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Ich ist ur-Teil im entzweienden Ursprung der Welt. Ich ur-Teil, vom All abgesondert—un-zu-langend—ver-langt zum All zurück; darum ist Ich Verlangen. Ich ist ungestilltes Verlangen; Ich ist unstillbares Verlangen; Ich ist nur durch Verlangen. Ich, sich selbst wollend, muß Alles zu sich wollen, so lange Ich—Ich ist. Ich ist worin Ich erwacht. Ich ist was sich im Ich bewußt wird, was Ich sich einbildet, was sich im Ich bildet, was Leben im Ich gewinnt nennt sich Ich. Ich-inhalt erachtet sich für »Ich«. Ich ragt über sich hinaus: Ich ist was Ich wollend umfaßt, was Ich nicht wollend umfaßt, was Ich wollend nicht umfaßt; Ich ist soweit Ich-auffassung reicht. Kein Ich, wenn nichts umfassend; kein Ich, wenn allumfassend. Ich entspringt, Ich endet im Verlangen; Ich wechselt in sich mit seinem Verlangen; Ich wechselt in sich mit wechselndem Gegenstand; mit anderem nicht-Ich ist anderes Ich. Ich besteht ohne eigenen Bestand—ewig neu geborene Gegenwart, ewig erneute, ewig vernichtete Selbstherrlichkeit; das ewig Vergängliche aus dem ewig Unvergänglichen. Der Glaube, als habe das Ich ein Sein in sich, schafft Ich, erhält Ich, endet mit Ich—ein Nichts, das Alles ist. Ich ist Teil, so lange es sich Teil glaubt. Gibt Ich sich auf, so ist Ich alles.
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Ist Einbildung Ich, so ist Vorstellung nicht-Ich. Alles Ich baut sich auf am nicht-Ich; am nicht-Ich-gegen-stand findet Ich seinen Rück-halt; durch Wider-stand gegen alles nicht-Ich ist das Ich. Ich lebt nur durch Gegensatz—durch Gegensatz zu sich: Raum, durch Gegensatz in sich: Zeit. Verlangend einigt Ich allen räumlichen, allen zeitlichen Gegensatz in sich. Ich, alles nicht-Ich zu sich anziehend, stößt alles nicht-Ich von sich ab. Verlangend schwankt Ich von s-Ich zu nicht-Ich, von nicht-Ich zu s-Ich zurück. Ich verlangen spiegelt sich im nicht-Ich; nicht-Ich wirft das Ich verlangen zurück. In dem Maße wie Ich verlangt, widersteht das nicht-Ich dem Verlangen; in dem Maße wie Ich zu sich verlangt, wird Ich vom nicht-Ich verlangt—Ergreifend, ist Ich ergriffen. Also ist zwischen Ich und Ich Anziehung im Verlangen; also ist zwischen Ich und Ich Abstoßung im Verlangen; also ist Verlangen Anziehung und Abstoßung zugleich; also hält Verlangen Ich und Ich auseinander; also ist Verlangen nach Vereinigung zu sich Hindernis der Einigung—das Verbindende ist das Trennende. Ich will das All zu sich, enwill sich zum All— weltschöpferischer Irrtum.
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Ich überträgt sich ins nicht-Ich. Verlangend tritt Ich aus sich hinaus, langt außer sich, ist nicht mehr bei sich, ist außer sich, ist in seinem Gegenstand—Ich im nicht-Ich. Ich weiß nur von sich; Ich empfindet immer nur sich selbst; s-Ich einbildend stellt Ich s-Ich vor; vorstellend faßt Ich sich selbst gegen-ständlich auf. Wie Ich sich im gegen-Stand empfindet, so empfindet Ich den Gegenstand. Gegenstand dem Ich ist Ich im gegen-Stand. Soweit Ich den Gegenstand empfindet, soweit ist Zerklüftung im Ursprung überwunden, soweit ist das Empfindende und das Empfundene Eines. Die Empfindung ist das Empfundene. Ich-zu-stand im Gegen-stand nennt sich selbst mit anderen Namen. Ich verkennt sich im du—wie ein Hund sein eigenes Bild im Spiegel anknurrt. Eines ist Zustand und Gegenstand. Eines ist Ich und du— Einheit in sich, in dir unterscheidende Namen. Im Verlangen liegt Ich und nicht-Ich; im Verlangen fällt Ich und nicht-Ich aus-einander. Was Ich verlangend nicht will, will nicht Ich, will ein nicht-Ich—"ich will nicht" das heißt: "du willst". Ich und Ich—zerfallene Einheit, geschaffen und auseinander gehalten durch blindes Verlangen. Davon ist gesagt: "ich bin du".
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Alles was außer Ich ist, ist aus Ich. Alles nicht-Ich beginnt und endet im Herzen des Ich. Wie im Willen Unwillen liegt, so liegt im Ich das nicht-Ich. Ich will durch Willen und Unwillen; Willen wie Unwillen ist Ich-verlangen. Willen wie Unwillen hat dasselbe Ziel. Ich-loser Wille undenkbar; ziel-loser Wille, Wille ohne Gegen-stand des Wollens undenkbar. Ich will durch Bejahung und Verneinung: sogenannte Verneinung des Willens ist Bejahung geänderten Willens—das Eine Verlangen bei gewechseltem Ziel. In sich verneinen heißt außer sich bejahen; in sich vernichten heißt aus sich hinaus schaffen; aus sich hinaus schaffen heißt außer sich schaffen. Unwillig aus dir Entlassenes weicht aus dem Bereich deiner Seele, fällt in den Bannkreis deiner Sinne, tritt, selbständig geworden—ein eigenes Ich—dir sinnlich gegenüber. Abstoßung im Ich ist das Abgestoßene, ist aus eigenem Zustand geschaffener Gegen-stand. Das Angezogene ist im Ich Anziehung; das Angezogene ist Gegenstand im Zustand Ich: —Verlangen im Ich ist das nicht-Ich— Verlangen vom Ich ausgesprochen, vom nicht-Ich, dem Widerschein des Ich, 'wieder' ausgesprochen, das ist 'wider'sprochen, sieht sich selbst gegenüber, tritt sich selbst entgegen, ist sich selbst Gegenstand des Verlangens. Die Welt sich selbst wollend—darum ist Welt.
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Das Außereinander von Ich und Welt ist Erscheinung; das Durchschauen des Scheines ist Erlösung.—Verlangen im Ich ist das nicht-Ich; Verlangen im Ich ist die sich schaffende Welt; alles Geschaffene erkennt sich im erkennenden Ich. Kein Ich ohne Welt; das Verlangen in dir schafft die Welt, darum ist die Welt dein Verlangen; darum verlangt dich nach der Welt. Die Welt wird und wirkt wie du, verlangend, die Welt wirkst. Die Welt ist, so lange du an dich und deine Welt glaubst—mit dir entsteht, mit dir vergeht deine Welt. Keine Welt ohne Ich—: Ich geht in der Welt auf, die Welt geht im Ich auf; darum lösen sich vom Ich aus alle Fragen dieser Welt—: endlos wechselnde Namen endlos wechselnden Verlangens in dir— Widerschein deiner selbst—Und die ganze Welt erlangend, erlangst du dich selbst—nichts mehr. Verlangen ist Gedanke in dir; denken heißt urteilen, urteilen heißt zeugen. Dein Gedanke ist Dasein, dein Glaube ist Schöpfung, deine Überzeugung ist Zeugung. Eines ist der Schaffende mit dem Geschaffenen, Eines ist Ich und Welt. Davon ist gesagt: "der, fürwahr, baut aus sich diese ganze Welt— und ist ihre Vernichtung, der solches weiß." Du schaffst die Welt, die Welt schafft dich—schafft sich in dir. Die Welt sich selbst schaffend, sich selbst schauend, sich selbst verlangend, sich selbst vernichtend.