ist: Aus dir gewirkt, auf dich wirkend—Wirkung und
Wirklichkeit dieser Welt—deine eigene Schöpfung—du selbst.
Solches hast du klar erkannt.

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Es gibt kein Urteil an sich.—Aufgegangen in dir ist diese Erkenntnis; von solcher Erkenntnis vermagst du ferner nicht mehr abzuweichen. Bedeutungslos, wenn die verworren denkende Menge solcher Erkenntnis fern bleibt; bedeutungslos, wenn einsichtige und wohlwollende Männer vor solcher Erkenntnis zurückschrecken, wenn solche, die sich für Wissende halten, bisher nicht gleich dir erkannten; bedeutungslos, wenn solche Erkenntnis in keinem der zahllosen Geschöpfe dieser atmenden Welt aufgeleuchtet wäre—von Menschen keinem, von Göttern keinem—wenn du allein stündest mit solcher Erkenntnis—bedeutunglos; unerschüttert bleibt: es gibt kein Urteil. Urteil ist Wille, Wille ist Ich, Ich ist Urteil. Wie im ersten Samenerguß die ganze Menschheit ruht, so ruht alles Urteil im ur-Teil-Ich. Ich-Ur-Teil ist Ich-Urteil. Darum lehrt De-schin-scheg-pa, der Feindbesieger und heilig vollendete Buddha, daß alles Auffassen in der Ichheit ein Nicht-auffassen sei.

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Ausgelöscht sind die in Rede stehenden Begriffe, ausgelöscht alle dazwischen liegenden, alle verwandten Bezeichnungen, Beilegungen, Eigenschaften—ausgelöscht alles Urteil, alles An-sich sein dieser Welt. Alle Unterscheidung durch Urteil—Recht und Schuld, gut und böse, Lob und Tadel, schön und häßlich—Gebot, Verbot—bloße Namen, nur Worte die sogenannten ewigen Gesetze—müßige Fragen dem Wissenden. Ausgelöscht—vernichtet, worauf die Welt gebaut schien—Spiel deiner Seele, ein bloßes Bild, ein Traum—nicht ist Urteil, nicht sind diese Begriffe in Wahrheit. Solches hast du klar erkannt; von solcher Erkenntnis vermagst du ferner nicht mehr abzuweichen… es sei denn, daß du—über dieses hinaus—zu tieferer Einsicht zu gelangen vermöchtest.

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