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Es scheint, als sei in dir seelische Empfindung, es scheint, als sei außer dir seelenlose Bewegung; deiner Seele Empfindung, deinen Sinnen Bewegung—Gegensatz und Einheit. Was sinnlich als Gegensatz erscheint, wird seelisch als Einheit erkannt. Was blindem Schauen durch unüberbrückbare Kluft getrennt scheint, unvereinbar und unlösbares Rätsel, ist Eines; Eines, was deinen Sinnen Bewegung, deiner Seele Empfindung ist—je nach sinnlicher oder seelischer Auffassung unterscheidende Benennung, ununterschieden in sich, zwei Worte für das Selbe—: Verlangen in dir. Und wie du in deinem eigenen, einheitlichen, ungespaltenen Verlangen Widerwillen von Willen unterscheidest, beides in dir, beides Eines—du selbst, so unterscheidest du Bewegung von Empfindung, bei des in dir, beides Eines—du selbst. Alle Empfindung ist Bewegung, alle Bewegung—Empfindung; Beid-einheit, seelisch-sinnlich geschaut. Empfindung in dir und die Welt ist bewegt; du durchschaust die Bewegung und still stehen alle Sonnen und Erden, und es empfinden alle Sonnen und Erden, ruhelos Ausgleich suchend.
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Ich ist Ur-sprung. Nichts dieser Welt, was sich nicht im Ich willig-un-willig schafft, zwiefach in Zeit und Raum. Aller Inhalt des Ich durch Gegen-sinn in sich, durch Gegen-stand zu sich. Die ganze Welt im verlangenden, im unter-scheidenden, im ur-teilenden, im ent-zweienden, im ent-zweiten Ich. Ich außer sich verlangend, spaltet in sich selbst, spaltet im Urteil, Wollen und Tun: bejahend verneint Ich, wollend en-will Ich, liebend haßt Ich. Kein Tun ist einwertig. Du vermagst dich keinem Dinge zuzuneigen, ohne dich einem anderen Dinge abzuneigen. Zuneigend neigst du dich ab, abneigend neigst du dich zu. Alle Zuneigung ist Abneigung, alle Abneigung ist Zuneigung. Du bejahst den Satz und verneinst damit den Gegensatz. Du glaubst Eines zu tun und tust zweierlei—: ewiger Zwiespalt, ewiger Ur-sprung in dir selbst. Kein Geschehen, kein Ding, kein Wort, kein Gedanke ist eindeutig. Mit deinem Leibe neigt sich deine Seele. Neigung ist körperliche Bewegung, Neigung ist seelische Empfindung. Neigung deines Leibes ist Neigung deiner Seele; seelische Neigung erscheint deinen Sinnen als Körperbewegung; Körperbewegung ist in dir als seelische Neigung wach. Neigung ist seelisch und sinnlich zugleich. In einem Worte ist Einheit von Zuneigung und Abneigung, Einheit von Empfindung und Bewegung, Einheit von Leib und Seele. Im einheitlichen Worte liegt sich selbst aufhebender Gegensinn: Ich und du, innen und außen, hier und dort, Zustand und Gegenstand, Zeit und Raum, Gedanke und Tat, Seele und Sinnlichkeit, Unfaßbares und greifbare Wirklichkeit; in einem Worte Anziehung und Abstoßung, Aufflammen und Verlöschen, Lust und Leid, Himmel und Hölle, Leben und Tod. In jedem Worte spiegelt sich zerfallene Einheit. Gegensinn im einheitlichen Wort—Einheit gegensinnlicher Worte ist Lösung nie gelöster Rätsel, Lösung nie gelösten Widerspruchs; törichter Streit durch Jahrtausende—: Allgottheit, Göttervielheit; Gutes und Böses in Gott; Wesenseinheit oder Doppelwesen der Welt; Weltgeist oder Weltenstoff; Allseele oder Seelenvielheit; Ursächlichkeit oder Selb-einheit; Zweck oder Zufall; eherne Naturgesetze oder freie Schöpfung—wie auch Irrende die seelisch sinnliche Kluft benannt haben mögen—müßige Fragen dem Wissenden, Lösung aller Gegensätze, Lösung des Widerspruchs dieser durch Widerspruch werdenden Welt.
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Und ferner, o Teurer, Lösung nie gelöster Rätsel—: das Wunder der Verkörperung. Es offenbare sich dir, aus welchen Tiefen solche Lösung fließt und der Weg zu Erlösung. Du fühlst dich Körper, du weißt dich Seele. Du empfindest dich selbst unmittelbar, du schaust aus dir mittelbar durch Sinne. Deine Sinne nehmen sinnlich wahr; Seele in dir nimmt sinnlich Geschautes für wahr. Auf fünffach verschlungenen Sinnenwegen suchend, seelenblind für alle Seele außer dir, verkennst du alles, was du nicht selbst bist und dich selbst. Du begreifst die ganze Welt sinnlich; du nimmst dich selbst sinnlich wahr. Also seelenblind schauend glaubst du dich von Allseele abgeschieden, vermagst abgeschieden Erachtetes nicht mehr seelisch zu dir zu einen. Was du nicht mehr als eigen erkennst, deuten deine Sinne als außer dir; du vermagst, was dir außen dünkt, nicht anders als fremd, als räumlich dir gegen-über-stehend, als gegen-ständlich zu dir aufzufassen; du kannst, was du nicht selbst bist, nur als Gegenstand schauen. Alles nicht-Ich muß dir Ding und Körper sein.
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Also sieht Seele kraft ihrer Sinne Körper; also ist Seele sinnlich erfaßt: Körper. Also sind Körper: Körper durch wahrnehmende Sinne—Körper durch Verkörperung der Seele, zwiefach Eines. Empfindend bist du Seele, empfunden Leib; be-seelter Körper— verkörperte Seele. Sinnliche Gestalt ist seelische Gestaltung, leibliche Zeugung—seelische Über-zeugung; Beid-einheit—: Gedanke leibhaftig geworden, dein schaffendes Verlangen. Du verlangst und es wird Ding und Bewegung, du verlangst und es ist Empfindung und Seele: —gottabgewandt: Welt—weltabgewandt: Gottheit genannt. Alles was dir als Wirklichkeit erscheint—welche Namen es auch trage—ist Seele, von Seele in dir sinnlich erfaßt. Seele—alles andere Sinnenmitgift. Alle Gestaltung Seele, alle Gebilde in die Sinne fallende Erscheinung—Sinn-bild der Seele—Seele im Bannkreis der Sinne—Seele in irdischer Umhüllung—in Sinnenwelt versunkene Gottheit. Nur für irdische Augen ist diese Welt—Samsara; seelisch durchschaut versinkt die Erscheinungswelt deinen Sinnen; nur für seelisches Schauen ist Erlösung—Verklärung der Welt—der Seele Seeligkeit—Nirvana.
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Raum-zeitlose Seele in zeit-räumlicher Welt.
Im unendlichen Raum alles zeitlos; in ewiger Zeit alles raumlos.
Ohne Raum ist alles im Laufe der unendlichen Zeit; ohne Zeit ist alles
im unendlichen Raum.
In der Zeit ist die Gegenwart—ohne Dauer, und nur im zeitlosen
Gedanken zu fassen. Im Raum ist der Punkt—ohne Ausdehnung, und nur
im raumlosen Gedanken zu fassen; in Zeit und Raum erscheinende
Körperlichkeit ist endlos teilbar, also körperlos und nur in Gedanken
zu fassen. Urteil von Zeit—nicht Zeit; Urteil von Raum—nicht
Raum; Urteil von Körper—nicht Körper. Das letzt Denkbare von Zeit,
das letzt Denkbare von Raum, das letzt Denkbare von Körper ist Gedanke
im Ich. Das letztdenkbare Urteil der Welt ist Ich-urteil.
Im Ich ist Bindung und Lösung dieser Welt.
Ich, erscheinend, ist Zeit in Raum, ist Empfindung in Bewegung,
Willen in Kraft, Ursache in Wirkung, Freiheit in Notwendigkeit,
Selbigkeit in Ursächlichkeit, Seele in Leib, Wahrheit in Täuschung,
Wesen in Schein.—Denkt die Welt, so denkt sie: Ich.
Zeiteinbildung, Raumvorstellung, Körperwahrnehmung—die Welt—
entspringt und endet im Ich. Ich-gegenwart ist Zeitewigkeit, ist
Raumunendlichkeit, ist Körper und Wirklichkeit.
Zeit-räumliches Ich aus raum-zeitloser Seele.
Davon ist gesagt: >>das Weltall hat nur in mir Bestand.<<