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Sinnlich geschaut: Durch Ursprung Raum, durch Raum Zeit; im Ursprung inzwischen entzweiten Teilen die sich schaffende Welt; die Welt in der Kluft inzwischen Ich und nicht Ich. Alle Wirklichkeit dieser Welt rastlos wechselnde Beziehung inzwischen Ich-zustand in sich—Ich-zustand im Gegen-Stand. Endloser Kreislauf der Erscheinung von Gegensinn zu Gegenstand, von Ich zu nicht-Ich, von nicht-Ich zu Ich zurück.— Gegensinn in s-Ich die werdende, Gegenstand zu s-Ich die gewordene Welt. Alles zeiträumliche Außereinander ist im Ich, alle Unterscheidung, aller Gegensatz, alle Worte, alle Vielheit—im Ich ist Ur-sprung und Unendlichkeit dieser Welt. Eines ist was du, durch ur-teilenden Willensgegensatz in dir, zu Gegensätzen außer dir prägst; Eines ist was du, ur-teilend, entzweit schaust—: willkürliche, an sich nichtige Unterscheidung, endlose Gestaltung deines in Einhauch und Aushauch atmenden Verlangens— deine eigene Schöpfung—du selbst. Davon sagt des Heilweges Buch des Lehrers Lao: "Diese Einheit der Gegensätze bezeichne ich als den Urgrund, die große Tiefe und das der Erkenntnis geöffnete Tor."
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Und noch einmal: Durch Ur-sprung-erscheinung scheint Entzweiung. Jedes der beiden Teile lebt das Leben des anderen—gleichwertige Bruchstücke. Durch Kluft geblendet verkennt sich eines im anderen—Sündenfall. Dem also gewordenen Zwiespalt folgt alle Erscheinung: aller Gedanke, alles Urteil, alles Wort—Wille und Tat gegen sich selbst gerichtet. Alles Urteil Widerspruch in sich;—Sinn und Widersinn in-ein-ander. Alle Unterscheidung in Wort und Urteil bedeutungslos— in sich selbst aufgehoben—bloße Lautver-schiedenheit. Nur Eines ist—alles Erscheinende ist irrendes Verlangen im Ich zum Ziel, nichts mehr.
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Wahn-sinn das Wesen der Welt in Worte fassen zu wollen. Seele,
Kraft, Geist, Stoff, Gedanke—Gottheit—gleichviel mit welchen
Lauten du das benennst, was dich lebt.
Erscheinung dieser Welt schafft sich, durchschaut sich, hebt sich
auf.
Was sich also erscheinend schafft, ist nicht Wahrheit—ist nicht
Täuschung—ist ewig vergängliches Sinn-bild des Ewigen.
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So lautet die Lehre von der sich selbst als nichtig aufweisenden
Erscheinungswelt—der Erkenntnis Höhe und Tiefe, der Erkenntnis
eherner Kern und Anker.
Und was du, o Teurer, durch solche Erkenntnis verlierst ist ein
Nichts; und was du durch solche Erkenntnis gewinnst ist Alles.
So lange dir der tiefen Lehre volles Verständnis nicht aufgegangen
ist, o Teurer! so lange wisse dich fern vom Hohenziele der Erkenntnis.
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Die ganze Sinnenwelt wächst, sich verklärend, zu Gottheit. Alles Samsara ist Verlangen nach Nirvana. Je nach dem Ziele deines eigenen Verlangens, nach Samsara oder nach Nirvana erscheint dir das Geschehen dieser Welt Vorgang oder Rückschritt, ziellos oder zielbewußt, blinder Zufall oder unabwendbare Bestimmung. Weder das Eine noch das Andere— in sich freie, durch Gegensinn in der Erscheinung gebrochene Kraft in dir—dein schaffendes Verlangen. Das Ziel der Welt bist du selbst, o Teurer! In dir, mit jedem Atemzug wechselnd, alle Stufen der Weltenschöpfung— Weltenvernichtung; von Samsara zu Nirvana, von Nirvana zu Samsara rastlos gegeneinander schwankend. Samsara heißt sich in irdischer Anschauung verlieren. Nirvana heißt sich wiederfinden. Irdisches Verlangen rückt Nirvana in zeit-räumliche Fernen—Nirvana ist—wenn dich nicht mehr nach Nirvana verlangt. Ewigkeit des Ursprungs im Ich, Ewigkeit der Weltenschöpfung und Weltenvernichtung. Ich, besinnungslos Seeligkeit außer sich suchend, jagt nach selbstgeschaffenen Trugbildern—Sinnenkampf zu Samsara; Ich, sich auf sich selbst besinnend, wendet sich von irdischen Trugbildern ab—Seelenkampf zu Nirvana. Verlangend schafft Ich Samsara, Verlangen verklärend schafft Ich Nirvana; Samsara und Nirvana schafft sich im verlangenden Ich. Blinder Kreislauf des Verlangens, Kreislauf der Wiedergeburt.—Samsara ist Verlangen; mit schweigendem Verlangen ist Nirvana. Wie ein Kind im nichtigen Spiele zum Manne wächst, so wachsen wir Menschen in Samsara zu Nirvana. Samsara hält uns das blendende Schild vor—gläubig hasten wir danach—und erwachen in Nirvana. Die große Täuschung, o Teurer, die ewige Torheit—Samsara—der weite Irrweg zu Nirvana!—Du folgst dem ewigen Kreislauf erkennend oder blind; du nahst dem ewigen Ziele unwillig-willig—aus Gottheit zu Gott und Gottheit—unser aller Ziel. Samsara ein Alles, das nichts ist; Nirvana ein Nichts, das alles ist—unendlich das eine, ewig das Andere—dem Erkennenden Einheit.