In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, in deinem Herzen ist Unterscheidung und Wandel der Unterscheidung, in deinem Herzen die Schöpfung dieser Welt. Du selbst schaffst Zeit und Raum, du selbst bist Willen und Kraft, in dir ist Tat und Duldung, Ursache und Folge, Freiheit und Notwendigkeit; durch dich ist Verstand und Urteil, Recht und Schuld, gut und böse, schön und häßlich, durch dich ist diese Welt. Du bist Verlangen und Tat, Gesetz und Richter, Herr und Knecht, Schöpfer und Vernichter deiner Welt, deiner Welt Leben und Atmen— Atma— Ausgelöscht, vernichtet, was unantastbar, was ewig schien—und nur Eines besteht: Ich! Ich und die Welt, die das Ich sich schafft— die Welt mit allem Heil und Unheil, mit aller Herrlichkeit und aller Qual, aller Hoffnung und Enttäuschung, aller Hoheit und aller Nichtigkeit—die Welt des Guten und Bösen. Keine Welt ohne Ich und Verlangen, keine Welt ohne Tat und Tat Widerstand, keine Welt ohne Lust und Leid, keine Welt ohne gut und böse. Untrennbar ist Böses von Gutem, untrennbar Gutes und Böses von Ich und Welt. Ursprung des Bösen ist Ursprung des Ich. Das Böse zu treffen, triff dich selbst. Darum sagt Omar, der Zeltweber: "Ich selbst bin Himmel und Hölle". Dies ist Lösung der Frage, um die du mich angingst—Ursprung des Bösen—Quell alles Guten—restlose Lösung!

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Es gibt nur Ein Böses in der Welt: die Ich-bin-heit— Selbstsucht, und alles was du Sünde, Knechtschaft, Leiden nennst, fließt aus ihr—Samsara. Es gibt nur Ein Gut in der Welt: Selbstlosigkeit—und Erlösung fließt aus ihr—Nirvana. Erlösung vom Bösen ist Erlösung vom Ich. Selbstsucht zu Ende gedacht ist Selbstlosigkeit. Sei selbstlos aus Selbstsucht. Gib alles auf um alles zu gewinnen; du bereicherst dich gebend, nehmend beraubst du dich. Es ist kein anderer Weg zum Gehen—der heilige Weg aus Schein zu Wahrheit, aus Nacht zu Licht, aus Tod zu Unsterblichkeit.

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Noch einmal durchdenke ich mit dir das Geschehen dieser Welt, die zwiefache in gegen-Teile zerfallende Beziehung des Ich zum eigenen gegen-ständlich auf gefaßten Gedanken—: ab-Stand der gegen-Teile von einander und ver-Stand der gegen-Teile zu einander; den Weg aus Standhaftigkeit zu ver-Ständnis, den Weg aus Blindheit zu Erkenntnis, den Weg aus dem Ich zum nicht-Ich. Zwischen Ich im eigen-Stand und Ich im gegen-Stand liegt die trennende Vorstellung—: nicht-Ich. Ich, vom Trugbild der Sinne geblendet, ver-kennt sich im gegenüberstehenden Ich—wie der Hund sich selbst im Spiegel anknurrt. Zwischen Ich und Ich klafft Spaltung, Zwietracht, Zwist, Kampf.

Ich hier: "ja, ich will dich!"

Ich dort: "nein, ich will dich!"

Verlangen lebt, wächst, übersteigt sich—fällt. Henker und Opfer kommen sich entgegen. Ich hier, wie Ich dort, wechselt in seinem Zustand, läßt von seiner Stand-haftigkeit, gibt wider-Stand auf, nimmt ab-Stand vom eigen-Stand, nähert sich seinem gegen-Stand, ver-stellt sich auf den Stand des Gegners, ver-ständigt sich mit ihm, ver-steht ihn—Ich hat Selb-ständ-igkeit aufgegeben, Ich hat ver-Stand gewonnen. Ich hier wie ich dort ändert mit geändertem Stand Ansicht und Willen; Ich ändert sich, Ich wird ein anderes. Ich wandelt in Zeit und Raum; Ich-Standort-Wandel wandelt das Ich. Fremder gegen-Stand wird durch ver-Stand zu eigenem zu-Stand. Ich hier wie Ich dort ist aus Raum in Zeit getreten, Eins mit seinem Gegner: kein Gegner mehr, keine Gegnerschaft, kein Widerwille, kein Widerstand, keine Tat. Ich hat sich durch ver-Ständnis im wider-Ich wieder erkannt—Ich hat Erkenntnis gewonnen, Ich hat im du sich selbst wieder gefunden. Raum entzweit, Zeit eint. Was im Raum geschieden ist, fällt in der Zeit zusammen. Was sinnliche Anschauung trennt, eint seelische Erkenntnis. Ich und Ich, von blinder Anschauung aus-ein-ander gehalten, fallen, sehend geworden in-ein-ander.

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Und noch einmal: Sittlichkeit ist Durchschauen der Erscheinung. Ich ur-Teil, in sich gespalten, von sinnlicher Vorstellung "nicht-Ich" geblendet, in zwei Ich gegen-ein-ander entzweit: