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Solches lehren seit Jahrtausenden unsere Brüder, Hohemeister in Tibet, Sser-od in Kâ'gdschur: "Wisse o Sohn der Erhabenen! um dem nach höchstem Ziele strebenden Bôdhisattva alle Schranken und Hindernisse aus dem Wege zu räumen, lehren Wissende die unwandelbare Wahrheit vom ungetrennten Samsara und Nirvana." "Wisse, daß die Buddha Samsara und Nirvana auf das Klarste als unverschieden erkannt haben."

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Keine Wahrheit im vielheitlichen Samsara: Vielheit muß sich selbst widersprechen; zerfallene Einheit hebt sich selbst auf Samsara zeugt blinde Kinder. Erscheinung wie Worte wandeln sinnlos von Sinn zu Gegensinn. Nur dem selbstisch verlangenden, dem einseitig wertenden Ich scheint Sinn in Samsara—wie dem Träumenden Sinn im sinnlosen Traume scheint. Alle Wahrnehmung in Samsara, alle Empfindung, und alle Deutung von Wahrnehmung und Empfindung—bedeutungslos. Lust wie Qual, Bewunderung wie Abscheu und alle Worte aller Welten— bedeutungslos, sinnlos, weil sinnlich.

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Ich, im Gefühl seiner Unzulänglichkeit, verlangt nach Ergänzung außer sich. Zeitlich wechselnde Empfindung im Verlangen, vom Ich ausgelegt, gewinnt sinnliche Gestalt im Raum. Mit Wechsel seelischer Empfindung wird Wechsel sinnlicher Anschauung. Im Ich zeitlich Geschiedenes erscheint, räumlich vorgestellt, als Verschiedenheit— erscheint und ist. Nach ein-ander wird neben-ein-ander; in-ein-ander wird außer-ein-ander. Seelisch empfunden: Gegen-sinn, zeitlich endlos wechselnd; sinnlich angeschaut: Gegen-stand, räumlich endlos vervielfacht. Folge in der Zeit ist Vielheit im Raum. Beid-einheit dem Wissenden. Endloses Verlangen in dir erscheint als endloses Werden— Gedanken zu Worten, Worte zu Dingen verkörpert. Die verlangende Welt denkt durch zahllose Worte Einen Gedanken. Alle Gedanken und alle Worte dieser Welt sagen nur Eines; alle Worte aller Sprachen aller Welten—endlos wechselnder Ausdruck endlosen Verlangens nach Alleinheit. Aus wechselnder Empfindung, wechselndem Urteil, wechselnden Worten schafft sich die Vielheit dieser Welt—die vielheitliche Welt aus dem schaffenden Wort. Davon sagt Tschhandogya-Upanishad: "an Worten haftend ist alle Umwandlung der Erscheinung."

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Aufleuchten möge in dir, o Teurer, voll die Einheitserkenntnis! Der Welten ewiger Ursprung hat nur Ein Ziel; dein rastlos wechselndes Irren nach dem Einen Ziele benennst du mit wechselnden Namen. Dein Wort benennt, dein Wort wertet, dein Wort schafft die Dinge—ein Zweites, glaubst du, sei es, wenn du es anders benennst—Aus Vielheit wertender Worte des wechselnden Urteils in dir schafft sich die Vielheit der Dinge. Endlose Sinnbilder des Einen Gedankens deuten wir sehend Blinden als endlose Vielheit verschiedener Dinge. Erfaß erbarmend wohl die tiefe Blindheit der Menschen!—Blindheit der Führenden und Geführten, Blindheit der Weisesten aller Völker und aller Zeiten—uns Armseligen der Weg zu Erkenntnis—Befangenen unnahbar—Suchenden die offene Schranke—lichte Einsicht dem Erwachenden. Nur Eines ist im Kreislauf der Erscheinung: Ver-langen! schlaftrunken suchendes Verlangen nachdem letzten Ziele.—Erwachen führt aus Verlangen und Tat, aus Gedanken und Worten zu willenloser, zu wortloser Wahrheit. —Wer also sieht, der ist sehend.— Davon sagt Taïttitiya-Upanishad: "Erkenntniswonne wird von keiner Sprache erreicht; vor der Wonne der Erkenntnis kehren alle Worte um, und alle Gedanken."—Ananda.

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Unsere Brüder, Hohepriester in Tübet, lehren seit Jahrtausenden: "Es ist, o Rabdschor, alles Erfassen in der Ichheit ein Nichterfassen. Wissende, o Rabdschor, gehen nicht in die Einbildung: 'Ich' ein. "Wenn ein Wissender also denkt: Wesen ist ohne Ich—Ichlos ist Wesen, solchen nennt De-schin-scheg-pa, der Feindbesieger und heilig vollendete Buddha einen erwacht Erkennenden. "O Rabdschor! Wenn du denken solltest, daß die in wahrhafte Reinheit Eingegangenen jegliches Sein völlig zerstört und demselben ein Ende gemacht haben, so gib, o Rabdschor, solcher Meinung nicht Raum… Es sind dies nur Worte—das Wesen selbst ist unausdenkbar und wird von Unmündigen nicht erkannt. "Das Wesen, o Rabdschor, ist in sich—und ist weder Verschiedenheit noch auch Gleichheit in ihm, weder Sein noch Nichtsein, und volle Erkenntnis hievon wird das allerhöchste wahrhaft rein vollendete Erwachen genannt. "Der Name dieses Lehrbegriffs lautet: "der an das jenseitige Ufer der Erkenntnis Gelangte." Dieser Lehrbegriff, o Rabdschor! ist unergründlich und seine voll gereiften Früchte stelle dir als unergründlich vor."