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Vielfach ist in Suchenden der Gedanke aufgestiegen, in Erkenntnis suchenden Weisen mancher Völker alter und neuer Zeiten; ausgesprochen hat die Lehre von den Gegensätzen Bhagavad-gîta-upanishad mit deutlichen Worten, aber unverstanden von der Menschheit blieb die Erkenntnis, unerkannt in ihren Tiefen: "Alle Geschöpfe dieser Welt lassen sich vom Trugbild der Gegensätze betören, die sie, liebend oder hassend, sich selber schaffen."

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Uraltes Wissen, o Teurer, verkündige ich dir wieder, Lösung nie gelöster Rätsel, Lösung des Weltwiderspruchs; der Erkenntnis Urgrund, die Lehre vom Gegensinn in der Erscheinung—dvamdva-vidya—die Lehre von der sich selbst aufhebenden Welt.

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Also ist die Unterweisung: Weltursprung—durch Ur-sprung: Ent-zweiung in ur-Teil und gegen-Teil, Ich und nicht-Ich. Weil durch Ur-sprung Kluft ist, darum steht alles dieser Welt ein-ander unerkannt gegen-über, darum ist alles dieser Welt durch Gegen-sinn, darum sieht alles dieser Welt einander als Gegen-stand, darum ist Widerspruch in der Erscheinung endlos, darum ist ewiger Kampf Davon ist gesagt: "Zweiheitlich ward All-Einheit, Wahrheit und Täuschung an sich zu erleben." "Ich weiß warum die Welt ist: Gott wollte leiden".

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Gegenteile schaffen sich aus-ein-ander, Gegenteile heben einander auf; Gegenteile scheinen endlos weit von einander, Gegenteile berühren einander; Gegenteile fallen, auseinander tretend, in einander; wie Ost und West auseinandertretend im Rücken der Erde ineinanderfallen, wie West im Osten, wie Ost im Westen wiederkehrt; wie Ost zu Ende gedacht zu West wird und West zu Ost; wie aller Gedanke zu Ende gedacht, durch seinen Gegensinn hindurch in sich selbst zurückkehrt—der geraden, nach durch messenem All in sich zurückkehrenden Linie vergleichbar. Wie farbloses Licht in Gegenfarben zerfällt, wie Gegenfarben, vereint, einander zu Farblosigkeit ergänzen, so ergänzen aus-ein-ander gefallene Gegenteile, vereint, einander zu nichts. Aller Gegensatz ist den Gegensätzen an einer Kugel vergleichbar; Vergleichbar den Gegensätzen eines im Kreise schwingenden Pendels. Aller Gegensatz dieser Welt erscheint durch wechselndes Urteil sinnlicher Wahrnehmung—bloße Auffassung im Ich. Mächtig bewegte Sterne stehen deinen Sinnen still; still stehende Sterne siehst du mit dem Himmelsgewölbe mächtig über dir bewegt.— Savitar hebt sich aus dem Meere: du schaust Sonnenaufgang; was dir Sonnenaufgang ist, ist Anderen Sonnenuntergang; was dir oder Anderen Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang, ist weder Aufgang noch Untergang —Savitar strahlt ewigen Tag. Indessen du die Sonne steigen siehst, sehen andere dieselbe Sonne fallen; es vermag die Sonne nicht zu steigen ohne zu fallen, vermag nicht zu fallen ohne zu steigen, steigt und fällt zu gleicher Zeit—steigt weder noch fällt.—Innere Erden scheinen im rechten Laufe umzukehren; Wandelsterne und Monde, Sonnen und Erden, nach überstiegenem Höhepunkt, werden rückläufig. Kein Gegensatz im rechten Laufe, keine Umkehr, kein Rücklauf—irriges Urteil vom wechselnden Standort des irrig schauenden Ich. Ich, zeiträumlich atmend, wechselt Standort, Ansicht, Urteil. Durch Ich-urteil-wechsel ist Gegensatz. Ur-teilend schafft Ich in sich zeitlichen Gegensatz—außer sich räumlichen Gegensatz. Wechselndes Urteil im Ich zeugt für Gegensinn im Einheitlichen— zeugt für Einheit im Gegensatz. Aller Gegensatz geht auf—wird und vergeht—im Ich; Ich schafft, Ich vernichtet allen Gegensatz. Nur in einem 'Ich' ist Willenswechsel, nur in einem 'Ich' ist Urteilsgegensatz; mit aufgehobenem 'Ich' ist aller Gegensatz aufgehoben. Scheinen Gegensätze, so ist Einheit. Ist das Eine Gegensatz des Anderen, so ist das Eine gleich dem Anderen—so ist weder das Eine noch das Andere.

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Raum-anstoß ist Zeitfolge: Wechselt Ich aus sich hinaus, so empfindet Ich durch nicht-Ich räumliche Wider-stand-wirkung, das ist—: wirklicher Gegensatz. Durch Widerstand Empfindung wechselt Ich in sich zeitlich eigene Empfindung, das ist—: eigentlicher Gegensatz.—Ur sache aus mir —Wirkung auf mich: Ich-m-Ich; wirklich räumlicher—eigentlich zeitlicher Gegensatz.—: Beid-einheit.—Raumanstoß ist Zeitfolge. Durch Zerfall im Ur-sprung: Urgegensinn; das ist sinnlich- seelische Auffassung in Ich und Ich. Eines ist innen und außen, Eines Ursache und Wirkung, Eines Zeit und Raum, Eines eigentlich und wirklich, Eines Bewegung und Empfindung, Eines Seele und Leib, Eines Ich und nicht-Ich—: durch Ich-ur-Teil, das ist durch Ich-Urteil sinnlich geschaffene Teilungserscheinung—Ur-sprung im Ich. Dvamdva—: aus Einheit Ich gezeugte gegen-Teile, Gegensinn und Gegenstand, Gedanken und Dinge gegenseitig gezeugt, gegenseitig gepaart; Hälften, die getrennt, einander zu nichts aufheben; die vereint, einander zu nichts ergänzen; Eigenschaffungen, die durch Spaltung sind und nicht sind—getrennt und vereint nicht sind. Daraus ist: Gegensinn im einheitlichen Wort, daraus ist: Einheit gegensätzlicher Worte. Nimmerrastender Widerschein des spaltenden Ursprungs, nichtige Schöpfung im Ich—Trugbild des Seins.